Roderich Fick: Expedition in die NS-Architektur

Der geborene Würzburger nahm an einer Grönlandexpedition teil, arbeitete in der deutschen Kolonie Kamerun und erwies sich danach als sehr produktiver Architekt. Nach 1933 machte er eine steile Karriere im NS-Staat und avancierte zu einem der Lieblingsarchitekten von Adolf Hitler.

 

Roderich Fick wurde am 16. November 1886 als zweites Kind des Augenarztes Adolf Fick und seiner Frau Marie Katharina (geb. Wislicenus), die zeitweilig in Südafrika lebten, in Würzburg geboren. Bereits im Jahr nach der Geburt Roderichs zog die Familie 1887 von Würzburg nach Zürich, wo Adolf Fick an der Universität als Privatdozent für Augenheilkunde arbeitete. In Zürich besuchte Roderich Fick das humanistische Gymnasium und trat 1903 in die dortige Industrieschule (Oberrealschule) über. 1904 besuchte er auf einer Italienreise mit der Familie Sattler seine mütterlichen Verwandten in Florenz.

Ausbildung zum Architekten

Im Herbst 1907 nahm er sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in München auf. Zum Wintersemester 1907/08 besuchte er die Architekturabteilung des Polytechnikums in Zürich, wo er vom Sommer 1909 an im Büro des Architekten Alexander von Senger arbeitete. Für das Sommersemester 1910 wechselte er zur Ingenieurabteilung der Technischen Hochschule Dresden, wo er auch Vorlesungen zur Geodäsie besuchte. Auf Ratschlag von Theodor Fischer, der seit 1909 als Professor für Baukunst an der Technischen Hochschule München lehrte, verzichtete er zugunsten einer unmittelbaren Praxisaufnahme auf Abschlussexamen und Diplomarbeit und kehrte 1910 nach Zürich zurück, um dort als Architekt zu arbeiten. Ein erster Auftrag bestand in der Errichtung eines Bootshauses mit Gartenanlage in Rüschlikon.

In Grönland, Kamerun und Spanien

Im Herbst 1911 gelang es Roderich Fick sich als Teilnehmer einer von Alfred de Quervain geleiteten schweizerischen Expedition zur Durchquerung Grönlands zu qualifizieren. Von Mitte Juni bis Ende Juli 1912 durchquerten die Schweizer Forscher Grönland von Westen nach Osten. Ficks Aufgabe bestand in Vermessungsarbeiten.

Nach Zürich zurückgekehrt, bekam er als Architekt kaum Arbeit und widmete sich handwerklichen Arbeiten –  Spanne seiner Versuche – vom Geigen- bis zum Segelflugzeugbau – in seiner Werkstatt.

Im Juni 1914 ging er im Dienst des Deutschen Reichs in die deutsche Kolonie Kamerun. Dort wurde er nur kurze Zeit als Ingenieur und Leiter der Abteilung für Hoch- und Tiefbau des Bezirksamtes Douala eingesetzt, da der Ausbruch des Ersten Weltkriegs seinen Kolonialdienst beendete. Als Leutnant der Reserve wurde er zur deutschen Schutztruppe von Kamerun eingezogen. Seine Truppe überschritt Anfang Februar 1916 die Grenze zum benachbarten spanischen Muni-Gebiet und wurde auf Fernando Póo und dann in Spanien interniert. In dem Lager bei Pamplona fertigte er für die spanische Gemeinde Burlada er Entwürfe für ein Elektrizitätswerk sowie für die Umbau des Klosters Puente la Reina in der Provinz Navarra. 

Architekt in Hersching am Ammersee

Erst im Oktober 1919 konnte Fick nach Deutschland zurückkehren, wo er heiratete und sich im Frühjahr 1920 in Hersching am Ammersee niederließ. Hier hatte er die Alte Mühle in Mühlfeld erworben, ausgebaut und saniert. Zusammen mit seinem Kompagnon Rudolf Menzel, den er aus der gemeinsamen Internierungszeit in Spanien kannte, betrieb er ein Architekturbüro und eine Bootswerft und widmete sich ab 1922 dem Segelflugzeugbau. Als Architekt erhielt er mit dem Entwurf für ein Wohnhaus im Herrsching für den Bildhauer Ernesto de Fiori einen ersten größeren Bauauftrag. 1926 entwarf er den neuen Friedhof in Herrsching, der ihm einen zunehmenden Bekanntheitsgrad verschaffte. So entwarf er ein Wohnhaus und ein Hallenbad in Schweinfurt und baute 1932 den Murenhof in München um. Es folgten Siedlungsbauten für die GEWOFAG in den Münchner Stadtteilen Berg am Laim und Friedenheim (Forstenrieder Straße 156, 158, 160).

Architektenkarriere im NS-Staat

Von der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands wurde er nach 1933 mit dem Bau eines „Hauses der Deutschen Ärzte“ in der Brienner Straße betraut. Die Verwirklichung dieses 1935 fertiggestellten schlichten Walmdachbaus mit strenger Fenstergliederung und einem den Eingang betonenden Rundbogenportal mit klassizistischer Sprenggiebelbedachung (Bild links unten), beförderte Ficks weitere Karriere.

Adolf Hitler, der bei der Einweihung des Gebäudes zugegen war, war von dem Bau so begeistert, dass er über seinen Stellvertreter Martin Bormann zahlreiche Aufträge an Fick vergab. Zeitweilig galt Fick nach dem Tod von Paul Ludwig Troost und vor dem Aufstieg von Albert Speer als Lieblingsarchitekt von Hitler. So wurde er mit der Planung und Durchführung der Reichsiedlung Rudolf Heß für die Parteielite auf einem 68 Hektar großen Areal in Pullach beauftragt, der später als Sitz des Bundesnachrichtendienstes (BND) diente.

1936 wurde Fick als ordentlicher Professor für das Entwerfen von Bauten in der Fakultät für Bauwesen der technischen Hochschule München als Nachfolger von Robert Vorhoelzer berufen. Zeitgleich mit seiner Lehrstuhlberufung erhielt er von Hitler jedoch vor allem erste Aufträge für die Bebauung des Obersalzberges bei Berchtesgaden, wo er der meistbeschäftigte Architekt war und wo er für Hitler den Berghof umbaute, das Kehlsteinhaus (großes Bild oben) entwarf und Häuser für die NS-Führungsschicht gestaltete (Bild links unten - von links nach rechts, Geisler, Albert Speer, Adolf Hitler und Roderich Fick)

Am 25. März 1939 wurde Fick zum „Reichsbaurat für die Stadt Linz an der Donau“ berufen und war in dieser Funktion Hitler direkt unterstellt. Linz sollte zu einem europäischen Kulturzentrum zwischen München und Wien werden, wozu Hitler neben Fick die weitere Architekten wie Albert Speer, Hermann Giesler, Leonhard Gall, Wilhelm Kreis und Oswald Bieber beauftragte. Fick führte das Stadtplanungskonzept des Stadtbauamtes Linz fort und gab ihm als Generalbebauungsplan vom März 1943 seine endgültige Form. Ziel war die Vergrößerung der Stadt für eine vervierfachte Einwohnerzahl mit repräsentativ ausgebauten Stadtzentren. Von den Fick’schen Großprojekten wurden jedoch nur die mit der neuen Nibelungenbrücke erforderliche stadtseitige Brückenkopfbebauung, das Hotel „Donauhof“ und das Verwaltungsgebäude des Wasserstraßenamtes in den Jahren 1939 bis 1941 ausgeführt. Zu seinen Mitarbeitern zählten unter anderem auch Josef Wiedemann und Franz Hart. Da Ficks Entwürfe nicht den Vorstellungen Hitlers entsprachen, verlor er danach zunehmend Einfluss, zumal konkurrierende Architekten wie Giesler und Bormann ihm nicht wohl gesonnen waren.

Neustart als Architekt nach dem Krieg

Nach dem Krieg stufte die Spruchkammer Fick am 21. Oktober 1946 als „Minderbelasteten“ in Gruppe III ein und verurteilte ihn zu einem Vermögensverlust von 50 Prozent.  Das Revisionsurteil der Berufungskammer Starnberg vom 24. Februar 1948 endete  mit seiner Einstufung als „Mitläufer“ der Gruppe IV. Eine Wiederbeschäftigung an der Technischen Hochschule München gelang Fick nicht. Am 17. Februar 1949 wurde Fick in den Ruhestand versetzt.

Zusammen mit seiner zweiten Frau arbeitete Fick danach jedoch wieder freiberuflich als Architekt. 1948 entwarf es das Gebäude des C.H. Beck, später auch das Kraftwerk Jochenstein bei Passau sowie die evangelische Kirche in Herrsching. 1954 ging er in den Ruhestand. Am 13. Juli 1955 starb Roderich Fick im Alter von 69 Jahren in Herrsching.

Werke (Auswahl)

1910: Bootshaus und Gartenanlage Reiff-Frank, Rüschlikon am Zürichsee (Schweiz)

1914: Gartenanlage für den Direktor des Botanischen Gartens der Universität, Straßburg (Frankreich)

1919: Elektrizitätswerk Burlanda, Navarra, Spanien

1920: Umbau alte Mühle am Mühlfeld (Bild links), Herrsching

1923: Landhaus des Bildhauers Ernesto de Fiori, (mit R. Menzel), Hersching-Lochschwab

1926: Friedhofsanlage mit Leichenhaus, Friedhofskapelle (Bild links unten), Hersching

1925: Cottage-Projekt für Mrs. Colenso, Amersham (England)

1925: Saalbau Wastian, Kloster Andechs am Ammersee

1927: Kinderheim, Endorf

1927: Badeanstalt Schapell, Hersching am Ammersee

1929: Bürohausumbau der Baumwollspinnerei Heinrich Otto, Reichenbach bei Stuttgart

1929: Landhaus Uhlenried Ried 16, Herrsching am Ammersee 

1929: Wohnhaus Dr. Graetz, Am Löhlein 4, Schweinfurt

1929: Wohnblock Fürstenrieder Straße 134 – 152 und 156, 158, 160, München

1929: Teil eines Wohnblocks Schulmeierweg 2, Laim, München

1930: Wohnhaus Schermannstraße 1, Herrsching am Ammersee

1932: Landhaus Borchert Zuoz, Oberengadein (Schweiz)

1932: Umbau Murenhof Sohnckestraße 12, Solln, München

1933: Ernst-Sachs-Bad, Schweinfurt

1935: Umbau Gaststätte „Platterhof“ am Obersalzberg, Berchtesgaden

1934: Siedlung Friedenheim, 2. und 3. Bauabschnitt, Laim, München

1935: Haus der Deutschen Ärzte Briennerstraße 23, Maxvorstadt, München

1935: Villa Bormann am Obersalzberg, Berchtesgaden

1936: Gebirgsjägerkaserne, Sonthofen

1936: Adolf-Hitler-Brücke, Regensburg

1936: Umbau von Haus Wachenfeld in den Berghof (Bild links) am Obersalzberg, Berchtesgaden

1937: Isarbrücke, Bad Tölz

1937: Teehaus am Mooslahnerkopf, am Obersalzberg, Berchtesgaden

1938: Wohn- und Wirtschaftsgebäude Klementinenstraße 9, Schwabing-Freimann, München

1939: Reichssiedlung „Rudolf Heß“ , Pullach

1938: Kehlsteinhaus am Obersalzberg, Berchtesgaden

1940: Hotel „Der Platterhof“ in am Obersalzberg, Berchtesgaden

1943: Siedlung Froschberg in Linz

1944: Werksiedlung der „Hermann-Göring“-Reichswerke, Steyr

1941: Werksiedlung Bindermichl in Linz

1941: Siedlung „Klaushöhe“ in am Obersalzberg, Berchtesgaden

1944: diverse Luftschutzbunker in Linz

1948: Verlagsgebäude C. H. Beck (Bild links), Schwabing, München

1952: Stadt- und Kreissparkasse, Landshut

1953: Städtisches Wohnungsamt (mit R. Röder), Altstadt, München

1954: Kraftwerk Jochenstein (Bild unten) an der Donau, bei Passau

1955: Evangelische Erlöserkirche in Herrsching

Literatur:

Lioba Schmitt-Imkamp: Roderich Fick (1886-1955) – Hitlers Architekten, 2014 

Stephan Orth: Opas Eisberg – Auf Spurensuche durch Grönland

Quellen: http://deu.archinform.net/arch/9019.htm; https://de.wikipedia.org/wiki/Roderich_Fick; http://stadt-muenchen.net/baudenkmal/d_architekt.php?architekt=Fick%20Roderich

Bilder: Kehlsteinhaus auf dem Obersalzberg, Cezary p; Bild Roderich Fick in jungen Jahren, Bildquelle Stephan Orth;, Boschfoto; Alte Mühle am Mühlfeld, Herrsching, Herrsching, Mitterweg 12. Friedhofsanlage mit neubarockem Leichenhaus von Roderich Fick, 1926/27, Boschfoto ; Herrsching, Scheuermannstraße 1 um 1930, Boschfoto;  Friedhofskapelle in Herrsching, CC BY-SA 2.5, Foto: Nino Barbieri ; Haupteinfahrt zum Obersalzberg mit Berghof im Hintergrund, Foto: Heinrich Hoffmann; Kraftwerk Jochenstein an der Donau bie Passau, Foto: Aconcagua; Mühlfeld, ehem.Sägemühle