Tadao Ando: Minimalismus in Beton

Er war in seiner Jugend Boxer und arbeitete als Lastwagenfahrer. Tadao Andō, der selbst nie Architektur studierte, lehrte später an den renommiertesten Universitäten der Welt, erhielt den Pritzker-Preis und ist der bekannteste Architekt Japans. Seine minimalistischen Bauwerke aus Sichtbeton sind in Japan, Italien, USA und Deutschland zu bewundern.

 

Tadao Andō (japanisch: 安藤忠雄, Andō Tadao;) wurde am 13. September 1941 in Minato-ku, Ōsaka, Japan, geboren. Andō wuchs im Nachkriegsjapan bei seiner Großmutter auf. Er verbrachte die meiste Zeit auf den Feldern und auf der Straße. Zwischen 10 und 17 konstruierte er als Holzmodelle  Schiffe und Flugzeuge und lernte das Schreinerhandwerk von einem benachbarten Tischler. Schon als Kind begann er als Zimmermann zu arbeiten. In seiner Jugend wurde er Profiboxer.

Er begann sich erstmals mit Architektur zu beschäftigen, als er im Alter von 15 Jahren auf ein Buch über Le Corbusier stieß. Tadao Andō hat nie Architektur studiert, stattdessen arbeitete er kurze Zeit für Designer und Stadtplaner, um sich die Architektur selbst anzueignen. Mit 18 erkundete er traditionelle Tempel, Schreine und Teehäuser in seiner Heimat Ōsaka. Danach reiste Ando durch Europa und den USA, um dort bekannte Werke der Architektur, wie in Marseille Le Corbusiers Únite d’Habitation, aber auch Arbeiten Ludwig Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright und Louis I. Kahn zu erkunden. Als Autodidakt eröffnete Andō 1969 in Ōsaka ein eigenes Atelier, das er Tadao Andō Architect & Associates nannte.

Tadao Andō in einfachen geometrischen Formen – zunächst Privathäuser in Japan – aus Sichtbeton, die mit den Rödellöcher ein unverwechselbares Oberflächenraster ergeben. Die Raummitte der Innenräume wird als Ort der Sammlung begriffen, die Helligkeit wird über Lichtschlitze in den Wänden bestimmt.

 

Haus Azuma mit Innenhof im Sumiyoshi Distrikt in Osaka

Mit dem Haus Azuma in Ōsaka wurde Ando in Architekturkreisen bekannt. Das Gebäude wurde 1976 fertiggestellt und weist die typische Merkmale von Andōs Architektur auf, wie die Verwendung von Sichtbeton als Baumaterial. Markant ist die der Straße zugewandte, fensterlose Betonfront, die nur durch die Öffnung des Hauseingangs durchbrochen wird. Es schirmt das Haus vom lauten Treiben des Viertels ab.

Das auf einem schmalen nur 57 Quadratmeter großen Grundstücksfläche Grundriss angelegte, doppelstöckige Haus beherbergt vier Räume. Ando hat den Grundriss in drei Bereiche eingeteilt: Den vorderen an der Straße gelegenen Wohnbereich, einem Innenhof, der beide Wohnbereiche miteinander verbindet, sowie einem hinteren Wohnbereich. Vom Innenhof aus gelangt man über eine Treppe auf einen Steg, der die beiden oberen Räume verbindet. Bei jedem Raumwechsel muss der nach oben geöffnete Innenhof durchquert werden. Die einzigen Fenster weisen in den Hof. Der Innenhof ist das Zentrum des Hauses und seine Öffnung um Licht und zur Natur. Er erlaubt es im Rhythmus der Natur zu leben, gleichzeitig schließt das Gebäude den Verkehrslärm hinter einer Betonwand aus. 

Obwohl das Gebäude wurde bereits 1976 fertiggestellt wurde, ist es ein typisches Bauwerk von Andō. Der Eindruck der Strenge des Sichtbetons wird noch durch die schwarzen Schieferböden verstärkt. Der erste Eindruck ist ein Gefühl der Körperlichkeit, der zweite ein Gefühl der Greifbarkeit.

Obwohl konsequent geometrisch im Design, bleibt das Haus mit dem Innenhof der lokalen Architektur der japanischen Tradition eng verbunden.  

 

Kirchen und Tempel: Räume der Seele

Ando ist der Ansicht, dass die meisten Religionen die Menschen glücklicher machen wollen und sie in Einklang mit sich selbst zu bringen. Obwohl er kein Angehöriger einer christlichen Religion ist, hat er eine Reihe christlicher Kappellen wie die Kirche am Wasser in Hokkaido oder die Kirche des Lichts in Osaka, aber auch Anlagen – wie sein Wassertempel – für andere Religionen entworfen. Er sieht darin keinen Widerspruch, da er mit ihnen allen Orte der Kontemplation schafft.

Ziel der Gestaltung der Räume ist ein „Finden zu sich selbst“ und die Förderung seelischer Erholung. Große „Bild-Fenster“ eröffnen den Blick auf die Außenwelt und schaffen so eine Verbindung zur Umwelt und Natur, die in Andōs Schaffen eine große Rolle spielt.

“In all my works, light is an important controlling factor. I create enclosed spaces mainly by means of thick concrete walls. The primary reason is to create a place for the individual, a zone for oneself within society. When the external factors of a city’s environment require the wall to be without openings, the interior must be especially full and satisfying.” (Tadao Ando, Biographie in Pritzker Prize)

Mit dem Wassertempel in Hyogo hat Ando auf einem Hügel der Insel Awaji hinter einer Betonwand einen ovalen Teich mit Lotuspflanzen gesetzt, in dessen Mitte ein Treppenschacht nach unten in die eigentliche Tempelanlage führt. Statt des sonst von ihm üblichen Betons hat er den Raum aus rot gestrichenem, gitterförmigen Holz angelegt, der durch eine seitliche Öffnung beleuchtet wird. Obwohl typisch buddhistisch in der Darstellung der Formen des Mandalas, wird für den unter dem Teich versteckten Tempel die Architektur der Moderne verwendet.  

 

Internationaler Durchbruch: Expo Sevilla und Vitra Konferenzzentrum in Weil am Rhein

Wie Nicholas Grimshaws mit seinen Vitra-Produktionshallen (1981/86), Frank Gehrys Vitra Design Museum (1989) und Zaha Hadids Vitra Feuerwehrhaus (1981), so verhalf der von Rolf Fehlbaum geschaffene Architekturpark Vitra Campus in Weil am Rhein Tadao Ando mit seinem Vitra-Konferenzzentrum (1993) zum internationalen Durchbruch. Nach dem japanischen Pavillon auf der Expo in Sevilla – das aber nach der Ausstellung wieder abmontiert wurde – war es sein erstes Gebäude außerhalb von Japan.

Das Zentrum dieses Gebäudes bildet ein abgesenkter Innenhof, der dem Gebäude eine klösterliche Ruhe und Intimität verleiht. Von dort aus erreicht man über schmale Korridore und Rampen die Konferenzräume. Der fein behandelte Sichtbeton und die Holzoberflächen unterstützen die Ruhe, die dieser Bau ausstrahlt. Sie zeugen von Andos Inspirationen an Architekten wie Le Corbusier und Louis Kahn. Die Synthese westlicher und östlicher Architektur zeigt sich in der Lichtführung und in der Einbettung des Gebäudes in die Landschaft, die an die Strenge japanischer Zen-Gärten erinnert.

Internationaler Museumsbauer

Seit etwa der Jahrtausendwende erbaut Ando zunehmend weltweit Museumsbauten, darunter auch zwei in Deutschland. Die von Ando entworfene Museumsgebäude Modern Art Museum of Fort Worth in Texas mit einer der wichtigsten Kunstsammlungen der USA wurde im Jahre 2002 der Öffentlichkeit übergeben. Ando hat das Museum aus fünf langgestreckte Pavillons, die sich in einer davorliegenden Wasserfläche widerspiegeln, entworfen. Es verfügt über eine Ausstellungsfläche von 4900 Quadratmetern, auf der Werke von Künstlern der Moderne wie Pablo Picasso, Anselm Kiefer, Jackson Pollock, Gerhard Richter und Andy Warhol gezeigt werden. Das Museum ist Teil eines Kulturbezirks der Stadt Fort Worth, in welchem sich noch zwei weitere Museen bedeutender Architekten befinden, das Kimbell Art Museum des Architekten Louis I. Kahn und das Amon Carter Museum, entworfen von Philip Johnson.

 

Auch das im September 2004 eröffnete Ausstellungsgebäude für die Langen Foundation auf dem Gelände der ehemaligen NATO-Raketenstation bei Neuss spiegelt sich in einem künstlichen See. Es verbirgt sich, von der Ferne kaum sichtbar, hinter begrünten Erdwällen und gräbt sich zum Teil tief in den Boden ein. Das Ausstellungshaus setzt sich aus zwei architektonisch unterschiedlichen und miteinander verbundenen Gebäudetrakten zusammen und verfügt über eine Ausstellungsfläche von insgesamt 1300 Quadratmetern. Im ebenerdigen Betonriegel befindet sich der sogenannte Japanraum – eine ungewöhnlich lange und schmale Galerie, die Tadao Ando als „Raum der Stille“ speziell für den japanischen Teil der Sammlung Langen konzipiert hat. Für den modernen Teil der Sammlung sind zwei in die Erde gesenkte, acht Meter hohe Ausstellungsräume vorgesehen. Bei Wechselausstellungen werden alle Räume unterschiedlich genutzt.

Das aktuell bekannteste in Planung befindliche Projekt von Tadao Ando ist der Bau eines Privatmuseums für zeitgenössische und moderne Kunst in den historischen Hallen der Bourse de Commerce für die französische Milliardärsfamilie Pinault.

Bereits 2004 hatte Andō den Auftrag erhalten, ein Museum für die Fondation François Pinault pour l'Art Contemporain mit einem Planungsvolumen rund 220 Millionen Euro auf de Seine-Insel Ile Seguin in Boulogne-Billancourt bei Paris zu errichten. Nach Streitigkeiten mit Umweltschützern, Politikern und Stadtplanern zog Pinault sich jedoch zurück und ließ den daraufhin in Venedig erworbenen Palazzo Grassi sowie das ehemalige venezianische Zollgebäude Punta della Dogana von Andō in Kunstmuseen für seine Sammlungen umbauen.

Im vergangenen Jahrzehnt engagiert sich Ando in zunehmendem Maße auch umweltpolitisch. Bei seinem Projekt Westin Awaji Island Hotel wurde ein großflächiger Wald angelegt, der die Architektur umgibt. 2007 startete er das Projekt Umi-noMori („Meereswald“) in Tokio, bei dem eine künstliche Insel, die früher als Müllkippe diente, zu einem bewaldeten Naherholungsgebiet entwickelt.

 

Auszeichnungen

1979 Anual Prize des Japan Institute of Architects für Reihenhaus in Sumiyoshi, Ōsaka, 1985 Alvar-Aalto-Medaille, 1989 Gold Medal, French Academy of Architecture; 1990 Ōsaka Art Prize, 1995 Pritzker Architektur Preis, 1996 Praemium Imperiale, 1997 Royal Gold Medal RIBA, 2002 AIA Gold Medal des American Institute of Archtecture.

 

Werke (Auswahl)

1973: Tomishima Haus, Ōsaka, Japan

1975: Tatsumi Haus, Ōsaka, Japan

1976: Haus Azuma (Bild links, Eingang), Ōsaka, Japan

1979: Horiuchi Haus, Ōsaka, Japan

1980: Matsumoto Haus, Wakayama, Japan

1983: Wohngebäude am Berg Rokkō, Kōbe, Japan

1984: Haus Koshino, Ashiya, Japan

1984: Festival – Einkaufszentrum in Naha, Präfektur Okinawa, Japan

1985: Haus Kidosaki, Tokio

1986: Kirche am Rokkō, Kōbe, Japan

1988: Kirche am Wasser, Hokkaido, Japan

1989: Childrens Museum Himeji, Präfektur Hyōgo, Japan

1989: Kirche des Lichts, Ibaraki, Osaka, Japan

1989: Natsukawa Memorial Hall, Hikone, Shiga, Japan

1989: Yao Klinik, Neyagawa, Osaka, Japan

1991: Wassertempel, Insel Awaji, Präfektur Hyōgo, Japan

1991: Literaturmuseum, Himeji, Präfektur Hyōgo, Japan

1992: Naoshima Contemporary Art Museum, Insel Naoshima, Japan

1992: Benesse Haus (Foto unten links, Rundbau), Japan

1992: expo '92, Japan Pavillon (Bild links), Sevilla, Spanien

1992: Otemae Art Center, Nishinomiya, Präfektur Hyōgo, Japan

1992: Wald der Gräber Museum, Präfektur Kumamoto, Japan

1993: Wohnanlage Rokkō II, Kōbe, Japan

1993: Konferenz- und Tagungsgebäude Vitra, Weil am Rhein

1994: Suntory Museum, Ōsaka, Japan

1994: Osaka Prefectural Chikatsu Asuka Museum, Ōsaka, Japan

1995: Nagaragawa Convention Center, Gifu, Japan

1997: Eychaner/Lee House, Chicago, USA

1998: Tageslicht Museum, Präfektur Shiga, Japan

2000: Fabrica (Benetton Research Center), Treviso, Italien

2001: Pulitzer Foundation for the Arts, St. Louis, Missouri, USA

2001: Teatro Armani-Armani World Headquarters, Mailand, Italien

2002: Hyōgo Prefectural Museum of Art (unten links), Kōbe, Japan

2002: Modern Art Museum of Fort Worth, Texas, USA

2003: Piccadilly Gardens, Manchester, Großbritannien

2004: Unsichtbares Haus, Treviso, Italien

2004: Kunsthaus der Langen Stiftung Raketenstation Hombroich, Neuss

2005: Omotesando Hills, Tokio, Japan

2005: Gunma Insect World Insekten Beobachtungszentrum, Kiryū, Japan

2005: Restaurant Morimoto, New York, USA

2008: Stone Center Erweiterungsbau, Sterling and Francine lark Art Institue, Williamstown, Massachusetts, USA

2008: Glashaus, Seopjikoji, Südkorea

2009: Restaurierung Kunstmuseum Punta della Dogana, Venedig, Italien

2009: Kobe Kaisei Hospital, Nada Ward, Kobe, Japan

2010: Steinskulpturenmuseum der Fondation Kubach-Wilmsen, Bad Kreuznach

2011: Kaminoge Station, Tokio, Japan

2012: Centro Roberto Garza Sada of Art Architecture and Design, Monterrey, Mexiko

2012: Asia University Museum of Art, Wufeng, Taiwan

2012: Akita Museum of Art (unten links, unten), Akita, Japan

2012: Bonte Museum, Seogwipo, Südkorea

2012: San Museum, Wonju. Südkorea

2013: Aurora Museum, Shanghai, China

2014: Visitor, Exhibition and Conference Center, Clark Art Institute, Williamstown, Massachusetts, USA

Quellen: http://www.pritzkerprize.com/laureates/1995https://de.wikipedia.org/wiki/Tadao_Andōhttps://en.wikipedia.org/wiki/Tadao_Ando; https://ja.wikipedia.org/wiki/安藤忠雄

Bildnachweis: Tadao Ando, fotografiert zur Eröffnung der Langen Foundation (ehem. Raketenstation Hombroich) im Sommer 2004, Foto: Christopher Schriner from Köln, Deutschland - flickr: Tadao Ando; Aufmacher oben: File:150505 Benesse House Museum Naoshima Kagawa pref Japan02b3s10.jpg, Foto: 663highland; File:Ibaraki Kasugaoka Church light cross.jpg, Foto: Bergmann; Row House (Azuma House), Sumiyoshi, Osaka, in Japan, 1976; File:Ibaraki Kasugaoka Church light cross.jpg, Foto: Bergmann; Interior of the Church of the Light, designed by Tadao Ando, in Ibaraki, Osaka Prefecture. I, Attila Bujdosó took this picture on 18/03/2005 in Osaka, Japan; File:View from Akita Museum of Art 2.jpg, Foto: 掬茶; Vitra Konferenzpavillon, Foto: Vitra Design Museum