Unterföhring: Von Loambaronen und Medienfirmen

Münchens hat seine Existenz der wirtschaftlichen Zerstörung von Feringa zu verdanken. Nun zieht Unterföhrings Standortpolitik florierende Unternehmen und lässt seine Bürger davon profitieren. München könnte davon lernen.

 

Unter den Umlandgemeinden Münchens weist Unterföhring in den vergangenen zehn Jahren mit 42 Prozent den höchsten Einwohnerzuwachs auf. Und die prosperierenden Unternehmen der knapp 11.000 Einwohner zählende Gemeinde ziehen weiter Menschen an.

 Das starke Wachstum könnte bei den Unterföhringern mit Blick in die Vergangenheit eine gewisse Genugtuung auslösen. Der Ort der Sippe Feringa wurde bereits 750 erstmals urkundlich erwähnt, gut 400 Jahre bevor München gegründet wurde.

Die Gründung Münchens hängt mit der Zerstörung der Isarbrücke in Feringa im Jahre 1156 zusammen. Der Welfe und Bayernherzog Heinrich der Löwe hatte dies veranlasst, um den lukrativen Salzhandel aus Berchtesgaden über seine eigene Brücke ◊appuid Munichen“ umzuleiten. Den Rechtsstreit zwischen dem Bischof Otto I. von Freising – Eigentümer der zerstörten Brücke – und dem Löwen entschied Kaiser Barbarossa am 14. Juni 1158 im Augsburger Scheid zugunsten des Welfenherzogs.

 

Münchens Gründungsdatum ist daher auch der Tag, der Föhring wirtschaftlich vernichtete. Später spaltete sich der Ort in Oberföhring, 1913 in München eingemeindet,  und die eigenständige Gemeinde Unterföhring.

Lange Zeit wohnten mehr Menschen in Unterföhring als in Oberföhring. Von 1712 bis 1718 ließ der Bischof von Freising, Johann Franz Eckher von Kapfing, in Unterfföhring von seinem Hofmaurermeister Dominikus Glasl die Pfarrkirche St. Valentin im Barockstil (siehe Bild oben links) neu errichten. Viel Einwohner hatte Unterföhring mit 283 Seelen (1785) zu dieser Zeit nicht.

Zentrum des Ziegelbooms

Erst etwa hundert Jahre später setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der ausgerechnet durch den Bauboom in München ausgelöst wurde. Der Grund war der Lößlehmboden, der sich von Ramersdorf in einer Länge von 15 Kilometern und 2,5 Kilometer Breite bis nach Ismaning erstreckte. Der Lehm wurde von München heraus systematisch nach Norden hin abgebaut. Um 1870 entstand die erste Ziegelei in Unterföhring und in der Folgezeit kamen immer neue Ziegeleien dazu. Die Bauern verkauften Abbaugrundstücke und errichteten sich große Einfirsthöfe wie der "Beim Fuchs“ oder "Beim Greindl“ (siehe Bild links).

Der Kleinbauer Benno Wesch und der Gastwirt Sebastian Beer kamen als Ziegeleibesitzer zu beträchtlichem Wohlstand. Beer errichtete sich eine großbürgerliche Villa im Kirchweg (siehe Bild links unten).

Doch Mitte des 20. Jahrhunderts war die zwei Meter tiefe Lehmschicht abgebaut. In völliger Verkennung dieser Lage errichteten die Nachfahren des "Loambarons“ Benno Welsch noch in den 1960er-Jahren auf ihrem Grundstück ein Maschinenhaus. 

Unterföhring wird Medien- und Versicherungstandort

Zu dieser Zeit hatten die Gemeindeväter sich bereits umorientiert, um zukunftsträchtige Branchen anzusiedeln. Später lockte die Gemeinde Unternehmen mit dem seit 1973 bestehenden S-Bahn-Anschluss, der günstigen Lage zwischen Flughafen und München sowie einem niedrigen Gewerbesteuersatz von 330 Prozent. Doch schon in der Nachkriegszeit wurden die Weichen für die Ansiedlung einer Branche mit Zukunft gestellt, die in der Folge eine eigene Dynamik erhalten sollte: Unterföhring verwandelte sich zum Medienstandort.

 

Bereits in den 1950er-Jahren siedelten sich die Riva Lichttechnische Betriebe an, deren Studios 1962 vom Bayerischen Rundfunk  –BR – (siehe Bild links) und dem ZDF übernommen wurden. Zehn Jahre später, 1972, folgte die Taurus-Film, die spätere Kirch-Gruppe. Der Boom setzte so richtig mit der Privatisierung des Fernsehens Mitte der 1980er-Jahre ein.

Heute befinden sich in Unterföhring auch ProSiebenSat.1 Media SE, der Pay-TV Betreiber Sky Deutschland, der Satellitenbetreiber Astra Deutschland sowie Europas größter Kabelnetzbetreiber Vodafone Kabel Deutschland.

Größter Arbeitgeber in Unterföhring ist jedoch der Versicherungskonzern Allianz, der in den vergangenen 20 Jahren durch Kauf (Swiss Re -Gebäude) und Neubauten ihre Liegenschaften stetig ausgeweitet hat und hier mittlerweile mehr als 6000 Mitarbeiter beschäftigt.

 

Eine Gemeinde expandiert

Entsprechend boomte auch der Wohnbau in der Gemeinde: In den 1950er-Jahren wurde das Gebiet nördlich des alten Dorfkerns bebaut. Im Süden, wo ab 1962 das Münchner Heizkraftwerk-Nord der SWM auf Unterföhringer Gemeindegebiet errichtet wurde, gab es nur vereinzelte Einfamilienhäuser. Ab 1988 entstand aber südlich vom alten Dorfkern und dem Bahnhof das Wohngebiet „Unterföhring Süd“.

Mit den hohen Gewerbesteuereinnahmen wurden auch öffentliche Einrichtungen ausgeweitet: 1982 wurde das Naherholungsgebiet Feringasee eröffnet, 1984 die Kirche in der St.-Florian-Straße eingeweiht, ab 1996 die Tunnelanlage für die S-Bahn und den S-Bahnhof erbaut und 2010 das Bürgerhaus mit Konzerthaus und Bibliothek eingeweiht. Auch wurde eine Geothermieanlage, Sportanlagen und Pflegeeinrichtungen erbaut.

Das aktuelle Großprojekt ist die neue Ortsmitte. Die entsteht auf dem 37.000 Quadratmeter großen, ehemaligen Gelände des Holzgroßhändlers Bahog, westlich des S-Bahnhofs (Bild links).

Das Quartier nach dem Entwurf der Münchner Architekten Hirner und Riehl soll eine Volkshochschule, ein Nahversorgungszentrum sowie Wohnungen enthalten. Kürzlich hat der Gemeinderat zudem beschlossen, auch das Rathaus in die neue Ortsmitte zu verlagern und auf den frei werdenden Platz der alten Ortsmitte Wohngebäude zu errichten.

Unterföhring wird weiter wachsen, wenn auch nicht so rasant wie in den vergangenen zehn Jahren.

 

Die Gemeinde

in Zahlen

 

Unterföhring im Landkreis München ist eine nordöstlich gelegene Nachgemeinde der Landeshauptstadt München. So bildet die Isar im Westen von Unterföhring die Grenze zur Oberen Isarau und Alte Heide – Hirschau, beides Bezirksteile des nördlichen Münchner Stadtbezirks Schwabing-Freimann. Im Süden an Unterföhring grenzt die ehemalige Schwestergemeinde Oberföhring sowie Johanneskirchen, beides nun Bezirksteile des Münchner Stadtbezirks Bogenhausen.

Im Südosten grenzt Unterföhring an Aschheim und im Norden an Ismaning, beides Gemeinden des Landkreis München.

 

Einwohner: Der Altersdurchschnitt der Einwohner von Unterföhring liegt unter dem von München. Es gibt relativ viel Familien mit kleinen Kindern.

Infrastruktur: Mit dem Bahnhof Unterföhring (links oben) besteht S-Bahn-Anschluss.

(Linie S8 zum Flughafen und nach München). Auch gibt es eine Metrobuslinie und Regionalbuslinien. Freizeitmöglichkeiten bietet das Bürgerhaus (Bild oben links), der Feringasee, der Poschinger Weiher und die Isarauen. Vielseitige Einkaufsmöglichkeiten gibt es südwestlich des Heizkraftwerks Nord (Aldi, Drogerie- und Baumärkte).

Immobilien: Aktuell gibt es kaum Angebot an Miet- und Eigentumswohnungen. Das Preis- und Mietniveau liegt nur leicht unter dem Niveau von München.

Weitere Informationen:

Unterföhring: Internetauftritt der Gemeinde