Die Neue Heimat: Eine sozialdemokratische Utopie

Die „Neue Heimat” hat in dreißig Jahren mehr als 400.000 Wohnungen errichtet, darunter Architekturikonen von Alvar Aalto. Eine Ausstellung im TUM Architekturmuseum dokumentiert Aufstieg und Niedergang des Wohnungskonzerns.

 

Die „Neue Heimat” war der größte und bedeutendste nicht-staatliche Wohnungsbaukonzern im Europa der Nachkriegszeit. In einem Zeitraum von über dreißig Jahren hat das Gewerkschaftsunternehmen mehr als 400.000 Wohnungen und darüber hinaus seit den sechziger Jahren auch zahlreiche Kommunal- und Gewerbebauten in Deutschland geplant und ausgeführt – die Mehrzahl davon steht noch heute.

Die Projekte der Neuen Heimat sind sowohl Ergebnis eines einzigartigen Zusammenspiels von wirtschaftlichen Interessen und Politik, als auch Ausdruck und Spiegelbild der bundesdeutschen Sozialgeschichte. Der Neue Heimat gelang es, im Zuge des deutschen „Wirtschaftswunders“ der Hoffnung auf ein besseres Leben für eine breite Bevölkerungsschicht programmatisch Ausdruck zu verleihen. Eine Hoffnung, die mit den Bauten der Neuen Heimat konkrete Realität wurde und den Lebensalltag vieler Menschen nachhaltig veränderte.

1982 deckte "Der Spiegel" auf, dass sich Vorstandsmitglieder unter der Leitung von Albert Vietor sich persönlich bereichert hatten und den Konzern in eine Schieflage gebracht hatten. 1986 verkaufte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) das mit 16 Milliarden DM völlig uberschuldete Unternehmen für den symbolischen Kaufpreis von einer Mark an den mittelständischen Bäckereiunternehmer Horst Schiesser, dessen Sanierungsplan von den Banken aber nicht  getragen wurde. Der skandalträchtige Zusammenbruch des Unternehmens  wirkte wie ein Schock auf die westdeutsche Bevölkerung und markierte das Ende einer Epoche.

Erstmals werden in einer Architekturausstellung die Bauten und Projekte der „Neuen Heimat“ an Beispielen analysiert und in Fotografien und Filmproduktionen, Planmaterialien und Originalmodellen präsentiert. Gezeigt werden Großsiedlungen wie die Neue Vahr in Bremen, die mit dem eleganten Wohnturm von Alvar Aalto (siehe Bild links) Geschichte schrieb, auch Demonstrativbauvorhaben wie der „Emmertsgrund“ in Heidelberg.

Um der Kritik der „Unwirtlichkeit“ der neuen Planstädte vom Reißbrett entgegenzuwirken engagierte hier die Neue Heimat den Soziologen Alexander Mitscherlich als Berater. Und mit der Entlastungsstadt Neuperlach (siehe Bild links) in München wagte sich das Unternehmen an das damals europaweit größte Siedlungsbauprojekt: geplant war es für 80.000 Bewohner. Auch gigantische Großprojekte wie das spektakuläre ICC Berlin oder das Universitätsklinikum Aachen zählten zu den Bauaufgaben des Unternehmens der Superlative – nicht zu vergessen die weitreichenden internationalen Bautätigkeiten von Frankreich über Ghana bis Mexiko, die bis heute kaum bekannt sind.

Die seit der Abwicklung der Neuen Heimat oft reflexartige Assoziation mit als problematisch rezipierten Großsiedlungen behinderte lange Zeit eine differenzierte und historisch angemessenere Einschätzung ihrer Bauprogramme und baupolitischen Ziele. So ist es höchste Zeit, die Geschichte der Neuen Heimat einmal genau zu betrachten: gegenwärtig wird in Deutschland der Ruf nach bezahlbarem Wohnraum immer lauter, und es ist offensichtlich, dass es den Städten und Kommunen für die rasche Umsetzung dieser Forderung an einem vergleichbaren Instrument fehlt, wie es die Neue Heimat für die Zeit ihres Bestehens war. Der zeitliche Abstand von über einer Generation bietet die Chance für eine kritische Untersuchung: Was ist aus den sozialdemokratischen Visionen eines bis heute angestrebten „Wohnen für Alle“ geworden?
In der Ausstellung dokumentieren zahlreiche neu produzierte Interviews mit Zeitzeugen die Geschichte der Neuen Heimat. Fotografien von Herlinde Koelbl widmen sich den Bewohnern und Bauten Neuperlachs. Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch zeigen die Siedlungen und Großprojekte in gegenwärtiger Perspektive.

Eine Kooperation des Architekturmuseums der TUM mit dem Hamburgischen Architekturarchiv und dem Museum für Hamburgische Geschichte.

Die Neue Heimat: Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten

Ort: TUM Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne; Arcisstraße 21 | 80333 München

Zeit: Ausstellungslaufzeit vom 28. Februar 2019 bis zum 19. Mai. 2019

Bildnachweis (von oben nach unten): Eigenheime Frankfurt Nordweststadt Hans Kampffmeyer d. J, Walter Sch- wagenscheidt, Tassilo Sittmann 1961-1972, Foto: Weber, 1966 © Hamburgisches Architekturarchiv; Neue Vahr Bremen: Max Säume, Günter Hafemann, Ernst May, Hans Bernhard Reichow, Alvar Aalto, Wolfgang Bilau, Hans Albrecht Schilling (Farbgestaltung); Karl- August Orf (Landschaftarchitektur) 1957-1962, Foto: Franz Scheper © Hamburgisches Architekturarchiv; Entlastungsstadt München Neuperlach, Egon Hartmann (Gesamtstrukturplan); Baureferat der Landeshauptstadt München, Neue Heimat Bayern (Nord, Nordost, Ost); Bernt Lauter (Neuperlach Mitte); Planergruppe Darmstadt mit Max Guther, Thomas Sieverts und Ferdinand Stracke (Neuperlach Süd); Gottfried Hansjakob (Landschaftsar- chitektur). 1967–1992, Foto: Kurt Otto, © WSB Bayern, Bestand Neue Heimat ; Verwaltungssitz der Neuen Heimat Bayern, München Neuperlach, Hans Maurer und Horst Mauder 1965–1971 © Architekturmuseum TUM