Gilching: Von der Römerstraße zum Flugtaxi

Die Gemeinde westlich von München kann auf eine lange Geschichte zurückblicken – und ist nun im Hightech-Zeitalter der Flugtaxis angekommen. Aufgrund guter Infrastruktur zieht Gilching aber verstärkt auch Familien und Unternehmen an.

 

Es reiche nicht, dass der Freistaat in öffentlichen Schienenverkehr und Radwege investiere, es müssen auch Straßen gebaut werden – schließlich gebe es noch keine Flugtaxen, scherzte Ilse Aigner (CSU), Bayerische Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr. .

Aigners Anspielung an fliegende Transportmittel anlässlich des Spatenstichs am 27. April 2018 der 21 Millionen Euro teuren Westumfahrung der Gemeinde Gilching hatte durchaus einen lokalen Bezug: Hatte doch ein Jahr zuvor das im Gilchinger ASTO-Park am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen angesiedelte Startup-Unternehmen Lilium Aviation den erfolgreichen Jungfernflug ihres elektrisch betriebenen Flugtaxis gefeiert.Gilchings Bürgermeister Manfred Walter (SPD) hob dagegen den praktischen Nutzen der seit 30 Jahren geplanten und bis Ende 2019 wohl fertig gestellten Westumfahrung für die staugeplagte 19.000-Einwohner-Gemeinde hervor. „Nach Gutachterprognosen ist in Gilching eine Verkehrsentlastung von 20 bis 50 Prozent zu erwarten und wird vor allem in der Römerstraße die Sicherheit deutlich verbessern“, so Walter.

Anbindung an die Via Julia bringt römische Siedlung

Die schnurgerade Römerstraße bildet die Verbindung zwischen dem Bauerndorf Altgilching und dem südlich gelegenen neuen Ortszentrum. Ihren Ursprung hat die Straße in der Via Julia, die vor rund 2000 Jahren  die römische Provinzhauptstadt Augusta Vindelicorum (heute Augsburg) mit Iuvavum (Salzburg) verband. Zeugen der römischen Besiedlung im Raum Gilching, sind eine etwa zwischen 160 und 360 n. Chr. bestehende römische Siedlung südwestlich des Ortsteils St.Gilgen im Mischenrieder Wald und die Reste von zwei Gutshöfen aus dem 2. Jh. n. Chr. bei Steinlach und in der Steinberggegend.

Der Bajuware Giltico prägt den Ortsname

Als die römischen Legionen im 5. Jahrhundert abzogen, wurde der Steinberg und Ölberg von Kelten bewohnt, bis ein bajuwarischer Stamm unter ihrem Sippenältesten Giltico Kiltoahinga die Gegend besiedelte, aus dem sich der Ortsname  ableitete.

804, im vierten Regierungsjahr Kaiser Karls des Großen, wurde der Ort auch erstmals urkundlich durch eine Schenkung Reginharts, dem königlichen Verwalter, an das Kloster Slechdorf (heute: Schlehdorf) erwähnt. Bekannt ist das mittelalterliche Gilching jedoch aufgrund der Arnoldusglocke in der Pfarrkirche St. Vitus (siehe oberstes Bild links), der ältesten noch vorhandene Glocke in Bayern, die Pfarrer Arnoldus zwischen 1180 und 1187 gießen ließ. Diese Glocke ist auch auf dem Ortswappen abgebildet.

Schnelle Zuganbindung an München.

Jahrhunderte war Gilching ein Bauerndorf mit Gehöften, wie sie nich in der Wesslinger Straße typisch erhalten sind (siehe Bild oben links). Mit dem Bau der Eisenbahnlinie München- Herrsching im Jahre 1903 erlebte das bis dahin als reines Haufenwegedorf existierende Gilching am Südhang des Ölberges und des Großen Berges einen bescheidenen Aufschwung.

 

Um diese Zeit errichtete der Münchener Architekt und Kunstexperte Franz Schneider unterhalb des Ölbergs das heute unter dem Namen Villa Rosenburg bekannte spätromantische Schlösschen (siehe Bild links). Es sollte nicht, wie oft vermutet wurde, als Nobelherberge für die mit der neuen Bahn anreisenden Gäste dienen, sondern als privates Wohnhaus mit Atelier. Durch den Bau geriet Schneider jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, weshalb er die Villa verkaufen musste und in die USA auswanderte.

Eine weitere bemerkenswerte Villa ließ der Bauunternehmer Eduard Forner auf einem Baugrundstück des Sägewerksbesitzer Melchior Fanger um 1914 als Landhaus (siehe Bild links oben) errichten, das er zunächst an Ärzte als Wohnhaus und Praxis vermietete und das später von der Mäzenin Marie Lindemann für den Bildhauer Jules Werson erworben wurde. Heute dient das „Wersonhaus“mit seinem idyllischen Garten der Gemeinde als Museum und Kindertagesstätte.

Melchior Fanger betätigte sich als Baumeister und Initiator der Waldkolonie im Wald südlich der Landsberger Straße, wo er Wochenendhäuser für Münchner errichtete. Der Gemeinderat gab am 3. April 1921 die Streusiedlung aus 18 Häusern den Namen Neu-Gilching, das sich bald zum größten Ortsteil entwickelte.

Senkrechtstarter des Flughafen Oberpfaffenhofen

Mit der Eröffnung des Flugplatzes Oberpfaffenhofen 1938 (siehe Bild links) und dem Bau der Dornier-Werke des Friedrichshafener Flugzeugherstellers siedelten sich viele Facharbeiter im gemeindlichen Waldgelände an der heutigen Sonnenstraße (siehe Bild links unten), aber auch in der Merkur-, Venus- und Marsstraße in der sogenannten Dornier-Siedlung an.

Anfang der 1960er-Jahre entwickelte Dornier aufgrund der Initiative von Bundesverteigigungsminister Franz Josef Strauß in Oberpfaffenhofen mit großen finanziellen Aufwand das Senkrechtstarter-Frachtflugzeug Do 31. Am Ende verblieben drei Prototypen und Kosten von über eine Milliarde DM. Für Gilching brachte das Projekt jedoch die Schaffung einiger technisch hochqualifizierter Arbeitsplätze.

Einen weiteren Bevölkerungsschub erfuhr die Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Ansiedlung ausgebombte Münchner Bürger und durch rund 1700 Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten.

Gilching bietet kaum Geschosswohnungen

Mit dem Anschluss an das Münchner-S-Bahnnetz ist Gilching mit seinen drei S-Bahnhöfen zum beliebten Pendlerstandort geworden. Im letzten Jahr wurden in Gilching gut 50 bestehende Häuser – meist zwischen 4000 und 5500 Euro pro Quadratmeter – und rund 40 Neubauhäuser zum Verkauf angeboten.

Neue Eigentumswohnungen, wie etwa im Projekt „living gilching“ in der Landsberger Straße 39 der Wohnform Wohnbau GmbH oder im Talhof 5 der Starnberger See Immobilien, werden für etwa 5500 Euro pro Quadratmeter offeriert.

Die Gemeinde investiert viel Geld in Schulen und andere Infrastruktur

Aufgrund des raschen Anwachsen der Wohnbevölkerung mussten die Gemeindeväter zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen wie Schulbau, Sportanlagen oder für Bauhof und Feuerwehr finanzieren. Mit der Ansiedlung mehrere Gewerbestandorte, wie etwa an der Friedrichshafener Straße am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen oder weiter östlich dem Gewerbegebiet Gilching Süd, gelang es zahlreiche Unternehmen anzusiedeln und zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen zu generieren.

 

Die Gemeinde in Zahlen

 

Gilching ist die nördlichste Gemeinde des Landkreis Starnberg, der südwestlich von München liegt. Im Norden grenzt Gilching an den Landkreis Fürstenfeldbruck mit den Gemeinden (von Westen nach Osten) Graffrath, Schöngeising, Alling sowie der Städte Fürstenfeldbruck  und Germering. Im Südosten grenzt es an die Gemeinde Krailling, im Süden an Gauting, Wessling und Wörthsee, alles ebenfalls Gemeinden des Landkreis Starnberg.

 

Einwohner: Die Gemeinde mit niedrigem Durchschnittsalter hat viele Familien mit Kindern.

Infrastruktur: Gilching ist mit den S-Bahnhöfen Geisenbrunn, Gilching-Argelsried und Neugilching an die Linie S8 des Münchner S-Bahnnetz angeschlossen. Zwei Anschlusstellen verbinden die Gemeinde mit der Autobahn A 96 München - Lindau. Der Sonderflughafen Oberpfaffenhofen wird nur  für Geschäftsflüge genutzt. Einzelhandel befindet sich Am Markt und entlang der Römerstraße und der Landsberger Straße.

Immobilien: Bestehende Einfamilienhäuser werden im Schnitt für 5100 Euro pro Quadratmeter und Doppelhaushälften für 5500 Euro angeboten. Eigentumswohnungen werden vereinzelt offeriert.