Die Böhms: Deutschlands Architektenfamilie

Seit 100 Jahren sorgen die Werke der Böhms für Aufmerksamkeit und kontroverse Diskussionen: Dominikus revolutionierte den Kirchenbau, Gottfried erhielt als erster Deutscher den Pritzker-Preis und Peter errichtete das Ägyptische Museum in München. Nun zeigt eine Stuttgarter Ausstellung Zeichnungen und Fotografien der Böhms.

 

Die eröffnete Ausstellung in der Architekturgalerie am Weißenhof (AGW) in Stuttgart widmet sich den drei Generationen der Familie Böhm – den Architekten Dominikus Böhm, seinem Sohn Gottfried Böhm und dessen Söhnen Stephan, Peter und Paul Böhm. Die Eröffnungsrede hält Arno Lederer vom Architekturbüro Lederer Ragnarsdottir Oei.

An ausgewählten Beispielen – Handzeichnungen und Photographien –, kommt ebenso die Gemeinsamkeit und Übereinstimmung in der Tradition der Familie Böhm wie auch die Eigenständigkeit der einzelnen Persönlichkeiten und ihrer Architektur zum Ausdruck.
Als charakteristisch für die Bauten der Böhms, die zu Beginn häufig von Beton, später von Stahl und Glas geprägt wurden, gelten ihre räumliche Präsenz und Skulpturenhaftigkeit. In der Literatur nden sich die Begriffe „Expressionismus“ und „Brutalismus“. Insgesamt entzieht sich das Werk der Böhms jedoch der Einordnung in eine bestimmte architektonische Stilrichtung oder Mode; Wolfgang Pehnt hat für das über die Generationen der Architektenfamilie hinweg Verbindende den Begriff „Böhm-Touch“ geprägt.

Stephan Böhm: „Das vielleicht Typische an den drei Architektengenerationen wird sein, dass sie alle etwas neben der allgemeinen Architekturrichtung (Mainstream) liefen. Und das war nicht gewollt oder gar erzwungen, es hatte sich einfach so ergeben. Wir haben nur unsere Sa- chen machen wollen, nicht die der Anderen – was ich auch heute, wo ich das deutlicher sehe, richtig nde.“

Dominikus Böhm, * 1880 in Jettingen, † 1955 in Köln

1893-1896 Maurerlehre. 1896-1900 Baugewerkschule Augsburg. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros, u.a. in Augsburg und in der Schweiz. Ab 1901 Ausbildung zum Baumeister. 1910 Eröffnung eines eigenen Architekturbüros. Entwürfe und Realisierung von Kirchenbauprojekten. 1926 Professor für Sakrale Kunst, Kölner Werkschulen. 1934 Entlassung, innere Emigration bis 1945. Erneute Berufung als Lehrer an die Kölner Werkschulen. 1954 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein- Westfalen.

Gottfried Böhm, * 1920 in Offenbach
1942-47 Studium Architektur, Bildhauerei, München. 1947-50 Mitarbeit Architekturbüro Domi- nikus Böhm. Mitarbeit Wiederaufbaugesellschaft Stadt Köln. Tod des Vaters 1955, Übernahme des Büros. 1963-85 Professor Stadtbereichsplanung, Werklehre TH Aachen. 1968 Mitglied Akademie der Künste Berlin. Viele Preise, Auszeichnungen, u. a. 1975 Großer Preis Bund Deutscher Architekten. 1983 Mitglied Académie d’Architecture Paris. 1982 Grande Médaille d‘or de l’Académie d’Architecture. 1986 Pritzker-Preis als erster deutscher Architekt. Bauten u.a. Mariendom in Neviges 1961–1973. Bensberger Rathaus 1962–1976. Gutachten Umbau Berliner Reichstagsgebäude 1985. Stadtbibliothek Ulm 1998-2004.
Planungen in Stuttgart: 1981-1985 baute Gottfried Böhm das Verwaltungsgebäude der ED. Züblin AG in Stuttgart-Möhringen, das 1985 mit dem Architekturpreis Beton ausgezeichnet wurde und Gottfried Böhm weltweit Anerkennung brachte.1986 erhielt Gottfried Böhm als erster deutscher Architekt den Pritzker-Architekturpreis, eine der weltweit höchsten Auszeich- nungen auf dem Gebiet der Architektur.
Für das Große Haus der Stuttgarter Staatstheater plante Gottfried Böhm von 1981-1984 die Sanierung und die Erweiterung des Foyers, einen runden Pavillon, der von zwei Geschossen des Foyers erschlossen wird.

Stephan Böhm, * 1950 in Köln

1970-77 Studium Architektur Stuttgart, München. 1978-88 Mitarbeit bei Oswald Ungers Joachim Schürmann, Rob Krier. 1989/90 Bürogemeinschaft mit Gottfried und Peter Böhm. 2000 Professor für Entwurfslehre, Fachhochschule Münster. Lehraufträge an amerikanischen Universitäten. 2005 Stephan Böhm Architekten in Köln. Wettbewerbe. Bauten u.a. Rathaus Jockgrim 1987-93. Hauptverwaltung Deutsche Bahn Frankfurt 1989-93. Biosphärenhaus Fischbach 1998–2001. Schulungszentrum Berufsfeuerwehr Köln 2002–2005. Projekte in China.

Peter Böhm, * 1954 in Köln

1975-85 Architekturstudium Berlin. 1985-86 Mitarbeit Büro Otto Steidle Berlin, Büro McKinnell+Wood Boston. Gründung 1987 Büro mit F. Steinigeweg Köln. 1990 Bürogemeinschaft mit Gottfried und Stephan Böhm. 2002 Gründung Peter Böhm Architekten. Biennale Venedig 1992 und 2001. 2015 Professor für „Bauen und Gestalten mit massiven Baustoffen“ Hochschule Trier. Wettbewerbe. Bauten u.a. Kölnarena 1996. Hochschule Fernsehen u. Film, Staatl. Museum Ägyptischer Kunst München 2011. Bauten im Bestand. Architekturpreis Nordrhein-Westfalen 2004. Deutscher Architekturpreis 2003, Anerkennung.

Bildnachweis von oben nach unten:

Titelbild: Die Architekten Böhm am Modell der Wallfahrtskirche von Neviges. Gottfried Böhm mit seinen Söhnen Stephan, Paul und Peter Böhm. Photographie: Jan Klein

1. DominikusBöhm, St.Johann Baptist, Neu-Ulm, Zeichnung Schnitt, 1926. Sammlung Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main.

2. Gottfried Böhm, Züblin Haus, Stuttgart, Innenperspektive, Bleistift auf Transparent, 1981, Sammlung Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

3. Paul Böhm, Zentralmoschee, Köln-Ehrenfeld, Ansicht Ost, 2017. Photographie: Christopher Schroeer-Heiermann

4. Stephan Böhm, MDR, Dresden, Zeichnung Ansicht Ausschnitt, 1996.
5. Peter Böhm, Museum für Ägyptische Kunst, München, Zeichnung Ansicht Eingang, 2013.