Gräfelfing: Die Gartenstadt an der Würm

Die Bürger von Gräfelfing, eine 13.000-Einwohner Gemeinde im Westen von München, gelten als wohlhabend. Dies zeigt sich eindrucksvoll an den vielen schmucken Villen, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge der Gartenstadt-Bewegung erbaut wurde.

 

Vor zwei Jahren feierte Gräfelfing, am westlichen Stadtrand von München gelegen, das 1250-jährige Bestehen. Denn bereits 763 n. Chr. –  anlässlich einer Schenkung an das Kloster in der Scharnitz – wurde Grefolvingas, damals wohl eine bajuwarische Sippensiedlung, erstmals urkundlich erwähnt.

Altes Bauerndorf mit romanischer Kirche

Jahrhundertelang war Gräfelfing ein kleines Dorf rund um die 1315 erbaute, später im Barockstil erweiterte Kirche St. Stephanus. Aufgrund des kargen Bodens war das Leben bescheiden. Das erste bayerische Steuerkataster 1809 führte 32 Höfe in Gräfelfing. Die meisten fielen 1876 einem Brand zum Opfer.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts nahm der Ort jedoch einen rasanten Aufschwung: Entlang der neuen Bahnlinie zum Starnberger See entstanden Ausflugsgaststätten sowie ein Fabrikviertel an der Würm. Etwas später wurden auch die Gräfelfinger Villenkolonien der Terraingesellschaft Gräfelfing nach Entwürfen der Architekten Julius Necker, Ludwig Stadler, Walter Sartorius und Theobald Trenkle gebaut. Die Villen in ihren vielseitigen Baustilen prägen bis heute das Ortsbild.

Jugendstil in der Gartenstadt

Ein bemerkenswertes Beispiel der Architektur dieser Zeit ist auch der alte Teil des Gräfelfinger Friedhofs, der 1913 von Richard Riemerschmid (1868-1957), dem bedeutenden Vertreter des Jugendstils und damaligen Direktor der Münchner Kunstgewerbeschule, gestaltet wurde. Er entwarf die Anlage mit lockeren Baumgruppen, Hecken in der Form von Mustern und Ornamenten, weich fließenden, naturbelassenen Übergängen zwischen Gräbern und Wegen nach dem Vorbild des Münchner Waldfriedhofs. Begraben sind dort Schauspieler wie „Derrick“ Horst Tappert und Winnetou-Darsteller Pierre Brice.

Vielfalt durch liberales Baurecht

Strenge, einheitliche Gestaltungsrichtlinien – wie es sie zum Teil in anderen oberbayerischen Gemeinden gibt – wurden auch für Gräfelfings Wohnbebauung bezüglich des Stils bewusst nicht vorgegeben. So bilden neben zahlreichen erhaltenswerten Ensembles durchaus auch moderne Bauten einen gewünschten Spannungsbogen. Überregional bekannte und renommierte Architekten haben dem Gräfelfinger Ortsbild ihre Handschrift verliehen. So entwarf in den 1930er-Jahren der spätere Kanzlerbungalow-Architekt Sep Ruf hier einige Wohnhäuser, 2006 wurde das vom Münchner Architekturprofessor Florian Nagler entworfene moderne Haus Gerl mit dem Wüstenrot-Preis ausgezeichnet.

Bereits mit dem Ersten Weltkrieg und den folgenden Krisenjahren war der Bau der Gartenstadt zum Erliegen gekommen. Die Bevölkerung nahm mit dem Zweiten Weltkrieg durch Münchner Ausgebombte, Flüchtlinge und Aussiedler stark zu. Der damalige 1. Bürgermeister Paul Diehl versuchte, die Wohnungsknappheit mit einer Wohnungsbaugenossenschaft zu beheben. Doch obwohl ab 1948 aus Kostengründen durch den Bau dieser größeren Wohnblöcke der Grundsatz der Villenbebauung aufgegeben werden musste, hielt man doch an dem seit Jahrzehnten angestrebten Ideal der „Gartenstadt“ fest. Die Bevölkerungszahl stieg kräftig an, bis sie sich ab 1968 bei rund 13.000 einpendelte.

Unternehmer, die Musikbranche und Prominente zieht es nach Gräfeling

Die begehrten Villen sowie der niedrige Gewerbesteuersatz zog viele Unternehmer, Freiberufler, gut verdienende Angestellte und Firmen in die Gemeinde westlich von München, sofern sie es sich leisten können, dort zu wohnen und ein Häuschen zu gergattern.

So wohnten die Komponisten Carl Orff und Werner Egk in Gräfelfing. Später ließen sich Musiker, Schlagersänger und Schauspieler wie Peter Krauss, Heidi Brühl, Günter Sigl, Bata Illic und Ernst Horn sowie Unternehmen der Musikbranche wie das Plattenlabel ECM Records, Doepfer Musikelektronik und der Musikverlag Toyco hier nieder.

 

Niedriger Gewerbesteuersatz lockt internationale Firmen an

Aktuell sorgen eher Unternehmen der Gesundheitsbranche, wie Chromsystems, führenden Hersteller von Reagenzienkits und Flüssigkeitschromatographie sowie FGP Pharma, eines der am schnellsten wachsenden Pharma-Unternehmen in Europas, dafür, dass sich die Gemeindekasse durch Steuern füllt.

Die meisten Unternehmen befinden sich im Gewerbegebiet zwischen den Beiden Ortsteilen Gräfelfing und Lochham südlich der Lindauer Autobahn A96.

Tankstellenbetreiber bezieht moderner Palazzo

Vor drei Jahren verlagerte zudem der Tankstellenbetreiber Allguth seinen Sitz von München nach Gräfelfing. Zunächst hatten die Firmeninhaber, die Brüder Michael und Christian Amberger, geplant, ihreen neuen Firmensitz in das alte Heizkraftwerk von Aubing einbauen zu lassen. Doch schließlich ließen sie ihre Zentrale südlich des Gewerbegebiets an der Würmtaler Straße in Gräfelfing errichten. Entworfen wurde das Gebäude aus acht gleich großen Hausmodulen (siehe Bild links unten) mit davor befindlichen Wasserbassins aus Natursteinen von den Laimer Architekten Lydia Haack und John Höpfner. Aktuell lässt Allguth gegenüber auch einige Wohnhäuser errichten.

Auch der Bauträger Artewo baut in Gräfelfing. Ein 180 Quadratmeter großes Wohnhaus bietet er für 1,7 Millionen Euro ab. Sonst entsteht jedoch kaum neuer Wohnraum. Auch werden wenig bestehende Häuser und kaum Eigentums- oder Mietwohnungen angeboten.

Das für Gräfelfing geltende spezielle degressive Baurecht, nach der ab einer bestimmten Grundstücksgröße das Grundstück weniger dicht bebaut werden darf, verhindert eine wie in anderen Städten übliche Verdichtung mit zusätzlichen neuen Wohngebäuden. So soll die lockere Bebauung der Gartenstadt bewahrt bleiben. Besonders die örtliche SPD kritisiert das degressive Baurecht, während es die Mehrheit der Gräfelfinger Bürgervertreter im Gemeinderat für eine große Errungenschaft halten. Die meisten Gräfelfinger haben kein Interesse an einer dichteren Bebauung.

Die aktuellen Planungen der Stadt sehen stattdessen Maßnahmen zum Lärmschutz vor: Flüsterasphalt statt neue Wohnquartiere.

 

 

Die Gemeinde in Zahlen

 

Gräfelfing ist eine Gemeinde im Landkreis München. Mit ihren Ortsteilen Lochham im Norden und Gräfelfing im Süden grenzt die Gemeinde unmittelbar an die südwestliche Stadtgrenze von München. Im Osten von Gräfelfing liegt der Bezirksteil Neuhadern des Münchner Stadtbezirks Hadern, im Norden (an Lochham) der Bezirksteil Pasing des Münchner Stadtbezirks Pasing-Obermenzing. Die nordwestlich vom Kreuzlinger Forst befinden sich die Bezirksteile Aubing-Süd und Freiham des Münchner Stadtbezirks Aubing-Lochhausen-Langwied. Im Westen von Gräfelfing befindet sich angrenzend die Gemeinde Germering und im Süden die Gemeinde Planegg mit dem Campus Martinsried im Südösten.

 

Einwohner: In der Gemeinde leben viele Familien mit Kindern und viele ältere Menschen. Die Bewohner sind oft wohlhabend: Aktuell liegt Gräfelfing bei der Einkommenssteuerkraft bundesweit hinter Grünwald und Königstein im Taunus auf Platz 3.

Infrastruktur:  Es besteht (Lochham, Gräfelfing) über die S 6 Anbindung an das Münchner S-Bahn-Netz sowie Anschluss an die A96. Gräfelflng verfügt an der Würm, dem Paul-Diehl-Park und dem Kreuzlinger Forst über mehrere Erholungsgebiete.

Immobilien: Für Miet- und Kaufinteressenten gibt kaum Angebot an Wohnungen oder Häuser. Wenn, dann werden Villen und Doppelhaushälften nicht selten über eine Million Euro angeboten.

Weitere Informationen:

Webpräsenz der Gemeinde:  www.graefelfing.de