Ferdinand Kramer: Architekt und Designer der Frankfurter Universität

Er begann als Designer für Ernst Mays Neues Frankfurt und Ludwig Mies van der Rohes Weißenhofsiedlungs-Häuser. Nach der Emigration in den USA berief ihn Max Horkheimer zurück nach Frankfurt, wo er bis ins kleinste Detail die Bauten und Inneneinrichtung der Universität gestaltete.

 

Ferdinand Kramer wurde am 22. Januar 1898 in Frankfurt am Main als Sohn von Gustav Theophil Kramer (1859–1928) und Anna Maria Kramer, geb. Leux (1868–1947) in Frankfurt am Main geboren, wo seine Eltern ein Hutgeschäft führten. 1916 – nach Abschluss der Schule – wurde er zum Militärdienst eingezogen und blieb bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Soldat.

Studium und erste Tätigkeit

1919 begann Ferdinand Kramer sein Architekturstudium in München bei Theodor Fischer. Noch im selben Jahr ging er ans Bauhaus, verließ es nach wenigen Monaten jedoch enttäuscht, weil es damals keine reguläre Architekturausbildung gab. Er schloss 1922 sein Studium an der TH München ab. Während der Inflationszeit ohne Aufträge in Frankfurt, entwarf Kramer zunächst Kleinmöbel und Gebrauchsgegenstände aus Metall, so den „Kramer-Ofen“, einen Allesbrenner, der seit 1925 von der Firma Buderus produziert wurde. In diese Zeit fällt auch der Beginn seiner Freundschaft zu Theodor W. Adorno, neben Max Horkheimer der führende Kopf des Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Designer für das Neue Frankfurt und der Weißenhofsiedlung

1925 veranlasste Ernst May, neuer Stadtbaurat von Frankfurt am Main und Planer des neuen Frankfurt, die Anstellung Kramers in der Abteilung für Typisierung des städtischen Hochbauamtes.  Kramer behielt diese Stelle bis zum Weggang Mays aus Frankfurt in die Sowjetunion im Jahre 1930. Während dieser Zeit entwarf Kramer hauptsächlich kombinierbare Möbel, die sich den kleinen Wohnungsgrundrissen anpassten, sowie Gebrauchsobjekte: Leuchten, Sitzbadewannen, Türdrücker, normierte Sperrholztüren und Fensterbänke, die wegen der niedrigen Herstellungskosten auch für Geringverdienende erschwinglich waren.

Zusätzlich zu seiner Tätigkeit im Hochbauamt entwarf Kramer Möbel für die Firma Thonet, deren massenindustrielle Fertigungsmethoden ihn faszinierten. Auf einer Reise nach Wien lernte er Adolf Loos, dessen Thonet-Möbel er bewunderte, kennen und den er später in Frankfurt empfing. Auf Kramers Initiative wurde Loos Schrift „Ornament und Verbrechen“erstmals in Deutschland veröffentlicht.

1927 war Ferdinand Kramer für das Interior von zwei Musterwohnungen in der Werkbundausstellung der Stuttgarter Weißenhofsiedlung  verantwortlich. Dies war ein Gebäude von Ludwig Mies van der Rohe und ein Reihenhaus von J.J. Oud. Zudem überwachte er den von Ernst May in der Ausstellung propagierten Plattenbau.

Als Architekt war Kramer im Rahmen des Neuen Frankfurt nur an einem Siedlungsprojekt beteiligt: die Laubenganghäuser, Heizwerk und Waschküche in der Siedlung Westhausen, die nach seinen Plänen in Zusammenarbeit mit Eugen Blanck gebaut wurde. Bereits zuvor hatte Ferdinand Kramer als Mitarbeiter der Stadt Frankfurt am Hochbauamt die Gaeage der Städtischen Automobil- und Droschkengesellschaft entworfen.

Überleben im Dritten Reich

Anfang der 1930er-Jahre machte sich Kramer als Architekt in Frankfurt am Main selbständig. Doch mit dem Wechsel im Rathaus hatte sich auch die Situation für Architekten der Moderne in Frankfurt deutlich verschlechtert. 1931 wurde die Baustelle des von ihm geplanten und heute noch bestehenden Hauses Erlenbach in der Hans-Sachs-Straße 6 wegen „Verunstaltung der Gegend“ durch Flachdach und moderne Form während der Arbeiten von den zuständigen Behörden stillgelegt, so dass der Bau erst nach einjähriger Unterbrechung auf Intervention des Regierungspräsidenten von Hessen-Nassau vollendet werden konnte. Danach beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem Umbau und der Einrichtung von Privatwohnungen, dem Café Bauer und Ladeneinrichtungen. Weil seine Frau Beate Kramer, geborene Feith, Jüdin war, wurde von den regierenden Nationalsozialisten auf ihn Druck ausgeübt, sich von ihr scheiden zu lassen. Weil er sich weigerte und als Architekt der Moderne abgelehnt wurde, wurde er aus der Reichskammer der Künste ausgeschlossen und 1937 mit Arbeitsverbot belegt.

Emigration und Tätigkeit in den USA

1938 folgte Ferdinand Kramer seiner Frau in die Emigration in die USA, wo er sich in New York niederließ. Dort arbeitete er zunächst für Architektur- und Designbüros, bis er 1940 die Zulassung als Architekt erhielt. Er entwarf sogenannte „Knock Down“-Möbel, kombinierbare, variable Möbel, die von den Benutzern selbst zusammengebaut werden konnten.

Das zuvor aus Frankfurt emigrierte Institut für Sozialforschung berief unter dem Einfluss von Theodor W. Adorno Kramer zum Leiter zweier Siedlungsgesellschaften. In Port Chester in Westchester County im US-Bundesstaat New York besaß das Institut ausgedehnte Grundstücke, für die Kramer zwei Einfamilienhaussiedlungen plante und vermarktete. Die Siedlungen wurden zwar im Stil der typischen Architektur der Ostküste aus Holzhäusern mit Giebeldach errichtet, waren aber wie viele Entwürfe von Kramer zerlegbar.

Baumeister der Frankfurter Universität

1952 kehrte Kramer auf Bitte von Max Horkheimer nach Frankfurt zurück und übernahm das Amt des Baudirektors der Johann Wolfgang Goethe-Universität. In dieser Zeit entwarf er zusammen mit seinen Mitarbeitern 23 Universitätsbauten. Kramer plante dabei auch die Inneneinrichtung bis ins Detail: Neben Möbeln, die er selbst entwarf, gab er alle anderen Einrichtungs- und Ausstattungsgegenstände vor. Dabei griff Kramer auch auf Objekte aus seiner Mitarbeit am „Neuen Frankfurt“ zurück. Typisch für Kramers Architektur ist deren Geradlinigkeit sowie die Verwendung vergleichsweise einfacher Materialien: So bestehen nahezu alle Bauten an der Universität aus einem Stahlbetonskelett, das mit Klinkern ausgefacht ist. Zu Beginn seiner Tätigkeit für die Universität erarbeitete er 1952/53 einen Generalbebauungsplan, der 1955, 1958 und bis 1963 jährlich überarbeitet wurde.

Werke (Auswahl)

1925: (ab) 1Möbel für die Firma Thonet

1927: Einrichtung zweier Wohnungen und Reihenhaus der Weißenhofsiedlung, Stuttgart,

1930: Laubenganghäuser, Siedlung Westhausen, Frankfurt am Main, ca.

1930: Henry und Emma Budge Heim (in Zusammenarbeit mit Mart Stam, Werner Moser), Frankfurt am Main

1931: Haus Erlenbach, Hans Sachs-Straße 6, Frankfurt,

1940: Siedlungen Greyrock Park und Alden Estates, Port Chester, NY, USA

1953: Fernheizwerk, Gräfstraße, Frankfurt am Main

1954: Amerika-Institut/Englisches Seminar, Kettenhofweg 130, Frankfurt am Main

1955: Biologische Institute, Siesmayerstraße 70–72, Frankfurt am Main

1957: Institutsgebäude für Pharmazie, Lebensmittelchemie und Städtisches Nahrungsmitteluntersuchungsamt mit Hörsaalgebäude Georg-Voigt-Straße 14–16, Frankfurt am Main

1956: Studentenwohnheim Bockenheimer Warte, Frankfurt am Main

1958: Zentrum für Kernphysik mit Versuchsreaktorsamt, August Euler-Straße, Frankfurt am Main

1960: Philosophisches Seminargebäude, Frankfurt am Main

1961: Walter-Kolb-Studenten-Wohnhaus

1964: Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt am Main 

1964: Geographisches Institut, Senckenberganlage 36, (abgerissen), Frankfurt am Main

1954: Geologisch-Paläontologisches Institut, Senckenberganlage 32 (abgerissen), Frankfurt am Main

1969: Comoedienhaus Hanau-Wilhelmsbad

1972: Mehrere Wohnhäuser in Deutschland und in der Schweiz 1970–1972

Bildnachweis: Universitätsbibliothek Beschriftung stammt nicht von Ferdinand Kramer, Foto: W.Frako;