Münchens alter Südfriedhof: Oase in der Isarvorstadt

Er ist nicht nur eine der wenigen Grünanlagen und stillen Oasen der Isarvorstadt, sondern repräsentiert auch einen Querschnitt der kulturellen, geistigen und wirtschaftlichen Elite Münchens des 19. Jahrhunderts: Der alte Südfriedhof war 80 Jahre lang, die einzige und allgemeine Begräbnisstätte der Stadt.

 

Während der Pest des Jahres 1563 reichten die in München vorhandenen Gottesäcker nicht mehr aus. Man mußte deshalb außerhalb der Stadtmauern vor dem Sendlinger Tor einen neuen Friedhof anlegen. Später – von 1788 bis 1868 war der Friedhof die einzige und allgemeine Begräbnisstätte für die Toten aus dem gesamten Stadtgebiet, weshalb hier die Gräber einer Reihe prominenter Münchner zu finden sind. Heute ist der längst aufgelassene alte Südfriedhof eine Oase der Stille und ein kulturgeschichtlich interessante Grünanlage inmitten der seither stark gewachsenen Großstadt. Auch der umliegende Bezirksteil Am alten südlichen Friedhof des heute zentral gelegenen Münchner Stadtbezirks Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt erinnert an den alten Gottesacker.

Die Anlage und die dort begrabenen Tote spiegeln ein wichtiges Kapitel der Münchner Kulturgeschichte wider. 1567 wurde am heutigen Stephansplatz die kleine Kapelle errichtet, von wo aus sich der Friedhof Richtung Süden erstreckte. Später stiftete Herzog Albrecht V. dem Friedhof zusätzlich eine Kapelle  für die Lateinische Kongretation der Jesuiten.

Als 1638 während des Dreißigjährigen Krieges die Schweden anrückten wurde das 1576 erbaute hölzerne Salvatorkirchlein abgerissen und die Friedhofsmauer geschleift, um diesen keine Möglichkeit zu geben sich zu verschanzen. 1648 wurden die bei Dachau gefallenen lutherischen Schweden in dem katholischen Friedhof begraben. 1674 wurde zu Ehren des heiligen Stephans  die Friedhofskirche (Bild oben und links oben) bis 1677 neu errichtet. Der Entwurf des frühbarocken Kirche mit einfachem Saalbau stammte wohl vom Maurermeister Georg Zwerger und wurde 1779 mit zwei Stuckaltäre von Franz Xaver Feichtmayr ausgestattet.

Der Friedhof hatte damals im Gegensatz zu den Friedhöfen innerhalb der Stadtmauer keinen besonders guten Ruf: Er diente als Seuchen-, Armen und Soldatenfriedhof. Dies änderte sich, als die Stadt 1788 beschloss die Bestattungsplätze innerhalb der Stadtmauer wie den Friedhof am heutigen Salvatorplatz aus hygienischen Gründen aufzulösen und den Friedhof vor dem Sendlinger Tor in den einzigen kommunalen Allgemeinen Friedhof Münchens umzuwandeln.

Schon bald wurde der neue städtische Friedhof zu klein. 1818 wurde der Friedhof durch Gustav Vorherr erweitert. Vorherr war soeben als Nachfolger des verstorbenen Emanuel Herigoyens von König Ludwig I. zum obersten Baubeamten des neuen Königreich Bayern ernannt worden, bevor er später von Leo von Klenze abgelöst wurde. Vorherr entwarf auch den Generalplan für die angrenzende neue Ludwigsvorstadt. Für die Form des erweiterten Südfriedhofs wählte Vorherr bei gartenkünstlerischer Mitwirkung von Friedrich Ludwig von Sckell im Sinne einer „architecture parlante“ als Grundriss die Trapezform eines Sarkophags. In einer Nische (Exedra) des südlichen Halbkreises mit Arkadengängen entstand als Abschluss ein Friedhofsgebäude mit Leichenhalle (Bild links oben).

Aufgrund der ab 1836 auftretenden Choleraepidemien musste der Friedhof erneut erweitert werden. Nach einem Entwurf von Friedrich von Gärtner wurde zwischen 1844 bis 1850 im Anschluss an Vorherrs Exedra ein eigenständiger quadratischer Friedhofsteil in der Art eines italienischen Campo Santo angelegt. Verbunden wurden beide Teile durch eine Arkadenhalle (Bild links).

Auf Wunsch König Ludwigs I. wurden im Campo Santo dort später die von ihm protegierten Architekten Gärtner und Klenze und der Bildhauer Ludwig von Schwanthaler begraben. Die Architekten Friedrich von Gärtner und Leo von Klenze, Rivalen um die Gunst des Königs und verfeindete Vertreter des Klassizismus und des Rundbogenstils, hätten sich dabei zu Lebzeiten kaum vorstellen können, mit ihren Familiengräber (Bild links) im Tode nahezu nebeneinander zu liegen.

Trotz Erweiterung und dieser prominenter Toten verlor der Südfriedhof bald an Bedeutung, als zunächst zwischen 1866 und 1869 der vom Stadtbaurat Arnold Zenetti entworfene (alten) nördliche Friedhof und später die modernen Großfriedhöfe durch Hans Grässel (Nordfriedhof, Ostfriedhof, Westfriedhof, Waldfriedhof) angelegt wurden. Der alte Südfriedhof gewann dafür an Exklusivität. Reiche Bierkönige wie Joseph (1770 – 1841) und Matthias Pschorr  (1834–1900), Gabriel, Carl und Anton Sedlmayer, der Senffabrikant Johann Conrad Develey, der Bauunternehmer Ulrich Himbsel und der Eisenbahnfabrikant Joseph Anton von Maffei begraben.

Grabstätten als Kunstwerke von Architekten und Bildhauer

Dabei wurden die Gräber oft auch von bekannten Architekten und Bildhauer gestaltet. So gestaltete der Jugendstil-Papst Martin Dülfer mit dem Bildhauer Wilhelm von Rümann das Familiengrab der Pschorr, der Architekt Karl Hocheder mit einer Büste von Ludwig Gamp das Grab von Arnold Zenetti und der Architekt Hans Grässel das Grab von Münchens erstem Bürgermeister Johannes von Widenmayer. Friedrich von Gärtner wiederum gestaltete das Grab der Familie von Lerchenfeld, Leo von Klenze im Auftrag von König Ludwig I. das Grab von Elias Mauromichalis und Leonidas Odysseus.  Bemerkenswert ist zudem die von dem Architekten Leonhard Romeis  und dem Bildhauer Dominikus Sänger gestaltete Grabstätte von Julius Knorr und das von ihm selbst gestaltete Grab des Münchner Rathaus-Architekten Georg Hauberrisser. Unter den Bildhauern sind die Selbstporträt-Büste von Roman Anton Boos an der Stephanskirche sowie die zahlreichen Arbeiten im Friedhof von Johann von Halbig sehenswert.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt der alte Südliche Friedhof schwerste Zerstörungen. Der Architekt Hans Döllgast behob die gröbsten Schäden durch eine zeitgemäße Renovierung und Wiederherstellung in dem von ihm geprägten feinfühligen bescheidenen Stil der Nachkriegsarchitektur. So rekonstruierte er den ursprünglich dorischen Arkadengang des Campo Santo nur zum Teil durch eine Überdachung der Nordseite.

Grundriss des alten Südfriedhofs

Die Thalkirchner Straße begrenzt den Friedhof von Westen, die Pestalozzistraße von Osten und die Kapuzinerstraße im Süden. Vom Sendlinger Tor her vom Norden kommend befindet sich der Eingang an der Stephanskapelle am Stephansplatz (siehe Grundriss links, oben).  Das Gräberfeld des alten von Gustav Vorherr entworfenen Friedhofsteils schließt im Süden mit dem Halbkreis einer weiten Exedra ab. Daran schließt sich der von Friedrich von Gärtner entworfene quadratische Campo Santo an.

Die roten Punkte mit Nummer repräsentieren die Lage der jeweiligen Gräber. Die grünen Nummern repräsentieren die einzelnen Gräberfelder von 1 – 26 im alten Teil und von 27 – 42 im neuen Teil des Alten Südfriedhofs. Diese dienen zur Orientierung, wenn man die Grabstellen-Angaben zur Verfügung hat.

 

Gräber berühmter Persönlichkeiten

Architekten, Landschaftsarchitekten und Baumeister: 21 Friedrich Bürklein ((1813–1872), Carl Effner (1831–1884), Anton Ehrengut (1840–1890), Johann Erlacher (1808–1863), 33 Karl von Fischer (1782–1820), Ludwig Foltz (1809–1867), 43 Friedrich von Gärtner (1791–1847), 38  Georg von Hauberrisser (1841–1922),  Ulrich Himbsel (1787–1860), Joseph Höchl (1777–1838), 44 Leo von Klenze (1784–1864), Jean Baptiste Métivier (1781–1853), Eduard Metzger (1807–1874), Karl Muffat (1797–1868), Daniel Ohlmüller (1791–1839), 9 Friedrich von Sckell (1750–1823),  Emanuel von Seidl (1856 - 1919), 36 Gabriel von Seidl(1848–1913), Gustav Vorherr (1778–1847), 3 Arnold Zenetti  (1824–1891)

Arzt, Chirurg: 26 Johann von Nussbaum (1829–1890),

Bildhauer: 1 Roman Anton Boos (1733–1810), Joseph Erlacher (1871–1937), Lorenz Gedeon (1844–1883), Johann von Halbig (1814–1882), Johannes Leeb (1790–1863), 4 Ferdinand von Miller (1813–1887), 42 Ludwig Schwanthaler (1802–1848), Johann Baptist Straub (1704–1784)

Dichter und Schrifsteller: Emilia Giehri (1837–1915), 27 Joseph Görres (1776–1848), Friedrich Güll (1812–1879), 11 Franz von Kobell (1803–1882), Michael Öchsner (1816–1893), Franziska von Reitzenstein (1834–1896), 37 Lorenz von Westenrieder (1748–1829)

Entdecker, Erfinder und Naturforscher: 29 Joseph von Fraunhofer (1787–1826), 13 Kurzschrifterfinder Franz Xaver Gabelsberger (1789–1849), 18 Naturforscher und Botaniker Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868), Chemiker Ludwig Knorr (1859–1921), 51 Chemiker und Naturforscher Justus von Liebig (1803–1873), 35 Georg Simon Ohm (1789–1854), 49 Hygieniker Max von Pettenkofer (1818–1901), 28 Erfinder und Ingenieur Georg von Reichenbach (1771–1826), Steindruckerfinder 6 Alois Senefelder (1771–1834), 45 Naturforscher und Wegbereiter der Japanologie Philipp Franz von Siebold (1796–1866), Carl August von Steinheil (1801–1870)

Maler: Joseph Corregio (1810–1891), 22 Johann Georg von Dillis (1759–1841), 20 Johann Georg Edlinger (1741–1819), Franz Hanfstaengl (1804–1877), 23 Peter von Hess (1792–1871), 16 Wilhelm von Kaulbach (1805–1874), 40 Wilhelm von Kobell (1766–1853), 30 Eugen Neureuther (1806–1882), 8 Carl Rottmann (1797–1850), 25 Eduard Schleich (1812–1874), 34 Moritz von Schwind (1804–1871), 7 Carl Spitzweg (1808–1885), 15 Joseph Karl Stieler (1781–1858), 10 Clemens von Zimmermann (1788–1869)

Musiker, Komponist: 12 Musiker Franz von Lachner (1803–1890), 39 Kaspar Ett (1788–1847),

Philosoph: 24 Franz Xaver von Baader (1765–1841), 53 Martin Deutinger (d, J 1815–1864)

Politiker: 48 Frauenrechtlerin Ellen Amann (1870–1932),Bürgermeister Jakob Bauer (1787–1854), 47 Bayerischer Ministerpräsident Ludwig von der Pfordten 1811–1859, Bürgermeister Kaspar von Steinsdorf (1797 – 1879), Bürgermeister Johannes von Widenmayer (1838 – 1893)

Unternehmer: Senffabrikant Johann Conrad Develey (1822–1888), Bankier Simon von Eichthal (1787–1854), Fabrikant Joseph Anton von Maffei (1790–1870), Brauereibesitzer Joseph Pschorr (1770 – 1841), Brauereibesitzer Matthias Pschorr  (1834–1900), Brauereibesitzer Gabriel Sedlmayer, Brauereibesitzer Carl Sedlmayer, Brauereibesitzer Anton Sedlmayer, Bauunternehmer Ulrich Himbsel, Wagenfabrikant Joseph Rathgeber (1810–1865), 41 Optikfabrikant Joseph von Utzschneider (1763–1840)

Theologe, Kirchenhistoriker: 14 Ignaz von Döllinger (1799–1890), 17 Johann Adam Möhler (1796–1838), 19 Friedrich Niethammer (1766–1848),

Sonstige: 2 Sprachforscher Johann Andreas Schmeller (1785–1852), 5 Johann Balthasar Michel, Lohnkutscher und Pferdehändler 31 Franz Xaver Krenkl (1780–1860), 46 Gründer des ersten Tierschutzvereins Ignaz Perner (1796–1867), 50 Schauspieler Ernst von Possart (1841–1921), 52 Philologe Friedrich Thiersch 1784–1860, 54 Hofschauspielerin Klara Ziegler (1844–1909

 

Bilder: Grundriss des alten Südlichen Friedhofs, von HubertSt /wikipedia; Fotografien: Ulrich Lohrer