Ernst Sagebiel: Görings Flughafen-Architekt

Mit dem Flughafen Berlin Tempelhof entwarf der Architekt Ernst Sagebiel für Hermann Göring das größte Gebäude der Welt. Obwohl einst Mitarbeiter von Erich Mendelsohn, verdankt er seine Stellung weniger seiner gestalterischer Qualifikation als vielmehr seinen organisatorischen Fähigkeiten.

 

Ernst Sagebiel wurde am 2. Oktober 1892 in Braunschweig geboren. Sein Vater Wilhelm Sagebiel (1855–1940) war ein für seine Holzschnitzarbeiten bekannter Bildhauer. 

Studium und Kriegsdienst

Nach dem Abitur und einem Praktikum in der Baufirma Karl Munte 1912 nimmt Ernst Sagebiel ein Architektur-Studium an der TH Braunschweig auf, dass er jedoch kriegsbedingt lange unterbrechen muss: Er zieht er 1914 als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg und gerät an der Westfront in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1920 freikommt. In Braunschweig wird der neu berufene Karl Mühlenpfordt sein Lehrer, der die Braunschweiger Architekturlehre an aktuellen Reformtendenzen ausrichtet und nachhaltig modernisiert. Ernst Sagebiel absolviert bei Mühlenpfordt 1922 sein Diplom.

Mitarbeiter von Julius Rolffs und Jacob Koerfer im Rheinland

Nach dem Studium zog er nach Köln, wo er im Architekturbüro von Julius Rolffs, einem Hauptvertreter des Reformstils eine Anstellung findet. Von dort wechselt er ein Jahr später in das Preußische Neubauamt der Universität Bonn, wo jedoch ein projektierter Institutsneubau aufgrund eines in der Inflationszeit verhängten Baustops für staatliche Bauvorhaben nicht mehr ausgeführt werden kann. Nach nur vier Monaten verläßt Sagebiel diese Anstellung wieder und geht nach Köln zu Jacob Koerfer, der zu jener Zeit mit dem Bau selbstprojektierter Geschäftshäuser Furore macht.

Sagebiel wird die Büroleitung übertragen und ist in dieser Position verantwortlich für den Planungs- und Bauablauf des Hansa-Hochhauses in Köln. Nach dessen Fertigstellung promoviert er über die Entwicklung der Wohnverhältnisse der Stadt Köln und bearbeitet eigene Bauaufträge für Café- und Ladenumbauten.

Büroleiter von Erich Mendelsohn

1929 wechselte Sagebiel als Projektleiter und Geschäftsführer in das Büro des Architekten Erich Mendelsohn nach Berlin, der in den zwanziger Jahren mit seinen dynamistischen Entwürfen zu den wichtigsten Protagonisten des Neuen Bauens gehört. Sagebiel ist am Bau des Columbus-Hauses oder des Hauses des Metallarbeiterverbandes beteiligt, ohne jedoch Einfluß auf die architektonische Gestaltung nehmen zu können. Aufgrund der Weltwirtschaftkrise wechselt Sagebiel Ende 1932 in die Bauabteilung der Schuhfirma Leiser Handelsgesellschaft, wo er Baumaßnahmen an den Verkaufsfilialen betreut.

Görings Flughafen-Erbauer

Nach der „Machtergreifung“ wurde Sagebiel im Mai 1933 Mitglied in der NSDAP und im Juli 1933 auch Mitglied der SA. Auf Anregung seines Bruders Georg, der als Architekt im neugeschaffenen Reichsluftfahrtministerium arbeitet, wechselt Ernst Sagebiel im Dezember 1933 in die dortige Bauabteilung. Zunächst mit der Bauleitung einer Fliegerschule in Celle betraut, steigt er als begabter Organisator großer Bauprojekte rasch in führende Positionen auf und übernimmt 1934 die Leitung des Referats für Sonderaufgaben.

Dort betreut er die Neubauten mehrerer, Luftkriegsschulen und entwirft neben kleineren Bauaufgaben auch das neue Reichsluftfahrtministerium in Berlin, das zu einem der frühesten und markantesten Beispielen nationalsozialistischer Architektur wird. Mit der stark gegliederten Grundrißstruktur und moderner Stahlskelettbauweise steht das Gebäude in der Bautradition des Neuen Bauens, entgegen seiner Fassadengestaltung, die mit mit Repräsentationsmotiven überformt ist.

Danach wurde er mit dem Bau des Flughafen Tempelhof beauftragt, – des damals größten Gebäudes der Welt. Der Baustil Sagebiels, der sich gegenüber den später von Adolf Hitler protegierten Architekten Albert Speer vertretenen eher klassizistischer Bauweise hart und geradlinig darstellt, wird – nicht zuletzt wegen seiner engen Verbindung zur Luftwaffe – als Luftwaffenmoderne bezeichnet. Mit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Juni 1941 wurden die laufenden Bauvorhaben Sagebiels, der seit 1938 direkt Hermann Göring unterstellt war, eingestellt. Hierunter fiel auch der Neubau des Flughafen Tempelhof, der erst in den Nachkriegsjahren fertig gestellt wurde.

Als eigenständiger Architekt vor allem während des Dritten Reichs erfolgreich, hat Ernst Sagebiel das Erscheinungsbild der nationalsozialistischen Architektur neben Paul Ludwig Troost, Albert Speer oder Wilhelm Kreis wesentlich mitgeprägt. „Diese exponierte Stellung verdankt er dabei weniger gestalterischer Qualifikation als vielmehr seinen organisatorischen Fähigkeiten im Umgang mit komplexen Bauvorhaben. Architektonisch zwischen konstruktiver Modernität und formaler Behäbigkeit schwankend, stehen Sagebiels Bauten gleichsam prototypisch für eine sinnentleerte Moderne unter nationalsozialistischen Vorzeichen.“ Jan Lubitz, Architektenporträt

Nachkriegsarchitekt in Bayern

Am Ende des Zweiten Weltkrieges verließ Sagebiel mit seiner Frau Berlin und wohnte in Aschheim. Er geriet in amerikanische Gefangenschaft, die bis Ende September 1945 anhielt. Im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens wurde er im Februar 1948 als Mitläufer eingestuft und zu einer Sühnezahlung von 2000 Reichsmark verurteilt.

Sagebiel arbeitete in einer Architektengemeinschaft und war beim Wiederaufbau zerstörter Häuser in München beteiligt. Sein größtes Projekt war ein Neubau für das Bankhaus Merck Finck & Co. in in München. Das Ehepaar Ernst und Gertrud Sagebiel wohnte ab 1951 in München und ab 1956 in Feldafing. Anfang 1964 zog das Paar in eine Wohnung nach Starnberg.  Dort starb er am 5. März 1970 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Werke (Auswahl)

1934: Privathaus Vogelsang 16, Berlin

1935: Wohnhaus Familie Sagebiel, Cimbernstrasse 13b, Zehlendorf, Berlin

1935: Reichsluftfahrtministerium, Berlin

1936: Dienstwohnhäuser für Offiziere des Luftkreiskommandos (L.K.K.) II, Hüttenweg, Dahlem, Berlin

1937: Heeres- und Luftwaffennachrichtenschule, Halle

1939: Flughafen Stuttgart, Stuttgart

1939: Flughafen München-Riem, München

1956: Wohnhaus Familie Sagebiel mit Architekturbüro, Seestrasse 5, Feldafing

1958: Bankhaus Merck Finck & Co Maximiliansplatz, München

 

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Sagebiel

http://www.architekten-portrait.de/ernst_sagebiel/index.html

 

 

Bildnachweis: Aerial view of airport Tempelhof in 2016, Foto Avda

 http://www.architekten-portrait.de/ernst_sagebiel/index.html