Murnau: Emanuel von Seidls verlorene, aber unvergessene Villa

Am 23. Dezember 1919 starb der Architekt Emanuel von Seidl, der die Villen des Komponisten Richard Strauß, des Brauer Georg Theodor Pschorr und des Bankiers Hugo von Maffei baute. Eine Ausstellung dokumentiert die Geschichte seiner eigenen Villa in Murnau.

 

Emanuel von Seidl, Architekt aus München, entdeckte Murnau in den Jahren ab 1891. Seine Schwester Therese, verheiratet mit dem Landschaftsmaler Konrad Reinherz, besaß dort seit Jahren eine Sommervilla am Kapferberg. Seidl, längst erfolgreicher Architekt (Villa am Bavariaring 18, Augustinerbräu in der Neuhauser Straße 27, Villa Pschorr Möhlstraße 23,Villa Straußin Gamisch-Partenkirchen,  Elefantenhaus im Tierpark Hellabrunn,  Geschäftshaus Lenbachplatz 6,   Brakls Kunsthaus)    , war begeistert und baute sich 1901 in Murnau ein eigenes Landhaus. Der Sommerfrischeort am Staffelsee wurde ihm zur zweiten Heimat, zum „gelobten Land“, wie er es einmal formulierte. Ab 1901 errichtete er sich auf den Südhängen Murnaus mit Blick auf das Moos und die Berge ein Landhaus im Heimatstil und einen Park im englischen Landschaftsstil mit Weihern, Badehaus, Eiskeller und schönen Bäumen. In seinem Buch "Mein Landhaus" schreibt er 1910: „Bald war ich glücklicher Besitzer einer kleinen Parzelle der Wiese, auf welcher ich mich niedergelassen hatte, und steckte meine Hütte ab. Hier wollte ich mein kleines Junggesellenheim aufschlagen und in aller Ruhe genießen. Die alten Eichen waren meine Freunde und diese Freundschaft wollte ich mir sichern. Andere Leute haben Kinder, ich wollte dafür Bäume. Sie kosten auch Geld und wachsen tun sie auch.“

Wie in seinem Münchner Palast am Bavariaring, hält er auch in seinem Murnauer Landhaus als gastfreundlicher Eigentümer Hof. Einmal holt er sogar das Hoftheater von München nach Murnau, wo die Schauspieler in Seidls Park den "Sommernachtstraum" aufführen, inszeniert von Max Reinhardt. Seine rauschenden Feste mehren seinen Ruf als Mann von Großzügigkeit, Lebensart und Geschmack, als einen, der jede Menge Geld hat und etwas Geistreiches damit anstellen kann. Auch den Ort selbst verschönert er. Mehr als 20 Fassaden am Murnauer Ober- und Untermarkt werden nach seinen Entwürfen farbenfroh bemalt. Dieses Dekor ist noch heute zu sehen, wohingegen sein Landhaus verschwunden ist. Die Villa wurde 1972 abgerissen.
Eine Ausstellung im Schlossmuseum in Murnau ruft das Ambiente und Lebensgefühl der Murnauer Seidlvilla anlässlich des 100. Todestags von Emanuel von Seidl in das Gedächtsnis zurück. So ist es nun erstmals möglich, die Gästebücher in digitaler Form durchzublättern und sich einen Überblick über Seidls gesellschaftlich reiches Leben in Murnau zu verschaffen. „Verloren – doch nicht vergessen!“, schrieb eine ehemalige Bewohnerin einer Seidl-Villa rückseitig auf eine Fotografie ihres Wohnhauses. Es ist das Bestreben der Ausstellung, das Verlorene wieder sichtbar zu machen und Impulse für eine nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Architekten und seinen Werken zu geben. Das Schlossmuseum Murnau hatte sich bereits 1993, im Jahr seiner Eröffnung, dem Architekten eine Sonderausstellung gewidmet, der für diverse Auftraggeber rund um Murnau Landsitze und Gärten geschaffen und die Verschönerung des Ortes Murnau von 1905 bis 1913 initiiert hat. 26 Jahre sind seit der ersten Ausstellung vergangen, in welchen sich manches getan hat. Bislang unbekannte Dokumente und Pläne sowie aktuelle Forschungen haben neue Erkenntnisse gebracht, die nun im Mittelpunkt der Winterausstellung 2019/2020 stehen. Doch Emanuel von Seidl war nicht nur ein erfolgreicher Architekt, sondern auch ein weltgewandter Gastgeber, bei dem Künstler, Unternehmer, Freunde und Familie ein- und ausgingen. Aus dieser glanzvollen Zeit bis zu seinem Tod 1919 sind vier Gästebücher erhalten, die sich heute in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek München befinden und 2018 auf Initiative des Schloßmuseums Murnau digitalisiert werden konnten. 
 

Verloren – doch nicht vergesssen!

Emanuel von Seidl zum 100 Todestag

Ort: Schlossmuseum Murnau, Murnau

Zeit: Bis 1. März 2020

Bildnachweis: Seidlvilla Murnau, Foto: Privatsammlung St. Petersburg, Schlossmuseum-murnau_bildarchiv-sigrid_buehring

Quellen: Schlossmuseum Murnau, SZ