Architekt I. M. Pei mit 102 Jahren verstorben

Ieoh Ming Pei gilt als einer der bedeutendsten Architekten der Gegenwart und einer der späten Meister der Klassischen Moderne. Nun verstarb er am 16. Mai 2019 im Alter von 102 Jahren. Er entwarf die Glaspyramide des Louvre in Paris und Teile des Deutschen Historischen Museums in Berlin. 

 

I. M. Pei kam am 26. April 1917 in Guangzhou als Sohn eines leitenden Angestellter der Bank of China zur Welt. 1935 ging er in die USA und studierte zunächst an der University of Pennsylvania, dann am Massachusetts Institute of Technology (1940 Bachelor) Architektur. Dabei widmete er sich selbst den Schriften von Le Corbusier. Als dieser im November das MIT besuchte, war Pei tief von diesem beeindruckt: „The two days with Le Corbusier, or 'Corbu' as we used to call him, were probably the most important days in my architectural education.“ Schließlich, nach Unterbrechungen durch das Militär, studierte Pei an der Harvard Graduate School of Design (1946 Master) Architektur. Seine Lehrer in Harvard waren Marcel Breuer und Walter Gropius, der ihm eine Stelle als Assistant Professor anbot.  Pei akzeptierte und betrachtete Gropius nicht nur als einen hervorragenden Lehrer, dem er viel zu verdanken hat, sondern entwickelte später dessen Regeln in seiner Arbeit weiter entwickelte und ließ sie nie völlig außer Acht. Zu Breuer sagte Pei: „Er war mein bester Freund und Lehrer in Harvard.“ Pei und Breuer blieben bis zum Tod von Marcel Breuer 1981 eng befreundet.  Während Breuer Pei emotional berührte, war Gropius ein ausgeprägter Rationalist. „Die Symbiose von Breuer und Gropius schaffte eine sehr anregende Atmosphäre für junge Architekten.“, so Pei. Während seiner Zeit als Professor in Boston arbeitete er zudem in dem Büro des Architekten Hugh Stubbins.

1948 wurde Pei Direktor der Entwurfsabteilung der Baufirma Firma Webb & Knapp des New Yorker Unternehmers William Zeckendorf. Er entwarf Stahl- und Glasarchitektur im Stil des von ihm bewunderten Ludwig Mies van der Rohe. Sein eigenes Wochenendhaus in Katonah (1952) entstand in Anlehnung von Mies Famsworth House.

Meister des Betons

1955 erhielt er die US-Staatsbürgerschaft und gründete mit „I. M. Pei & Associates“ sein eigenes Architekturbüro, führte aber weiterhin ausschließlich für Webb & Knapp Arbeiten durch.

Erst ab 1960 nahm Pei auch andere Aufträge an. Sein 1961 errichteter Neubau des National Center for Atmospheric Research (NCAR, siehe Bild links) bei Boulder in Colorado orientierte sich am Stil der Pueblo-Indianer sowie an die um diese Zeit entstandene Bauten von Louis Kahn und Le Corbusier.

Auch seine Dallas City Hall, das sich über die Planungs- und Bauzeit von elf Jahre bis 1978 hinzog, wurde von Le Corbusier, und zwar von dessen Gerichtshof im indischen Chandigarh beeinflusst. Auch in den folgenden Gebäuden spielte der Einsatz von Beton eine große Rolle in I. M. Peis Schaffen. Die Gebäude wie das Everson Museum of Art (1968) in Syracuse, New York, das Herbert F. Johnson Museum of Art (1973), Cornell University, das National Gallery East Building (1978), Washington, DC, The Morton H. Meyerson Symphony Center (1989) bis zum The Museum of Islamic Art (2008) in Doha nahmen dabei oft skulpturale Formen ein

J.F. Kennedy Library

Nach der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy im Jahr 1963 wurde Pei Mitte der 1960er-Jahre beauftragt, die Kennedy Library zu bauen. Neben Pei war auch Mies van der Rohe als Architekt im Gespräch, um Pei sagte gegenüber Jacqueline Kennedy,der Witwe des ermordeten Präsidenten, dass „the job should probably go to Mies as the most prominent of the contenders.“. Doch die Witwe, erinnerte Mies an einen „ägyptischen Potentaten, der ihr den Eindruck vermittelte, dass er die Aufgabe nicht übernehmen wollte. Stattdessen entschied sie sich für Pei: „He didn't seem to have just one way to solve a problem," so Jacqueline Kennedy. „He seemed to approach each commission thinking only of it and then develop a way to make something beautiful.“  

Letztlich entschied die Witwe sich für Pei, weil sie sich persönlich mit ihm am besten verstand.

Doch Peis einfaches Konzept einer Glaspyramide konnte er nicht durchsetzen. Das Projekt zog sich über Jahrzehnte hin, wurde mehrfach verändert und als das Gebäude 1979 (siehe Bild oben links) schließlich eröffnet wurde, war Pei selbst aufgrund der vielen Änderungen und den Kompromissen mit den Ergebnissen nicht zufrieden.

National Gallery of Art in Washington

Wesentlich zufriedener war Pei mit einer anderen Arbeit, die sich fast ebenso lang hinzog. Von 1968 bis 1978 arbeitete er an dem Erweiterungsbau, der Ostflügel, der National Gallery of Art in Washington. Sein Neubau aus Beton und Glas besteht aus zwei gegeneinander versetzten Dreiecken unterschiedlicher Größe, das Dreieck als durchgehendes Formelement findet sich bis in die Details hinein. Alt- und Neubau sind unterirdisch miteinander verbunden.

Turmikonen wie John  Hancock Tower, Raffles City und Bank of China Tower

In seinen Hochhäusern verwandte Pei dagegen statt Beton häufiger die Stahl- und Glasarchitektur der Moderne im Stil von Mies van der Rohes, wie etwa beim Commerce Court West (1972) in Toronto, Kanada. Dies zeigt sich in Form und Gestaltung besonders deutlich an dem 240 Meter hohen  John Hancock Tower in Bosten, der Pei und sein Büro um ein Haar finanziell ruiniert hätte. Den bei einem Sturm lösten sich zahlreiche riesige Scheiben aus der Fassade, weil das Architekturbüro für den rundum verspiegelten Turm ein neuartiges Glas verwandt hatten. Schließlich einigten sich die Projektbeteiligten bei dem estandenen Schaden und dem Ersatz der Verglasung auf einen Vergleich. Aufgrund der Imageeinbuße verlor Pei jedoch große Aufträge.

Auffallend ist auch aufgrund seiners geometrischen Designs und seiner Aluminiumfassade der Komplex des 1986 eröffneten Raffles City in Singapur.  Zum Zeitpunkt der Eröffnung enthielt es das höchste Hotel der Welt.

Die Komposition der geometrischen Form des Dreiecks bestimmt auch den 367 Meter hohen Büroturm der Bank of China in Hong Kong. Pei entwarf ihn, inspieriert von der Form eines Bambuses aus vier zusammenstehenden dreieckigen Elementen, die sich aus einem Granitpodium erheben. Die Elemente sind unterschiedlich hoch und laufen in schrägen Flächen ineinander zusammen, was an einen Kristall erinnert. Die Außenflächen bestehen aus einer Fachwerkstruktur, die große dreieckige Flächen aus reflektierendem Glas bildet. Der Bau stellte zudem der Bezug seiner Heimat her, schließlich war auch sein Vater leitender Angestellter der Bank of China. Als es aber im Jahr der Fertigstellung des Wolkenkratzer 1989 zum Massaker am Tien´anem Platz in Peking kam, verflogen Peis Hoffnungen einer Liberalisierung Chinas.

Zu den weiteren von I. M. Pei & Partners entworfenen Höchhäusern zählen der 1981 fertig gestellte, 305 Meter hohe JPMorgan Chase Tower (vorheriger Name: Texas Commers Tower), das höchste Gebäude in Houston, USA, The Gatewy in Singapur (1990), der Sinji Shumeikai Bell Tower (1990) in Shiga, Japan und The Towers at Childwood Plaza (1991) in Atlanta, USA.

Die Glaspyramide des Louvre

1982 wurde bei vom französischen Staatspräsidenten Francois Mitterand persönlich damit betraut, die ungenügenden räumlichen und technischen Verhältnisse des Louvre an modernen Standards anzugleichen und den Nordflügel, der bisher vom Finanzministerium beansprucht wurde, zu integrieren.

Pei verlegte den abseits gelegenen Haupteingang in die Mitte des Ensembles, auf den Ehrenhof und konzipierte eine unterirdische Eingangssituation mit relativ kurzen Wegen in die drei Flügel des Museums. Dabei griff er wieder auf die Idee des Glaspyramide als zeitlose Form zurück. Auf die Kritik, Mitterand habe ein monumentales Grabgebäude errichten lassen, wandte Pei ein: „Meine Pyramide ist leicht, ist Leben.“Der anfänglich heftige Widerstand gegen den Bau wandelte sich in Begeisterung, als die Pyramide 1989 fertiggestellt wurde. 

Ausstellungsbau des Deutschen Historischen Museums (DHM)

Wie beim Erweiterungsbau der National Gallery of Art in Washington und der Glaspyramide des Louvres, so stellte Pei auch mit dem Ausstellungsbau des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin sein Können Altes mit Neuem zu verbinden, unter Beweis. Bundeskanzler Helmut Kohl entschied sich wohl auch auf Rücksprache mit Mitterand für den Stararchitekten, der wegen seines hohen Alters nur noch wenige neue Aufgaben akzeptiert.

Nach Peis Darstellung interessierte ihn in Berlin das politisch-kulturelle Klima nach der Wiedervereinigung sowie die Nähe zu den Bauten von Karl Friedrich Schinkel, dessen Werke er besonders schätzt. Ähnlich wie mit der Glaspyramide wird durch den Neubau eine unterirdische Verbindung zu dem bestehenden Zeughaus hergestellt.

Der Neubau entstand auf einer Grundfläche von wenig mehr als 2000 Quadratmeter und besteht aus drei Teilen mit unterschiedlichen Funktionen. Diese Bauteile sind durch mehrere Übergänge auf verschiedenen Ebenen miteinander verbunden. Der eigentliche Ausstellungstrakt in Peis Lieblingsform des Dreiecks, einem Fasadenbogen für das Foyer mit einer Wendeltreppe in einer gläsernen Spindel, sowie die Flügel des Werkstattgebäudes in Form eines Rechteckes.

Doha Museum of Islamic Art

Das Museum gilt als letztes gro0es Meisterwerk von Pei, der zu diesem Zweck eine halbjährige Studienreise arabischer Architekturformen unternommen hatte. Es befindet sich in der Hauptstadt des arabischen Emirates Katar, und wurde auf einer künstlichen Insel in der Westbay des Hafens errichtet. Der Gebäudekomplex verfügt über eine Grundfläche von 260.000 Quadratmetern und beherbergt wesentliche Teile der umfangreichen Kunstsammlung der Emire von Katar. Die mächtige Gebäudestruktur ist eine Komposition aus Platz und oktagonaler Blöcke die übereinander gestappelt sind und zu einen uzentralen Turm führen.

Werke (Auswahl)

1949: 131 Ponce de Leon Avenue, Atlanta, USA

1956: Roosevelt Field Mall, Garden City, New York, USA

1956: South-West Washington Urban Renewal Plan, Washington, USA

1962: Place Ville-Marie, Montreal, Kanada

1966: University Plaza (mit J. I. Freed), New York, USA

1967: National Center for Atmospheric Research, Boulder, Colorado, USA

1968: Everson Museum of Art, Syracuse, New York, USA

1970: Polaroid Office and Manufacturing Complex, Waltham, Massachusetts, USA

1972: Air Traffic Control Towers (mit J. I. Freed), 50 Türme in den USA

1972: Paul Mellon Arts Center, Wallingford, Connecticut, USA

1973: Herbert Johnson Museum of Art, Ithaca, New York, USA

1976: OCBC Centre, Singapur

1978: National Gallery of Art, Washington, DC, USA

1978: Dallas City Hall, Dallas, Texas, USA

1979: John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston, USA

1981: Erweiterung des Museum of Fine Arts, Boston, Massachusetts, USA

1982: JPMorgan Chase Tower (zuvor: Texas Commerce Tower), Houston, Texas, USA

1983: Portland Museum of Art, portland, Maine, USA

1983: Energy Plaza i, Houston, Texas, USA

1984: IBM Office Building, Purchase, New York, USA

1986: Swissôtel The Stamford, Singapur

1989: Glaspyramide im Innenhof des Louvre, Paris, Frankreich

1990: Bank of China Tower, Hong Kong, China

1992: Mount Sinai Medical Center, New York City, USA

1995: Rock and Roll Hall of Fame, Cleveland, USA

1997: Miho Museum, Koka, Japan

2003: Ausstellungsbau des Deutschen Historischen Museums (DHM), Berlin

2006: Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (Mudam). Luxemburg

2006: Neuer Flügel des Suzhou Museum, Suzhou, China

2008: Doha Museum of Islamic Art, Doha, Katar

2008: Torre Espacio, Madrid, Spanien

2009: Macao Science Centre, Macao, China

Auszeichnungen

1979 erhielt Pei die Goldmedaille des American Institute of Architects, 1983 den Pritzker-Architektur-Preis.  1989 wurde ihm als erster Preisträger der Praemium Imperiale für Architektur und 2010 die Royal Gold Medal verliehen.

Bildnachweis (von oben nach unten): Courtyard of the Louvre Museum, with the Pyramid, Foto: : Benh LIEU SONG; I.M. Pei 2006, Yekrats - Pei US embassy Luxembourg.jpg; I. M. Pei, © 2016 The Hyatt Foundation, Foto: Gabriel Clark; File:National Center for Atmospheric Research - Boulder, Colorado.jpg, Foto: DaderotThe John F Kennedy Library, in Boston, MA. Designed by I. M. Pei (1964-1979), Foto: Fcb981; Photograph of the East Building of the National Gallery of Art designed by I. M. Pei, Foto: 'Matthew G. Bisanz; Bank of China Tower , Foto: archinform; Le Louvre extérieur a Paris, France, Foto: MonsieurNapoléon; Erweiterungsbau des DHM von I. M. Pei, 2009, Foto: Beek100;  Museum of Islamic Art in Doha, with the city skyline in the background, Foto: Mohamod Fasil - https://www.flickr.com/photos/131688925@N04/16555595559/