Victor Gruen: Der Erfinder der Shopping Mall

Ende der 1930er-Jahre mußte der Architekt und Sozialist Victor Grünbaum aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten in die USA fliegen. Dort wurde er als Vater der kapitalistischen Shopping Mall berühmt.  Ein Titel den er jedoch vehement ablehnte. 

 

Victor David Grünbaum wurde am 18. Juli 1903 in Wien als Sohn des jüdischen Anwalts Adolf Grünbaum geboren. Er wuchs in bürgerliche Verhältnissen auf und kam früh in Kontakt mit dem Theater. Nach dem Tod seines Vaters verließ Victor das Realgymnasium und begann mit 15 Jahren eine Ausbildung an der Höheren Staatsgewerbeschule, Abteilung Hochbau, wo er seinen späteren Kompagnon, Rudolf Baumfeld kennenlernte. Über Bücher informierte er sich über Architektur Bauhaus,  der Wiener Sezession und den Wiener Werkstätten, über Otto Wagner und Adolf Loos, aber auch über die Architektur der Moderne von Le Corbusier und dem Bauhaus.

Kurze Bekanntschaft mit Peter Behrens

1923 bekam er bei einem ehemaligen Freund seines Vaters, Baumeister Edmund Melcher, in dessen Architektur- und Ingenieurbüro Melcher und Steiner in Wien eine Stelle, wo er bis 1932 tätig war. Zudem war er kurz (1924/1925) Student an der Kunstakademie bei der Meisterklassse von Peter Behrens, der allerdings selbst nur selten anwesend war. Um 1928 legte er die Baumeisterprüfung ab und erlangte den Titel „Architekt und Stadtbaumeister“.

Kabarettist und Sozialist

Seine Leidenschaft galt allerdings dem politischen Kabarett. Von 1926 bis 1933 leitete Grünbaum gemeinsam mit Robert Ehrenzweig (später Lucas) das Politische Kabarett. Im Kabarett Literatur am Naschmarkt lernte er auch den jungen Kulissenschieber Felix Slavik kennen, später Bürgermeister von Wien (1970 – 1973).

Flucht in die USA

1932 machte sich Victor Grünbaum selbständig, nachdem sich die Geschäftslage von Melcher und Steiner verschlechtert hatte. Als sein Architekturbüro 1938 von den Nationalsozialisten aufgrund seiner „nichtarischen Herkunft“ enteignet wurde, emigrierte er in die USA. In New York City machte er unter dem Namen Victor Gruen durch Umbauten von Boutiquen in der Fith Avenue schnell von sich reden, und 1940 zog er für einen Auftrag einer großen Einzelhandelskette nach Los Angeles und erhielt 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1947 plante er das erste Kaufhaus mit einem Parkdeck auf dem Dach.

Vater der Shopping Mall

1949 gründete Gruen mit seinem österreichischen Kollegen Rudolf Baumfeld  das Büro „Victor Gruen Associates“, welche mit 300 Angestellten eines der größten US-amerikanischen Architekturbüros wurde und noch heute mit Standorten in Los Angeles und New York besteht. 1952 begann die Umsetzung von Gruens bekanntestes Lebenswerk, als er in Northland bei Detroit sein erstes Einkaufszentrum, in dem die Besucher nicht mehr nur einkaufen, sondern sämtliche Funktionen städtischer Zentren auffinden sollten, baute. Damit wurde er zum Erfinder der „Shopping Mall“. Seine Entwürfe für das Northland Center (1954) und das erste überdachte Shopping Mall, das Southdale Center bei Minneapolis (1956) dienen bis heute als Blaupause für Shopping Malls in aller Welt. 
Bis Mitte der siebziger Jahre plante sein Unternehmen Gruen Associates in den USA rund 50 Shopping Center, Gruen wurde reich und berühmt.

Städteplaner, Vordenker und Rückkehr nach Wien

Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Gruen seine Wiener Kontakte wieder aufgefrischt und besuchte seit 1948 jährlich seine Heimatstadt. Obwohl die Wiener Architektenkammer ihn 1967 angezeigt hatte und wegen seines von den Nationalsozialisten eingezogenen Architektendiplom verbieten ließ sich Architekt zu bezeichnen, zog er im Jahr darauf mit seiner vierten Frau zurück nach Wien. 1968 hatte er in Los Angeles die Gesellschaft „Victor Gruen Center for Environmental Planning“ gegründet, sich aber aus den „Victor Gruen Associates“ mehrheitlich zurückgezogen. In Wien gründete er 1973 die Schwestergesellschaft „Zentrum für Umweltplanung“ gründete. Zu seinem Wiener Freundeskreis zählten neben dem Wiener Bürgermeister Felix Slavik unter anderem dem späteren Bundespräsident Heinz Fischer, der Umweltaktivist Bernd Lötsch und die Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg. Gruens städteplanerische Ideen zu seiner Geburtsstadt Wien flossen in den ersten Stadtentwicklungsplan ein, der unter anderem die Schaffung der ersten Fußgängerzone in der Kärntner Straße vorsah. Auch die zahlreichen Fußgängerzonen, die in den 1970- und 1980er Jahren in Städten der BRD entstanden, lassen sich auf Victor Gruen Vorbild Wien, zurückführen.

In zahlreichen Schriften entwickelte er seine städteplanerische Ideen die ihn heute als Vordenker der „Compact Cities“ oder der „Stadt der kurzen Wege“ ausweisen. In der von ihm verfassten „Charta von Wien“, die er in seinem Buch „Das Überleben der Städte“ veröffentlichte, formulierte er Leitsätze einer umweltverträglichen und auf die Bedürfnisse des Menschen ausgerichteten Stadtplanung. Victor Gruen starb am 14. Februar 1980 in Wien.

Werke (Auswahl)

1924: Wettbewerb für Wohnanlage Lassallehof, Lassaalestr. 40 -44, Wien

1932: Umgestaltung eines Einfamilienhauses am Prater, Wien

ab 1934: Gestaltung von Geschäftsportale und Geschäfts-Innendesign

1939: Lederer Store, New York City, USA

1940: Ciro’s Fifth Avenue, Steckler’s on Broadway, Paris Decorators Bronx Concourse, New York City, USA

1952: Einkaufszentrum Northland bei Detroit, USA

1956: Erste berdachte „Shopping Mall“ in Southdale, Edina, Minnesota, USA

1959: Fußgängerzone in Kalamazoo

1960: Centre Gefinor, Beirut, Libanon

1962: Midtown Plaza, Rochester, New York, USA

1963 – 1967: Masterplan für Teheran, Iran

1966: Fox Plaza, San Francisco, USA

1965: Greengate Mall, Greensburg, Pennsylvania

1967: Luxuswohnanlage in Boston, USA

1971: Lakehurst Mall, Waukegan, Illinois, USA

Schriften von Victor Gruen (Auswahl)

1943: Shopping center

1951: Circular store for traffic flow. Chain Store Age. 1951.

1951: Regional shopping centers and civilian defense

1955: Victor Gruen: Cityscape and landscape

1964: The heart of our cities: The urban crisis

1973: Centers for the urban environment: Survival of the cities.

1973: 
Deutschsprachige Ausgabe: Das Überleben der Städte Wege aus der Umweltkrise

2014: Shopping Town, 2014

 

Weitere Informationen:

World of Malls: Architekturen des Konsums

Quellen: http://www.dergrueneffekt.at/deutsch/fotos/work/1#gallery

https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Gruen

https://en.wikipedia.org/wiki/Victor_Gruen

http://www.britannica.com/biography/Victor-Gruen

Bildnachweis: On October 8, 1956, SOUTHDALE CENTER opens for business. The complex encompasses over 800,000 leasable square feet and will eventually house seventy-two stores and services.

http://www.mnhs.org/library/tips/history_topics/72southdale.html (Minnesota Historical Society -Southdale Mall)Porträt von Victor Gruen File:Victor Gruen - Image from the American Heritage Center.jpg; http://www.dergrueneffekt.at/deutsch/fotos/work/1#gallery

http://mall-hall-of-fame.blogspot.de/2008_05_01_archive.html