Weißer Würfel statt Braunes Haus

Ende April wird das NS-Dokumentationszentrum beim Königsplatz eröffnet. An der Stelle befand sich zwischen 1930 bis 1947 die ehemalige NSDAP-Parteizentrale. Nun sollen in dem hellen Gebäude im Bauhausstil Ausstellungen über die düstere Zeit informieren.

 

 

Das Parteihaus bricht uns noch einmal das Genick“, notiert Joseph Goebbels am 28. März 1931. Die Nazis hatten 1930 das Palais Barlow beim Königsplatz für 805.864 Reichsmark mit der Spende des Industriellen Fritz Thyssen erworben. Adolf Hitler ließ es von seinem Architekten Paul Ludwig Troost prunkvoll ausstatten.

Im „Braunen Haus“ wurde die Machtübernahme geplant. Danach entstand rund herum das NSDAP-Viertel inklusive des Führerbaus und des Verwaltungsbaus.  Ab 1. Mai kann nun anstelle des 1947 abgerissenen Palais das NS-Dokumentationszentrum besucht werden.

Auf Initiative von engagierten Bürgern wurde 2005 sein Bau beschlossen. Die Baukosten von 28 Millionen Euro tragen je zu einem Drittel die Stadt München, das Land Bayern und der Bund. Der Freistaat stellte als Eigentümer des Grundstücks des ehemaligen Braunen Haus den Baugrund zur Verfügung, die laufenden Kosten übernimmt die Stadt.

Der Entwurf des Neubaus stammt von den Berliner Architekten Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wetzel, die 2009 den dafür ausgelobten Wettbewerb gewannen. Anstelle des 1828 erbauten Palais im Biedermeierstil steht nun ein Würfel aus weißem Sichtbeton.

Mit 22,5 Meter Kantenlänge überragt er den angrenzenden „Führerbau“. Die Fassade gliedern großflächige, geschlossene Bereiche und Betonlamellenfenster, die sich teils über zwei Geschosse erstrecken. Sie täuschen darüber hinweg, dass das Gebäude über sechs Ober- und zwei Untergeschosse verfügt. „Durch die Fenster wird die Umgebung für die Besucher bewusst ins Blickfeld gerückt – sie wird zum Bestandteil der Ausstellung“, so Baureferentin Rosemarie Hingerl.

Am 20. März wurde das Gebäude Sieger des Heinze Architekten Award 2015. Die Jury unter dem Vorsitz des Berliner Architekten Max Dudler lobte an dem „Kunststück“ die „einfache, aber raffinierte städtebauliche Setzung“ sowie „die formale Klarheit und konstruktive Durchdringung“ des Gebäudes.

 Kernstück des Inneren bildet die Dauerausstellung „München und der Nationalsozialismus“, die unter Leitung von Direktor Winfried Nerdinger  und den Historikern Hans Günter Hockerts, Peter Longerich und Marita Krauss ausgearbeitet wurde. In den vier unteren Obergeschossen wird Aufstieg, Herrschaft, Verbrechen und Nachwirkung des NS dokumentiert. In den Untergeschossen befinden sich Auditorium und ein Café, im 5. Obergeschoss die Verwaltung. Zur Eröffnung wird die Sonderausstellung „Vom Anfang bis zum Ende“ mit Werken von Künstlern wie Otto Dix, George Grosz und Käthe Kollwitz gezeigt.

Ulrich Lohrer, 15.04.2015

Bilder: Fotografien von außen – Jens Weber; von Innen – Stefan Müller;

04/2012: Markstein gegen das Vergessen

Nach der Grundsteinlegung Anfang März schreitet der Bau des NS-Dokumentationszentrum endlich voran. Die Entscheidung zu Gunsten des Projektes war eine schwere Geburt. Anstelle Hitlers Braunem Haus – der zerstörten Parteizentrale der NSDAP – entsteht nun bis 2014 ein weißer Kubus im Bauhaus-Stil

Eine gute und wichtige Sache kommt nie zu spät“, würdigte Max Mannheimer (92) am 9. März 2012 die Grundsteinlegung des NS-Dokumentationszentrums. Der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau und NS-Verfolgte hatte sich stark für den Bau eingesetzt. 65 Jahre nach den ersten Überlegungen zu dem Projekt wird es an der Stelle der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP, dem „Braunen Haus“ errichtet.

An dem feierlichen Festakt nahmen als führende Vertreter der Bauherreen – Stadt München, Land Bayern und die Nundesrepublik – Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) und Kulturstaaatsminister Bernd Neumann teil. Unter den Gästen waren neben den Architekten unter anderem auch Vertreter der Verfolgten wie Max Mannheimer, aber auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israeltischen Kultusgemeinde München und Münchens Alt-OB Hans-Jochen Vogel (SPD).

Bereits direkt nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Idee auf, ein historisch-politischen Erinnerungs- und Lernort zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Folgen des Nazi-Regimes in München – dem „Ort der Bewegung“ zu errichten. Aber erst im Jahr 1989 gab der Münchner Stadtrat die Anregung ein „Haus der Zeitgeschichte“ zu errichten. Als Ort hatte man das Grundstück des „Braunen Hauses“ im  im Blick, wo während des Dritten Reichs die Reichsleitung der NSDAP ihren Sitz hatte. Das Haus wurde bereits 1828 von Jean Baptiste Métivier im Biedermeierstil errichtet und wurde 1930 mit Hilfe von Geldern des Industriellen Fritz Thyssen von der NASDAP erworben. In der Folgezeit wurde es Mittelpunkt eines ganzen von der NSDAP in Beschlag gelenen Stadtviertel in der Maxvostadt, zu denen die von Paul Ludwig Troost entworfenen Bauten, wie der heute noch erhaltene Führerbau (heute Musikhochschule) und der Verwaltungsbau der NSDAP, gehören. Troost gestaltete auch die Inneneinrichtung des „Braunen Hauses“ neu.

 

Das Gebäude beim Königsplatz in zentraler Innenstadtlage wurde 1945 weitgehend zerstört und 1947 endgültig abgerissen. Die Landeshauptstadt München entschied dann 2001 in einem Grundsatzbeschluss, ein NS-Dokumentationszentrum aufzubauen. Sechs Monate später schloss sich der Freistaat Bayern dieser Idee an.

2007 kam das Projekt in die Gänge, als sich die Stadt München, der Freistaat und derBund darauf einigten die geschätzten 28,2 Millionen Euro Baukosten zu je einem Drittel zu übernehmen. Für eventuelle Mehrkosten und den Unterhalt kommt die Landeshauptstadt auf. Der im April 2008 ausgelobte Architekturwettbewerb für das NS-Dokumentationszentrum, an dem rund 50 von 115 sich beworbenen Architekturbüros teilnehmen durften, wurde am 6. März 2009 entschieden.  Den 1. Preis erhielt die Berliner Architekturbüros Georg Scheel Wetzel gemeinsam mit Weidinger Landschaftsarchitekten (ebenfalls Berlin). Weiteren Preisträger waren Lamott Architekten BDA, Stuttgart mit Stötzer und Stötzer Landschaftsarchitektur, Freiburg (2. Preis) und Kusus + Kusus Architekten mit Frank Kiessling Landschaftsarchitekten  – beide Berlin (3. Preis).

 

Gebaut wird nun nach den Plänen der Sieger Georg Scheel Wetzel Architekten ein weißer Kubus im reduzierten Bauhausstil. Der sechsstöckige Bau aus weißem Sichtbeton soll sich durch geschickte Raumaufteilung auszeichnen und wird geprägt durch zweigeschossige Lamellenfenster, die Ausblicke nach allen Seiten ermöglichen. Die Jury unter Vorsitz Peter Kulka hatte den Entwurf als „hervorragender Beitrag zur gestellten Aufgabe mit einer eigenen unverwechselbaren Identität“ gelobt worden.

Kritik wurde dennoch an der Architektur geäußert, da der weiße Würfel die „Sichtachse der klassizistischen Brienner Straße zerstöre“. Dies sei gewollt, betonen die Architekten: „Die Wiederbebauung des Grundstücks des „braunen Hauses“ wird einen asymmetrischen Akzent innerhalb der axialen Platzkonfiguration setzen und somit ihr Ziel erreichen, sich von der bestehenden Topographie abzulösen, die immer noch vom Stempel geprägt ist, den die Nationalsozialisten diesem Ort aufdrückten“, so die Erläuterung von Georg Scheel Wetzel Architekten.


Auch nach der Entscheidung über die Finanzierung 2009 verzögerte sich das Projekt. So gab es eine langandauernde Diskussion über die Bezeichnung des Namens. Vor allem aber kam die Konzeption der Ausstellung nicht voran. Die Gründungsdirektorin, die Historikerin Irmtrud Wojak, die sich einen Namen durch ihre Studien Verfolgung, Emigration und Exil im Dritten Reich gemacht hatte und ein Standardwerk über Fritz Bauer, dem Chefankläger in den Ausschwitz-Prozessen der 1960er-Jahre vorgelegt hatte, erwies sich für die organisatorische Leitung nicht als eine glückliche Wahl. Als sie nach zwei Jahren nicht einmal über die grobe Richtung des Ausstellungskonzepts etwas sagen konnte, kam es im Oktober 2011 zum Bruch mit den Trägern.

Nun gibt es auch bei der Leitung des Dokumentationszentrum wohl eine Lösung. Architekturhistoriker und TU-Professor Winfried Nerdinger soll Direktor werden. Die Fertigstellung ist für das Frühjahr 2014 geplant.

 

 

Bilder: Pläne, Schnitte Entwürfe von Georg Scheel Wetzel/ Landeshauptstadt München