Ludwigsvorstadt: An der Wiesn bei St. Paul

Ende des 19. Jahrhundert entstand das noble Villenviertel Sankt Paul direkt an der Theresienwiese. In den vergangenen Jahren wurden die Häuser zunehmend gewerblich genutzt. Nun entstehen wieder neue Wohnbauten – deutlich dichter bebaut.

 

Am 12. Oktober 1810 heiratete Kronprinz Ludwig von Wittelsbach Therese von Sachsen-Hildburghausen. Zur Hochzeitsfeier fand ein Pferderennen statt, das aufgrund des großen Anklangs seither nahezu jedes Jahr als Oktoberfest wiederholt wird.

Die Theresienwiese trägt seither den Name der Braut. Die Sichtachsen etlicher Straßen des noblen Wiesnviertels sind zur Bavaria ausgerichtet, die über der Wiese auf der Theresienhöhe thront. Die riesige Skulptur wurde von Ferdinand von Miller aus Erz gegossen und steht vor Leo von Klenzes klassizistischer Ruhmeshalle berühmter Bayern.

Die Villen entstanden erst später. Während wenige Häuser entlang der Schwanthalerstraße Richtung Theresienhöhe bestanden, setzte die Villenbebauung erst ab den 1880er-Jahren nach dem Bau des östlich gelegenen Schlachthofs ein. Der Stadtrat wollte zunächst die heutige Fläche frei halten, beugte sich aber dann dem Druck der Grundeigentümer, die das Areal durch Immobilien- und Terraingesellschaften zu Geld machen wollten. 

Prinzregent und Maler, Gäste und Bewohner des Viertels

1882 legte der Chef der Obersten Baubehörde in der Staatsbauverwaltung, August von Voit, der bereits 1871 die Volksschule in der Schwanthalerstraße (Nr. 87) erbaut hatte, einen Baulinienplan vor, der Georg Hauberrissers Vorschlag einer elliptischen Form der Theresienwiese mit dem Bavariaring als Begrenzung aufgriff. Wichtige Bezugspunkte waren außer der Ruhmes-halle der neu geschaffenen Kaiser-Ludwigsplatz mit dem Theresiengymnasium und die Kirche St. Paul (Bild oben). Dieses in monumentaler Kathedralgotik gestaltete Bauwerk wurde ebenfalls von Hauberrisser entworfen, der 16 Jahre zuvor bereits als Architekturstudent mit dem gewonnenen Wettbewerb für das Neue Rathaus München Berühmtheit erlangt hatte. Finanziert wurde Sankt Paul von den wohlhabenden und selbstbewussten Bürgern des neuen Viertels, darunter etliche Ärzte und Unternehmer, über einen Kirchenverein.

Für sich selbst errichtete Hauberrisser ein Renaissanceschlösschen in Ziegelbauweise an der oberen Schwanthalerstraße (106, Bild links)). Dort pflegte der Baumeister ein offenes Haus und stellte dem Maler Jakob Jehly "mit Freuden sein bestes Atelier“ zur Verfügung, in der er "Butzenscheiben, alten Brokat, geschnitzte Truhen und weiß Gott was sonst noch“ vorfindet, wie sich seine Tochter später erinnert.

Etliche der luxuriösen Villen im neuen Viertel entlang des Bavariarings (10, 11, 18, 19) stammen aber vom  Architekten Emanuel von Seidl. Er selbst bewohnte das Haus am Bavariaring 10 (Bild links) mit der auffälligen St. Georg-Skulptur am Gartentor. In seinem luxuriös ausgestatteten Wohnhaus feierte er Feste und empfing Prominenz wie den mit ihm befreundeten Prinzregenten Luitpold, der das Königreich Bayern von 1886 bis 1911 regierte.

Gebrüder Seidl – die Architekturstars der Prinzregentenzeit

Auch Emanuels Bruder, der Architekt des Lenbachhauses, des Bayerischen Nationalmuseums und des Deutschen Museums,  Gabriel von Seidl, baute ein prächtiges Mietshaus am Bavariaring 24 mit plastischem Dekor von Anton Pruska und einen kleinen Pavillon an der Ecke des Vorgartens. Gabriel von Seidl errichtete 1888 das Mietshaus,  für den wohlhabenden Apotheker Georg Erhard, indem er Motive des barocken Gartenschlösschens aufgriff, mit der Ausstrahlung barock-bajuwarischer Ländlichkeit und vornehmer Bürgerlichkeit (Bild links unten). 

Heilmann und Littmann errichteten Mietshäuser

Die meisten Häuser des Viertels errichtete der Bauunternehmer Jakob Heilmann zusammen mit seinem Schwiegersohn, dem Architekten Max Littmann (Heilmann und Littmann), darunter die eindrucksvolle Villa im Bavariang 37 sowie etliche Mietshäuser in der Güllstraße (3, 4) und der Grimmstraße (1, 2, 3).

Weitere damals bekannte Architekten entwarfen im Wiesnviertel prächtige Gebäude, darunter Konrad Böhm, der Thüringer Villenarchitekt Paul Böhmer, Ernst Fiechter, Franz Kil, Julius Löw, Wilhelm Spannagel, und der Jugendstilarchitekt August Zeh (Bavariaring 4 und 6, Schwanthalerstr. 79). Die Häuser mit den  Atelierfenstern in Nordrichtung wurden von Malern genutzt. Beliebter Künstler-Treffpunkt war dabei Brakls Kunsthaus am Beethovenplatz, dass heute als medizinische Bibliothek dient.

Viele der ehemaligen Bürgerhäuser werden nicht mehr zum Wohnen, sondern von Rechtsanwaltskanzleien, Vermögensverwaltern, Privatkliniken und PR-Unternehmen gewerblich genutzt. 1963 entstand beispielsweise anstelle einer Seidl-Villa ein moderner Verwaltungsbau für die Mannheimer Lebensversicherung nach einem Entwurf des Nachkriegsarchitekten Egon Eiermann.

Aufgrund des stark gestiegenen Preisniveaus für Neubauwohnungen entstehen wieder vermehrt Wohnbauten im Wiesnviertel. So errichtet die MünchenBau in dichter Bebauung in der Schwanthalerstraße 70 den Wohnkomplex TheaterSuiten. Und in der Landwehrstraße 75 hat die IC Campus einen Baugrund für rund 100 Eigentumswohnungen erworben.

Das größte Bauvorhaben realisiert bis 2018 Concept Bau am Bavariaring 8 - 9 mit dem Bavaria Palais mit insgesamt 89 Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen nach Plänen von KSP Jürgen Engel Architekten. Die Kaufpreise beginnen bei rund 7500 Euro pro Quadratmeter und reichen bis  knapp 20.000 Euro – pro Quadratmeter. Für eine 151 Quadratmeter große Terrassenwohnung werden 3,9 Millionen Euro verlangt. Auch die knappen Mietwohnungen werden teuer angeboten: Je nach Sanierungsstand und Lage werden für Altbauten zwischen 17 und gut 30 Euro pro Quadratmeter und Monat verlangt. Aber im Wiesnviertel St. Paul war das Wohnen noch nie besonders erschwinglich. 

Das Viertel in Zahlen

 

St.Paul ist der westlichste Bezirksteil des 2. Münchner Stadtbezirk Ludwigvorstadt-Isarvorstadt. Die Arnulfstraße am Hauptbahnhof bildet die nördliche Begrenzung zum Marsfeld in der Maxvorstadt. Die Linie Hackerbrücke – Grasserstraße – Martin-Greif-Straße und Theresienhöhe bildet die Grenze zum westlich gelegenen Bezirksteil Schanthalerhöhe im gleichnamigen 8. Münchner Stadtbezirk. Südwestlich befindet sich hinter den Gleisanlagen der Stadtteil Untersendling des Stadtbezirks Sendling. Die Lindwurmstraße bildet nach Südosten die Grenze zum Schlachthofviertel und die Linie Herzog-Heinrich-Straße und Paul-Heise-Straße die Grenze zu den Ludwigvorstadt-Kliniken, beides ebenfalls Bezirksteile der Ludwigvorstadt-Isarvorstadt.

 

Einwohner: Im noblen Wiesenviertel wohnen relativ wenige Familien mit Kindern und wenig Senioren. Der Ausländeranteil ist überdurchschnittlich hoch.

Infrastruktur: Es besteht mit der U-Bahn-Haltestelle Theresienwiese Anbindung an die U-Bahn-Linien U4 und U5 sowie über S-Bahn-Bahnhof Hackerbrücke Anschluss an alle S-Bahn-Linien. Nahezu alle Einkaufsmöglichkeiten sind durch die nahe Altstadt gegeben. Große Grünanlagen bestehen mit der Theresienwiese und dem nahen Bavariapark.

Immobilien: Bei der Bebauung des Wiesenviertel handelt es sich weitgehendum eine gefragte Innenstadtlage mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil denkmalgeschützter Gebäude in eine relativ ruhigen Lage mit Gartenstadtcharakter.  Der Mietspiegel weist das gesamte Wiesnviertel daher mit kleinen Ausnahmen als "gute Wohnlage" aus. Als "durchschnittliche Wohnlage" werden die Wohnungen an den stark befahrenen Straßen eingestuft: direkt an der Poccistraße, Lindwurmstraße, der Herzog-Heinrich-Straße, dem Kaiser-Ludwig-Platz. Aber auch das gesamte Gebiet nördlich der ersten Häuserzeile der Petenkoferstraße ist nur noch "durchschnittliche Wohnlage". Der Wohnimmobilienmarkt von St. Paul ist gekennzeichnet von einem geringen Angebot an Eigentumswohnungen und Mietwohnungen der Bestandsgebäude. Als Neubauprojekt dominiert das Bavaria Palais. Die im Bau befindlichen Wohnungen der Theater Suiten der Münchner Bau werden aktuell noch nicht am Markt angeboten.  

Literatur:

Denis A. Chevalley, Timm Weski: Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München Südwest, Band 1 und 2, München, 2004

Rudolf Reiser: Alte Häuser, Große Namen, München, 2009

 

Text: Ulrich Lohrer, erstellt am 14.09.2016,

Bilder: Fotografien von Ulrich Lohrer