Ernst May: Baumeister des Neuen Frankfurt

Nirgendwo wurde in den 1920er-Jahre die Idee des neuen Bauens mit modernen und günstigem Wohnraum in größerem Umfange verwirklicht als im Neuen Frankfurt. Ihr Schöpfer, der Architekt und Städteplaner Ernst May griff auf die Ideen des Bauhauses zurück und forcierte das industrielle Bauen.

 

Ernst May wurde am 27. Juli 1886 in Frankfurt am Main  als Sohn von Adam May (1855 – 1936) eines Herstellers von Lederwaren, und Clara Jenny May (1859 – 1923) geboren. Sein Vater förderte schon früh das künstlerische Interesse von Ernst May.

Auf sein Anraten begann er auch seinem Abitur an einem Internat in Kassel ab April 1907 am University College London mit dem Studium der Architektur, kam aber im Oktober 1907 wieder zurück nach Deutschland, um in Darmstadt seinen Wehrdienst abzuleisten. Schon während des Militärdienstes  schrieb er sich als Student an der Technischen Hochschule Darmstadt ein und setzte dort danach sein Architekturstudium fort. Dort kam er auf der Mathildenhöhe in Kontakt mit Jugendstilkünstlern. Im Oktober 1908 wechselte an der Technischen Hochschule München und setzte dort sein Architekturstudium bei Friedrich von Thiersch, Theodor Fischer und Hans Eduard von Berlepsch-Valendas fort und schloss sein Studium dort im Februar 2013 ab.

Gartenstadtbewegung und praktische Erfahrung in Hampstead und Frankfurt

Ernst May hatte sein Studium vom Sommer 1910 bis Februar 1911 für ein Praktikum bei dem Architekten und Stadtplaner Raymond Unwin in London unterbrochen und dort erste praktische Erfahrungen gesammelt. Dort lernte er während der Arbeit an der Siedlung Hampstead nördlich von London die Prinzipien der Gartenstadtbewegung unter dem Einfluss ihres Erfinders Ebenezer Howard kennen und übersetzte Unwins Werk Grundlagen des Städtebaus ins Deutsche. Nachdem er sein Studium an der Technischen Hochschule München im Frühjahr 1913 beendet hatte, machte zu Ostern eine Studienreise nach Italien und arbeitete danach im Architekturbüro von Otto March in Berlin. Ende 1913 gründete May das Architekturbüro Musch und May in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main und heiratete 1914 Elma Bodwig (Trennung 1918). Noch im gleichen Jahr wurde er bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 als Soldat einberufen, wo er zunächst in Nordfrankreich und an der Ostfront seinen Kriegsdienst ausübte, ab Frühjahr 1916 jedoch für die Anlage von Soldatenfriedhöfen in Rumänien zuständig war, dann ab Februar 1918 als Inspekteur der Kriegerfriedhöfe im besetzten Nordfrankreich tätig war.

Siedlungsbau in Breslau und Kontakt zum Bauhaus

1919 hatte May eine Anstellung als Technischer Leiter für die Schlesischen Landgesellschaft in Breslau, die sich mit der Förderung bäuerlicher Landsiedlungen beschäftigte, bekommen. Im Sommer heiratete er in zweiter Ehe Ilse Hartmann. Im Juni 1919 wurde die Gesellschaft „Schlesisches Heim“ gegründet. Diese unterstützte den Wohnungsbau mit Materialien und Wissen, und war selbst auch baulich tätig. 1921 wurde diese Gesellschaft in „Schlesische Heimstätte Provinzielle Wohnungfürsorge-Gesellschaft“ m.b.H. umbenannt. May initiierte die Zeitschrift „Schlesisches Heim“, gleichzeitig machte er sich Gedanken über Typisierung im Wohnungsbau. May entwarf dabei zahlreiche Varianten von Häusern und griff dabei noch traditionelle Formen. 1921 wurde er zum technischen Direktor der gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft "Schlesisches Heim" ernannt und nahm mit Herbert Boehm an einen Ideenwettbewerb zur Erweiterung Breslaus mit dem Beitrag „Trabanten“ teil, der mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde. Mit der Idee der Trabantenstadt verstand May eine von der Kernstadt räumlich losgelöste, jedoch durch Eisenbahnstrecken rasch erreichbare Stadterweiterung mit einem hohen Maß an Eigenständigkeit, wie z. B. eigenen Arbeitsstätten. Neben einer völligen neuen und modernen Planung lagen die Vorteile vor allem in der günstigen Erschließung aufgrund des niedrigen Grundstückspreise im Vergleich einer Erweiterung der Kernstadt.

1923 besuchte May die erste Bauhaus-Ausstellung in Weimar und kam dabei in Kontakt mit Walter Gropius. Die Ideen des industriellen und Bauens und die Ausrichtung nach funktionalen Kriterien beeinflusste ihn stark. So kam es bereits im Jahr danach zur Gründung der „Kopfgemeinschaft“ unter Führung der DEWOG (Deutsche Wohnungsfürsorge AG für Beamte, Angestellte und Arbeiter) durch Martin Wagner, Ernst May, Walter Gropius und Bruno Taut zur Entwicklung von Versuchshäusern. Durch Studenreisen nach Amsterdam (1924) und in die USA (8. April bis 1. Juni 1925), wo er an der International Conference of City Planning in New York teilnahm und Frank Lloyd Wright sowie Lewis Mumford kennenlernte, konnte er seine Vorstellungen über Architektur und Stadtplanung erweitern.

Baumeister des Neuen Frankfurt

Am 2. Oktober 1924 wurde der von Friedrich Naumann beeinflusste Liberale (DDP) Ludwig Landmann (1860 – 1945) zum Oberbürgermeister von Frankfurt am Main gewählt. Landmann hatte sich zuvor als Stadtrat und Dezernent für Wirtschaft, Verkehr und Wohnungswesen intensiv mit der Beseitigung der Wohnungsknappheit und dem Wohnungsbau beschäftigt und 1923 das kommunale Siedlungsamt zur Stadterweiterung eingerichtet. Als gewählter Frankfurter OB setzte er nun nach der wirtschaftlichen Konsolidierung mit der Einführung der Rentenmarkt seine ambitionierte Wohnungs- und Wirtschaftspolitik sofort in Gang. Dabei griff er auf die Idee des bislang vor allem von Parteien vom linken Parteienspektrums geforderten kommunalen Massenwohnbau zurück, ließ diese jedoch durch seinen Stadtkämmerer Bruno Asch mit kommunaler Förderung und Umlage neuer Reichssteuern (Hauszinssteuer) sowie marktwirtschaftlich mit Privatunternehmen- und Genossenschaften finanzieren. Die Leitung des städtischen Hochbauamtes, die für die Planung sämtlicher kommunaler Bauten zuständig war, übernahm Martin Elsässer (1884 – 1957), die Stelle des Stadtbaurates konnte Ernst May gegen 102 Mitbewerber erlangen.

Um Landmanns Projekt des Neuen Frankfurt umzusetzen, besetzten May und Elsässer Mitarbeiterstellen der Verwaltung neu und sicherten sich die Mitarbeit junger Architekten mit moderner Ausrichtung aus dem In- und Ausland. So arbeiteten in dem Stab von 50 Architekten und Designern die deutschen Architekten Ernst Balser, Wolfgang Bangert, Max Cetto, Werner Hebenrand, Bernhard Hermkes, Eugen Kaufmann, Ferdinand Kramer, Adolf Meyer – der vom Bauhaus (1881 – 1929) kam und ein langjähriger Mitarbeiter von Walter Gropius war, Carl-Hermann Rudloff sowie Walter Schwagenscheidt und auch Bruno Taut für das Neue Frankfurt. Die Österreicher Margarete Schütte-Lihotzky und Anton Brenner entwarfen die Frankfurter Küche und der Rotterdamer Mart Stam (1899 – 1986) brachte die radikal Ideen der Moderne mit ein.

Unter Mays Regie entstanden 12.000 Wohnungen, 2000 mehr als geplant. Die Wohnungen setzten Standards im Wohnungs- und Siedlungsbau, Bauteile wie Fenster und Betonelemente sowie gestalterisch dazu passende Gebrauchsgegenstände wie Türklinken, Möbel, Geschirr und  beispielsweise die Frankfurter Küche waren normiert. Umgangssprachlich werden in Frankfurt die Siedlungenals „May-Siedlungen“ bezeichnet.

Um die Idee des neuen Frankfurt einer breiten Masse und Interessierten näher zu bringen und zu erläutern, veröffentlichte May die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“, in der Beiträge von Walter Gropius, Marcel Breuer und Ernst Wichert erschienen.

Unter dem Vorsitz von Ernst May fand vom 24. bis 26. Oktober 1929 der zweite Congrès internationaux de l'architecture moderne (CIAM) – der unter dem Motto „Die Wohnung für das Existenzminimum“ stand – statt. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise und der damit verbundenen Sparpolitik im Reich und den Kommunen kam das Projekt Neues Frankfurt allerdings zum Stilstand. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kamen dann alle Aktivitäten des Neuen Frankfurt zum Erliegen.

Brigade May in der Sowjetunion

1930 lud die Regierung der Sowjetunion unter Stalin May dazu ein, in Russland zu arbeiten; man versprach ihm, mit seinem Mitarbeiterstab an der Errichtung von 1,4 Millionen Wohnungen mitzuwirken. May leitete eine aus 26 westlichen und 11 russischen Mitarbeitern zusammengesetzte Gruppe, darunter die Architekten Mart Stam, Heinrich Eggerstedt, Wilhelm SchGustav Hassenpflug, Hans Schmidt. Die Brigade May entwarf Generalbebauungspläne neuer Industriestädte in Sibirien und einen Stadterweiterungsplan für Moskau. Bis Ende 1932 arbeitete May an Projekten an mehr als zwanzig Orten, die riesige Siedlungen mit standardisierten, vorfabrizierten Materialien vorsahen. Dabei wurde immer deutlicher, dass Mays Vorstellungen einer ganz heitlichen Planungen sich nicht mit Stalins Vorstellungen vereinbaren ließen. Vor ort blockierten entscheidungsunwillige Behörden die Realisierung, zeigten gegenüber den Planer Misstrauen und erwiesen sich als korrupt, so dass nahezu alle Arbeiten zum Erliegen kamen. Während eines sechswöchigen Urlaub in England, Frankreich und Italien hörte er im März 1933 im Radio eine Rede von Joseph Goebbels, in der dieser May diffamierte und klar wurde, dass May nicht mehr nach Deutschland zurück konnte. Am 25. Dezember 1933 reiste May, der seit dem 1. April 1932 nur noch Leiter der Städtebauabteilung von Standartgorproekt war, aus Moskau über Genua nach Ostafrika aus.

Farmer und Architekt in Ostafrika

May reiste mit seiner Familie in die ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika, dass unter den Namen Tanganjika Mandatsgebietes des Völkerbundes war und seit 1922 als solches an Großbritannien verwaltet wurde. May erwarb 160 Hektar Buschland, um sich dem Anbau von Kaffee, Getreide und Pyrethrum zu widmen. Ab 1937 machte er die gelegentlichen Architekturprojekte wieder zu seiner Hauptbeschäftigung und arbeitete in seinem Büro in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Aufgrund der Kriegssituation und seiner deutschen Herkunft geriet Ernst May in Verdacht. Man warf ihm vor, ein Antisemit und als Nazispion in Russland tätig gewesen zu sein. Die Verdächtigungen führten zu seiner Internierung von 1940 bis 1942 in der Südafrikanischen Union. Danach arbeitete er wieder als Architekt – unter anderem auch für den Aga Khan – und entwarf Geschäfts- und Wohngebäude, aber auch Hotels und Schulen und sogar an der Stadtentwicklung von Kampala.

Neue Heimat in der alten Heimat

Die Kriegszerstörungen in Deutschland weckten in May das Bedürfnis, sich dort am Wiederaufbau zu beteiligen. Als 1953 aufgrund des Mau-Mau Aufstandes in Ostafrika die Arbeit als Architekt zunehmend schwieriger wird, bereitet der 67-jährige May seine Rückkehr nach Deutschland vor. Auf Vermittlung seines früheren Mitarbeiters Werner Hebebrand übernimmt er 1954 die Leitung der Planungsabteilung des Wohnungsbaukonzern Neue Heimat in Hamburg. In dieser Funktion kann er Wohnsiedlungen als städtebaulich einheitliche Komplexe planen, die mit einer aufgelockerten, geschwungenen Bauweise sowie der Mischung verschiedener Wohnformen und mit Hochhäusern als baulichen Dominanten, in Abkehr vom starren Zeilenbauschema das Ideal der gegliederten Stadt realisieren. Nach Differenzen mit der Leitung der Neuen Heimat scheidet May jedoch Ende 1956 aus dem Konzern aus, dem er als Berater und freier Architekt aber weiter verbunden bleibt.

In Hamburg, Bremen, Braunschweig oder Darmstadt entstehen nach seiner Planung in Kooperation mit örtlichen Architekten Wohnsiedlungen, die in Nachbarschaften gegliedert und um Grünflächen gruppiert sind. 1958 wurde Ernst May im Alter von 72 Jahren zum Planungsbeauftragten von Mainz ernannt. Er entwarf einen Generalbebauungsplan, der die Schaffung von Hochhaussiedlungen außerhalb der Innenstadt sowie eine autoherechte mit Ringautobahn und Altstadttangente vorsah. Dieser Plan wurde 1960 vom Stadtrat gebilligt und in Teilen zügig umgesetzt. In den 1960er Jahren wurde nach einem Wettbewerb Ernst May mit dem Bau neuer Siedlungen in Wiesbaden beauftragt. Dort setzte er sich für den Bau hochwertigen und durchgrünten Wohnraums ein.

Ernst May stibt im Alter von 84 Jahren am 11. September 1970 in Hamburg.

Projekte (Auswahl)

1915: Arbeiterinnenheim (zerstört), Ostend, Frankfurt am Main

1916: Soldatenfriedhof Dombroselisna, Polen

1917: Soldatenfriedhof Vâlcelele, Rumänien

1917: Soldatenfriedhof Novosjolki, Rumänien

1918: Soldatenfriedhof Esmery-Hallon, Frankreich

1918: Soldatenfriedhof Saint-Quentin Nord, Frankreich

1919: Halbländliche Kleinsiedlung Frankenstein

1919: Vorstädtische Siedlung Gottesberg

1919: Siedlung Kawallen, Breslau

1920: Rentengutsiedlung Goldschmieden-Neukirch (Zlotniki), Breslau

1920: Wohnhaus May, Breslau

1925: Vorstädtische Kleinsiedlung Dittersbach bei Waldenburg

1925: Kleinsiedlung Haynau

1925: Villa May, Frankfurt am Main

1926: Villa Elsaesser, Frankfurt am Main,

1927: Siedlung Höhenblick, Frankfurt am Main,

1927: Siedlung Bruchfeldstraße, Frankfurt am Main

1927: Siedlung Riederwald, Frankfurt am Main

1928: Wohnhaus Willy Solle, Krügerkamp 18, Lemgo-Brake

1928 Siedlung Praunheim, Frankfurt am Main

1928: Siedlung Römerstadt, Frankfurt am Main

1930: Siedlung Bornheimer Hang, Frankfurt am Main

1929: Siedlung Westhausen, Praunheim, Frankfurt

1930: Röderberg-Reformschule, Frankfurt am Main

1931: Siedlung Westhausen, Frankfurt am Main

1931: Anwesen Dornbusch, Frankfurt am Main

1932: Hellerhofsiedlung, Frankfurt am Main

1931: Generalbebauungsplan Stalingrad, Sowjetunion

1931: Generalbebauungsplan Novosibirsk, Sowjetunion

1932: Generalbebauungsplan Karaganda, Sowjetunion

1932: Generalbebauungsplan Groß-Moskau, Sowjetunion

1933: Generalbebauungsplan Magnitogorsk, Sowjetunion

1933: Generalbebauungsplan Kuzneck, Sowjetunion

1933: Generalbebauungsplan Leninsk, Sowjetunion

1934: Heimatsiedlung Frankfurt am Main

1934: Farmhaus May West Meru Alp ehemals Tanganjika

1937: Kenwood House, Nairobi, Kenia

1937: Wohnhaus Murray ehemals Tanganjika

1939: Katholische Kirche ehemals Tanganjika

1945: Haus für eine afrikanische Familie

1949: Siedlung Nakawa, Kampala

1951: Wohnhäuser Delamare Flats, Nairobi, Kenia

1951: Aga Khan-Geburtenklinik, Kisumu

1951: Hotel Lugard, Nairobi

1954: Residenz für den Aga Khan, Daressalam

1957: Siedlung St. Lorenz-Süd, Lübeck

1957: Gartenstadt Vahr, Bremen

1957: Wettbewerb Umgebung Fennpfuhl, Berlin-Lichtenberg

1958: Oceanic Hotel, Mombasa

1960: Siedlung Grünhöfe, Bremerhaven

1960: Neu Altona, Hamburg

1961: Neue Vahr, Bremen

1961: Siedlung Schelmengraben, Wiesbaden

1965: Siedlung Heidberg, Braunschweig

1965 Siedlung Klarenthal, Wiesbaden

1966: Siedlung Rahlstedt-Ost, Hamburg

1970: Siedlung Parkfeld, Wiesbaden

1970: Siedlung Kranichstein, Darmstadt

Quellen: Christian Welzbacher: Das Neue Frankfurt; http://ernst-may-gesellschaft.de/home.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_May; http://www.architekten-portrait.de/ernst_may/; https://thecharnelhouse.org/2011/11/22/

Bildnachweise: Frankfurtm zickzackhausen, Foto: Daniel Jünger; Ernst May vor Siedlungsplänen, Frankfurt, ca. 1927 © DAM