Schönfeldvorstadt: Eine Renaissance-Villa, mit Bildern finanziert

Er malte die Schönen, Mächtigen und Reichen: Ob die Schauspielerin Geraldine Farrar (Bild), Kaiser Wilhelm II. oder die Industriellenfamilie Krupp, Friedrich August von Kaulbach porträtierte sie für ein königliches Honorar. Der Malerfürst ließ sich dafür eine Renaissance-Villa erbauen.

 

Sich vom Maler Friedrich August von Kaulbach porträtiert werden zu lassen kostete bis zum Zwanzigfachen des Jahresgehalts eines Universitätsprofessors. Der Malerfürst konnte sich von seinen Einnahmen von Gabriel von Seidl in München eine Renaissance-Villa erbauen lassen, die illustre Gäste und Bewohner hatte.

 

Friedrich (Fritz) August von Kaulbach (1850–1920) war in der Prinzregentenzeit vor dem Ersten Weltkrieg ein in Deutschland sehr gefragter Porträt- und Genremaler, vor allem für Frauenporträts. Der Historiker Horst Fuhrmann berichtet, dass um die Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts für ein Bismarckporträt Franz von Lenbachs (1836–1904) 30.000 Mark bezahlt wurden, und fügt hinzu: "von Kaulbach porträtiert zu werden kostete 1896 80.000 bis 90.000 Mark, rund das Zehn- bis Zwanzigfache des Jahresgehalts eines gut verdienenden deutschen Universitätsprofessors".

Zu Kaulbachs Auftraggebern und Porträtierten zählten Kaiser Wilhelm II, Prinzregent Luitpold von Bayern, die Familie des russischen Zaren oder die Frau des Industriellen Friedrich Krupp, Bertha Krupp, aber auch Künstler und Künstlerinnen wie  die amerikanische Opernsängerin und Filmschauspielerin Geraldine Farrar und der Schriftsteller Ludwig Ganghofer. Auch Katia Pringsheim, die spätere Frau des Schriftstellers Thomas Mann wurde als Kind von Kaulbach bei einem Kinderkarneval gemalt.

Der mit seiner Malerei verbundene finanzielle Erfolg ermöglichte es Kaulbach, sich nach seiner Berufung zum Direktor der Akademie der Bildenden Künste (1886) in München in den Jahren 1887 bis 1889 von dem befreundeten Architekten Gabriel von Seidl (1848–1913) eine repräsentative Künstlervilla im Stil der italienischen Renaissance („Ville suburbane") erbauen zu lassen. Die Adresse lautete Obere Gartenstraße 4, nach der Umbenennung der Straße seit 1886/87 nach dem Historienmaler Wilhelm von Kaulbach (1805–1874), heißt sie Kaulbachstr. 15 und befindet sich im heutigen Bezirksteil der Maxvorstadt, der Schönfeldvorstadt. Kaulbach erwarb für den Bau seiner Villa das Anwesen von Graf Karl von Moy für 140.000 Mark und ließ das dort stehende Gebäude niederlegen.

Etwa zur gleichen Zeit errichtete Seidl für den Maler Franz von Lenbach (1936 -  1904) gegenüber dem Königsplatz ebenfalls eine Künstlervilla (Lenbach-Villa) im italienischen Renaissancestil. Kaulbach, Lenbach und Franz von Stuck, der dritte Münchner Malerfürst, waren mit Gabriel von Seidl und dessen Bruder Emanuel von Seidl auch Mitglieder der Künstlergesellschaft Allotria, die ab 1900 ihren Sitz im Künstlerhaus hatte. 

Kaulbachs Wohn- und Ateliershaus

Beim Bau der Kaulbach-Villa mussten „die Anforderungen des Wohnens mit denen eines Atelierhauses“ verbunden werden. Das Zentrum des Hauses bildet das Atelier (132 Quadratmeter) mit hohem Nordfenster, das heute als Bibliothek und Raum für Vorträge und Kolloquien dient. An der Innenausstattung waren die auch sonst von Seidl beschäftigten Münchner Kunsthandwerker beteiligt. Die reichen Stukkateur- und Vergolderarbeiten stammen vermutlich von dem Vergolder Barth (Karl Barth (1840–1924); als Bauleiter fungierte Seidls Mitarbeiter Heinrich Kronenberger (1860–1912).

An das Atelier im ersten Stock schließt sich eine ursprünglich zum Garten hin offene Loggia an, deren Decken mit Genreszenen ausgemalt wurden. Loggia und Gartenfront des Mitteltrakts mit der großen Terrasse mit Freitreppe wurden von der Villa Giulia und der Villa Medici in Rom beeinflusst. Die offene Loggia auf der Westseite des Hauses wurde allerdings bereits nach wenigen Jahren mit Blick auf die Witterung verglast.

Im Jahr 1900 wurde dann ein weiteres Geschoss aufgesetzt, da im Hause – Kaulbach hatte mit seiner zweiten Frau Frida (geb. Schytte, 1871–1948), einer Violin-Virtuosin, drei Töchter – Mangel an eigentlichen Wohnräumen bestand. Seine jüngste Tochter Mathilde (1904–1986) heiratete 1925 den Maler Max Beckmann (1884 – 1950).

1893 erbaute der Maler zudem die Kaulbach-Villa im oberbayerischen Ohlstadt bei Murnau, die ihm bis zu seinem Tode als Zweitwohnsitz im Sommer diente. Nach seinem Tod im Jahr 1920 lebte die Witwe mit den Töchtern hauptsächlich im Ohlstädter Sommerhaus Kaulbachs in der Nähe von Murnau. Das Münchner Haus diente bis 1929 vornehmlich als Aufbewahrungsort der von ihm gesammelten Kunstgegenstände. Am 29. und 30. Oktober 1929 wurde diese Kunstsammlung durch das Kunstantiquariat Hugo Helbing versteigert.

Der Garten der Kaulbach-Villa

Den mit prachtvollen Einzelbäumen bepflanzten Garten (4.200 Quadratmeter) gestaltete Kaulbach teils mit echten, teils mit nachgemachten italienischen Antiken. Zwei Säulen aus Veroneser Marmor wurden in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in das Musikzimmer im Erdgeschoss des Hauses integriert. Vor der Freitreppe, die sich vom Gartensaal aus weit in den Garten öffnet, der bis zur Bayerischen Staatsbibliothek reicht, liegt ein Kiesweg, dahinter in der Mittelachse zur Gartenfront des Hauses ein Wasserbassin, zu dem fünf Stufen hinabführen. In der Mitte davor befindet sich heute noch die Schale eines Brunnens, der früher in der Mitte des Bassins stand.

Dahinter steht der einzige aus der Kaulbach-Zeit erhaltene Baum, eine Rotbuche, die mittlerweile einzeln eingetragenes Naturdenkmal ist. Die alten Bäume im hinteren Teil des Gartens wurden hingegen im Zweiten Weltkrieg durch die Schuttmassen der Bayerischen Staatsbibliothek zerstört.

Vom Korpshaus zur Gauleiter-Residenz

Im Jahr 1931 verkaufte Kaulbachs Witwe Frida die Münchner Kaulbach Villa für 225.000 Mark an den Corpshausverein „Bavaria“ e.V. Die Studentenverbindung nahm unter Leitung des Architekten Fritz Gablonsky (1876–1971) Umbauten vor und gestaltete das Atelier zu einem „Festsaal“ um. Mitte der dreißiger Jahre wurde zudem das Dachgeschoss ausgebaut und das nördliche Nebentreppenhaus durch einen Aufbau bis zum Dach hinauf verlängert.

Ende Januar 1937 erwarb der Bayerische Staat für 240.000 Mark Haus und Grundstück als Dienstwohnsitz für den Staatsminister des Innern und Gauleiter München-Oberbayern Adolf Wagner (1890–1944). Wagner, einer der wenigen Duzfreunde Adolf Hitlers, wohnte von 1937 bis 1944 hier. Das Atelier diente ihm als Arbeits- und Empfangszimmer. Für Wagner wurde das Haus Gablonsky in viereinhalb Monaten umgebaut. Für die Innenausstattung (der Empfangsräume im Erdgeschoss sowie der Wohnräume und des Arbeitszimmers im ersten Stock mit Wandbespannungen, Vorhängen, Teppichen und Möbeln) zeichnete Gerdy Troost (1904–2003), die Witwe von Hitlers Architekten Paul Ludwig Troost (1878–1934). Die Möbel lieferten die Vereinigten Werkstätten nach Entwürfen von Ludwig Troost. An der Südwand des Ateliers wurde ein Filmvorführungsraum angebaut, von dem aus die Filmprojektion auf die Nordwand des Raumes ging. Am Tag der Einweihung des „Hauses der Deutschen Kunst“ wurden Haus und Garten vom neuen Hausherrn zum ersten Mal für eine größere gesellschaftliche Veranstaltung genutzt, bei der auch Adolf Hitler erschien und der später häufiger Gast im Hause war. 1939 wurde im mittleren Bereich des Gartens (auf der zum Walter-Klingenbeck-Weg gelegenen Seite) ein Luftschutzbunker eingebaut.

Vom Soldatensender  zum Historischen Kolleg

Nach dem Zweiten Weltkrieg, das Haus war durch einige Brandbomben nur gering beschädigt, bezog der American Forces Network (AFN) die Kaulbach-Villa. Am 8. Juni 1945 ging die Station auf Sendung und wechselte erst im November 1984 in das Gebäude Kaulbachstr. 45, wo es im Februar 1992 die Sendung einstellte.

Nach einer Pause wurde das vom Stiftungsfonds der Deutschen Bank gegründete Historischen Kolleg, das der Förderung von herausragenden deutschen und ausländischen Gelehrten aus dem Bereich der historischen Wissenschaften dient, genutzt. Alfred Herrhausen, Sprecher des Vorstands der Deutschen Bank und Mitglied des Kuratoriums des Historischen Kollegs setzte sich bei Franz Josef Strauß, Bayerns Ministerpräsident dafür ein, dass das 1980 gegründete Historische Kolleg die Kaulbach Villa nutzen konnte. Bevor das Haus für die Zwecke des Historischen Kollegs genutzt werden konnte – das hatte sich rasch herausgestellt – war allerdings eine Grundsanierung des in den Jahren 1887 bis 1889 errichteten Hauses erforderlich. Im Dezember 1986 wurden die voraussichtlichen Kosten dafür mit 5,4 Millionen DM angegeben. Den Bauauftrag erhielten Professor Otto Meitinger und die Architektengemeinschaft Michael Braun, Wolfgang Hesselberger und Mauritz Freiherr von Strachwitz. Dabei wurde der ursprüngliche Zustand der Fassaden wieder hergestellt. Die erhaltenen Teile der Innenausstattung wurden freigelegt und restauriert. Der Atelierraum wurde zur Bibliothek und Konferenzraum umgebaut. Am 24. November 1988 fand die Eröffnung des Hauses als Sitz des Historischen Kollegs statt.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kaulbach-Villa_(München)  http://www.historischeskolleg.de/organisation/geschichte-der-kaulbach-villa.html  https://de.wikipedia.org/wiki/Historisches_Kolleg

Literatur:

Horst Fuhrmann (Hrsg.): Die Kaulbach-Villa als Haus des Historischen Kollegs. Reden und wissenschaftliche Beiträge zur Eröffnung. München 1989.

Bildnachweis: Friedrich August von Kaulbach, Foto: Theodor Hilsdorf, https://stadtmuseum.bayerische-landesbibliothek-online.de/pnd/118560743; histprische Fotos Kaulbach Villa: Historisches Kolleg; sonst Ulrich Lohrer