Wilhelm Rettig: Erfolgreicher Erfinder und gescheiterter Stadtreformer

Der gebürtige Heidelberger Architekt brachte Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Stadterweiterungsbüro neuen Schwung in die verkrustete Münchner Stadtplanung, scheiterte aber mit seinen weiteren Plänen am kommunalpolitischen Widerstand. In Berlin gelang ihm eine zweite Karriere als Erfinder und Unternehmer.

 

Wilhelm Rettig wurde am 25. Februar 1845 in Heidelberg geboren. Er studierte in Karlsruhe und arbeitete anschließend in Mannheim, Heidelberg und Berlin, unter anderem als Mitarbeiter bei Paul Wallot beim Bau des Reichstagsgebäude.

Zudem betätigte er sich als Erfinder. So  erfand er 1890 zusammen mit seinem Bruder Heinrich Rettig die „Stufenbahn“, eine Art Stadtbahn, bei der die Fahrgäste während des Gehens auf stufenweise übereinander angeordneten Plattformenden den mit voller Geschwindigkeit fahrenden Zug besteigen und verlassen können. Ein Probesystem der Stufenbahn wurde 1893 in der Weltausstellung in Chicago und auch in der Weltausstellung 1900 in Paris gezeigt.

Münchner Stadtbaurat

1890 bis 1891 war Rettig kommissarischer Stadtbaumeister in Dresden. Anschließend leitete er als Nachfolger von Arnold Zenetti als städtischer Oberbaurat die kommunale Hochbauverwaltung der Stadt München.

In München gab er wichtige Impulse für die zeitgenössische Stadtplanung, indem er 1893 das Stadterweiterungsbüro ins Leben rief und Theodor Fischer, den er aus langer gemeinsamen Tätigkeit am Bau der Berliner Reichstagsgebäude unter Paul Wallot kannte, als dessen Leiter durchsetzte. 1895 entwarf Rettig auch eine Schulbank, die er später patentieren und anfertigen ließ. Er konnte sich jedoch in München mit einigen seiner Ideen nicht durchsetzen. So wollte er anstatt der Schrannenhalle eine Markthalle errichten und das Angerviertel umgestalten, scheiterte jedoch am Widerstand seiner Gemeindekollegien. Auf ihn geht auch die Idee zurück, die räumliche Ausnutzung der Grundstücke von der Innenstadt nach außen hin zu staffeln und von Wohnviertel getrennte Industrieviertel auszuweisen. Mit seinen Ideen stieß Rettig gegen wirtschaftliche und kommunalpolitische Interessen im Münchner Stadtrat, weshalb es sich abzeichnete, dass der Stadtrat seinen Arbeitsvertrag nicht verlängern würden. Auch die Initiative von Künstlern und fortschrittlichen Unternehmern wie Jakob Heilmann für den Verbleib Rettig waren nicht erfolgreich, weshalb dieser schließlich sebst kündigte.

Berliner Erfinder und Unternehmer

Rettig begab sich danach (1896) nach Berlin und betätigte sich dort als Erfinder und Unternehmer. So ließ er die von ihm entworfene Schulbank von dem Berliner Unternehmen P. Johs. Müller & Co, dessen Mitinhaber er war, herstellen und vertrieben. Es war die mit Abstand am erfolgreichste in Deutschland hergestellte Schulbank. Außerdem war Rettig, in seiner Freizeit ein begeisterter Ruderer und 1896 einer der Begründer der Berliner Rudergesellschaft Wiking e.V,  der Inhaber der Firma Neue Bootswerft, deren Werftanlage an der Köpenicker Landstraße in Niederschöneweide lag. In der Rudersport-Fachliteratur wird er vereinzelt auch als Entwickler des Rollsitzes genannt. Auf der Internationalen Luftfahrtausstellung 1909 in Frankfurt am Main präsentierte er eine neuartige Bauweise für Luftschiff-Gerippe aus Holz. 1920 starb er.

Bauten und Entwürfe (Auswahl)

1876: Wettbewerbsentwurf für einen Rathaus-Neubau in Hamburg (gemeinsam mit Rosemann und Jacob)

1891: Stufenbahn (zusammen mit Bruder Heinrich Rettig, Baurat in Posen)

1890: Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal (mit Paul Pfann), Berlin

1893: Markhalle Antonsplatz (Vorplanung Theodor Friedrich, 1951 gesprengt), Dresden

1893: Schulgebäude Silbermannstraße, Dresden

1893: Krankenhaus rechts der Isar, Ismaninger Str 22, Steinhausen, Au-Haidhausen, München

 

Bildnachweis: Porträt Wilhelm Rettig, http://vs.de/tr/yeniliklerin-cekici-hatlarla-hayata-gecirilmesi/ ; Markthalle Dresden, Durchgang; Ismaninger Straße 22; Krankenhaus rechts der Isar, Verwaltungsbau-Trakt entlang der Ismaninger Straße, neubarocke Palastform, 1892-93 von Wilhelm Rettig, Foto: Rufus46

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Rettig ; Sophie Wolfrum, Alexandra Block, Markus Lanz, Frank Schiermeier: Theodor Fischer Atlas, 2012