Münchens letzter Klassiker der Moderne

Am 30. Dezember 2020 verstarb der Münchner Herbert Groethuysen im Alter von 99 Jahren. Er prägte mit seiner Generation von Architekten wie Alexander von Branca oder Werner Wirsing die Nachkriegsarchitektur seiner Heimatstadt.

 

Herbert Groethuysen wurde am 19. August 1921 in München geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Groethuysen an der technischen Hochschule Architektur. Als Vorbilder nennt er die Hochschullehrer, „die mit Anstand und in aufrechter Haltungdas NS-Regime durchgestanden hatten (Architektur der Wunderkinder, Seite 78): Hans Döllgast, Robert Vorhoelzer, Martin Elsässer, Walther Schmidt, Sep Ruf, Egon Eiermann und Eduard Ludwig. Über den etwa Gleichaltrigen Werner Wirsing, den er von der Hochschule kannte und der bereits Ende der 1940er-Jahre die Wohnheimsiedlung am Maßmannplatz begonnen hatte zu planen, erhielt er das Angebot mit dessen Team (Erik Braun, Gordon Ludwig, Jakob Semler und Wolfgang Fuchs) einen weiteren Bauabschnitt der Wohnsiedlung am Maßmannbergl zu bearbeiten. 

Später entwarf er zusammen mit Alexander von Branca die Herz-Jesu-Kirche, Münchens erster Stahlbetonkirche, „einem betörend schönen Bau von nüchterner Sinnlichkeit“ (Frank Seehausen). Weitere elegante Kirchenbauten im Stil der Architektur der Moderne sollten folgen: das Kirchenzentrum St. Mauritius in Moosach und die Katholische Pfarrkirche St. Karl Borromäus in Fürstenried-Ost. Wie andere seiner Generation besichtigte er auf Reisen die Bauwerke seiner Vorbilder Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe, Alvar Aalto oder Richard Neutra. Nun stand in voller Größe und überwältigender Überzeugungskraft: das Seagram Building in der Park Avenue New York, , die Gebäude des Illinois Institute of Technology in Chicago und die Wohnhäuser im Lafayette Park in Detroit. ...dort wurde mir sofort klar, was das Wort „Vorbild“ für mich bedeutet.“ (Wunderkinder ebda).

Der tiefe Eindruck, den die Gebäude von Mies van der Rohes Werke in den USA bei Groethuysen hinterlassen hatte, spiegelt sich am deutlichsten in einem seiner bekanntesten Bauten, dem „Schwarzen Haus“, dem Redaktionsgebäude der Süddeutschen Verlags im Färbergraben von Münchens Altstadt, das er zusammen mit den Partnern seiner Bürogemeinschaft Detlef Schreiber und Gernot Sachsse entworfen hatte. Es wurde trotz Proteste 2009 wie andere wiichtige Münchner Nachkriegsbauten im Stil der Architektur der Moderne abgerissen.

 

Werke (Auswahl)

In der Architektengemeinschaft Erik Braun, Gordon Ludwig, Wolfgang Fuchs, Herbert Groethuysen, Jakob Semler, Werner Wirsing:

1950 – 1951: 2. Bauabschnitt Wohnheimsiedlung Maßmannplatz, Maßmannbergl, München

1953 – 1955: Kloster Mädchenwohnheim und Klosterkirche Herz Jesu Schwestern vom Göttlichen Erlöser (mit Alexander von Branca), Buttermelcherstraße, München

in der Architektengemeinschaft Groethuysen, Schreiber, Sachsse:

1057: St. Sebastian, Jugendzentrum, München

1959 – 1960: vier Punkthochhäuser. Hasenbergl, München

1962: Wohnhaus Herbert Groethuysen, Rondell Wittelsbach 1a, Nymphenburg., München

1962 – 1964: Katholische Pfarrkirche St. Karl Borromäus, Fürstenried-Ost, München

1963 – 1970: Schwarze Haus des Süddeutschen Verlags, Färbergraben, Altstadt, München

1965 – 1967: Kirchenzentrum St. Mauritius, Moosach, München

1969 - 1977: Haus Dr. Braun-Falco, Faistenbergstr 6, München

1973: Bundespräsidialamt, Bonn

1981 - 1984: Messehalle 4 (mit Hans Maurer, P. Otzmann, Werner Wirsing), Frankfurt

1995: Pfarrkirche St. Elisabeth, Haishausen, München

 

Quellen:

Winfried Nerdinger (Hrsg): Architektur der Wunderkinder – Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945 – 1960; 2005

Frank Seehausen: Präzision und Freiheit: Zum Tod von Herbert Groethuysen, in: Baunetz vom 18.01.2021

https://mediatum.ub.tum.de/899798

 

Foto oben: Pfarrkirche St. Karl Borromäus, Fürstenried-Ost, Foto: Ulrich Lohrer