Emanuel Seidl: Der Villenbauer

Unter den berühmten Münchner Architekten der Prinzregentenzeit steht der Name Seidl ganz oben. Viele verbinden damit Gabriel von Seidl – dabei war sein Bruder Emanuel noch produktiver und als Villen-Baumeister unter Bayerns Elite ein beliebter Star-Architekt.

 

Emanuel Seidl wurde am 22. August 1856 als dritter Sohn des wohlhabenden Bäckers Anton Seidl und seiner Frau Therese, Tochter des damals bekannten Bierbrauers Gabriel Sedlmayr (Spatenbrauerei) in München geboren.

Er studierte an der Technischen Hochschule München Architektur. und absolvierte – nach dem Freiwilligen-Jahr beim Militär – ein Praktikum in der Hochbauabteilung der Generaldirektion der Kgl. Bayer. Staatseisenbahnen. Seine eigentliche Berufslaufbahn begann Ende der 1870er Jahre mit seinem Eintritt in die Inneneinrichtungsfirma „Seitz & Seidl“, die sein älterer Bruder Gabriel (1848 – 1913) zusammen mit dem Maler und Dekorateur Rudolf Seitz 1878 gegründet hatte. und arbeitete später als Innenarchitekt u.a. im Büro seines Bruders Gabriel von Seidl.

Schon mit seinem ersten Architekturentwurf, der mit den Bauten für die Deutsch-Nationale Kunstgewerbeausstellung 1888 verwirklicht wurde, wandte sich Emanuel Seidl sich mit großem Erfolg dem italienischen Barock zu.

Über seine Entwurfstätigkeit hinaus war er nachweislich spätestens seit den 90er Jahren Teilhaber des florierenden Baugeschäfts „Seidl & Steinbeis“. Seine Stadtwohnung 1897/98 in seinem in den Formen der dt. Spätrenaissance erbauten Mietwohnhaus am Bavariaring 10 in München hatte Vorbildfunktion für seine großzügigen und prunkvollen Raumausstattungen in delikaten Farben, bei denen ein Stilgemisch aus Formen der Antike und der ital. und franz. Spätrenaissance vorherrschte. Als sein Hauptarbeitsgebiet gilt jedoch der Bau von herrschaftlichen Villen und Landhäusern,|mitunter auch Schlössern, für eine reiche, großbürgerliche und adelige Klientel weit über Bayern hinaus.

Emanuel Seidl war ein äußerst produktiver Architekt. Erfasst sind 180 Werke allein in und um München, davon etwa ein Drittel große Landhäuser und Villen, von denen noch etwa 60 stehen. Ein bekanntes Beispiel ist die Villa Lauterbacher – heute als Seidlvilla bezeichnet – am Nikolaiplatz in München-Schwabing und seine eigene Villa in Murnau. Sein wohl bedeutendstes Privathaus hat er für den Komponisten Richard Strauss in Garmisch mit einem eingebauten großzügig verglasten Erker mit Alpenblick gebaut.

Nach einem Londonaufenthalt 1891 machte sich in seinen Bauten vermehrt der Einfluß engl. Landhausarchitektur geltend. S. legte die Grundrisse der Häuser nach den Erfordernissen der Bequemlichkeit, der Aussicht und der Lichtgebung an und verband das Äußere durch Türme, Erker und Loggien zu einem malerischen Ensemble, das stilistische Elemente des Klassizismus und des Barocks ebenso aufnahm wie „moderne“ Formen des Jugendstils. Als Idealmodell für ein Landhaus mit Nebengebäuden und Park diente sein 1901–16 geplantes und gebautes Haus in Murnau, dessen malerischer Umriß unter einem hohen Mansardwalmdach zusammengefaßt wurde (1972 mit allen Nebengebäuden abgebrochen). Der Park mit Terrassen, Weiher, Skulpturenschmuck, einem Freundschaftshügel und Pavillon, aber auch Gemüse- und Blumengarten, war das Kernstück S.scher Planung und wurde in die Wohnfunktion des Hauses miteinbezogen. In Murnau selbst sorgte er, wie sein Bruder Gabriel in Tölz, seit 1906 für die Ortsverschönerung, indem er die Bemalung der Häuser mit volkstümlichen Fresken veranlaßte. Seine landschaftsplanerischen Fähigkeiten stellte er erneut bei der Anlage des Tierparks Hellabrunn in München 1911–15 mit seinem Gespür zur Einbettung von Gebäuden wie dem Löwenhaus, Elefantenhaus und Hauptrestaurant in den Landschaftsraum unter Beweis.

Seit 1896 trug Emanuel Seidl den Titel eines königlichen Professors und 1906 wurde er in den Adelsstand eines Ritters erhoben. Nach dem Tod seines Bruders Gabriel von Seidl 1913 betreute Emanuel von Seidl das große Projekt Deutsches Museum bis zu seinem eigenen Tod am 25. Dezember 1919 in München.

Werke (Auswahl)

1886: Mietshaus, Ländstraße 5, Lehel, München

1887: Villa Bavariaring 18, St. Paul, München

1887: Villa in Ecklage Bavariaring 19, St. Paul, München

1890: Marien-Ludwig-Ferdinand-Kinderheim, Romanstraße 12, Neuhausen

1892: Mietshaus Zweibrückenstraße 19, Lehel

1893: Landhaus an der Seeuferstraße 3, Ambach, Gemeinde Münsing

1895: Bonsels-Haus Seeuferstraße 25, Ambach, Gemeinde Münsing

1895: Theresiengymnasium, Kaiser-Ludwig-Platz 3, Ludwigsvorstadt, München

1895: Mietshaus Kaiser-Ludwig-Platz 5, Ludwigsvorstadt, München

1895: Mietshaus Goethestraße 64, Ludwigsvorstadt, München

1895: Palastartiger Bau Brienner Straße 28, Maxvorstadt, München

1896: Augustinerbräu, Neuhauser Straße 27, Altstadt, München

1897: Wohnhaus Emanuel Seidl, Bavariaring 10, St. Paul, München

1897: Mietshaus Wagmüllerstraße 20, Lehel München

1897: Villa Mayer, Josef-Fischhaber-Straße 9, Starnberg

1897: Vestibül im Glaspalast, VII Int. Kunstausstellung, München

1898: Neubarockbau Prinzregentenstraße 26, Lehel, München

1899: Grundstück Roecklplatz 1, Dreimühlenviertel, München

1901: Autobahndirektion Seidlstraße 9, Maxvorstadt, München

1901: Standortkommandantur Seidlstraße 7, Maxvorstadt, München

1902: Villa Maffei, Seestraße, Feldafing

1903: Haus Kloepfer Kaulbachstraße, München

1903: Mietshaus Bavariaring 11, St. Paul, München

1903: Geschäftshaus Lenbachplatz 5, Maxvorstadt, München

1904: Geschäftshaus Lenbachplatz 6, Maxvorstadt, München

1905: Seidlvilla Nikolaiplatz 1 b (Villa Lautenbacher), Schwabing, München

1906: Schloß Sigmaringen, Umbau, Sigmaringen

1906: Hubertusapotheke Diefenbachstraße 2, Solln, München

1906: Musikhochschule (ehem. Haus Neuhardt) Karl-Tauchnitz-Straße 2, Leipzig

1908: Villa Pschorr Möhlstraße 23, Bogenhausen, München

1908: Villa Strauß, Zoeppritzstr, Garmisch-Partenkirchen

1908: Erweiterung Hofgut Leutstetten (für Ludwig Prinz von Bayern) Wangener Straße 19, Leutstetten

1909: Brakls Kunsthaus Lessingstraße 2, Ludwigsvorstadt, München

1909: Villa Menzelstraße 3, Bogenhausen, München

1910: Villa Menzelstraße 1, Bogenhausen, München

1910: Villa Oberföhringer Straße 4, Bogenhausen, München

1910: Villa Oberföhringer Straße 12, Bogenhausen, München

1910: Deutsches Haus Weltausstellung in Brüssel, Belgien

1911: Elefantenhaus Tierpark Hellabrunn Siebenbrunner Straße 6, Harlaching, München

1911: Doppelhaus Widenmayerstraße 25, Lehel, München

1912: Brakls Kunsthaus Beethovenplatz 1, Ludwigsvorstadt, München

1912: Haus Hasenclever, Gut Merberich, Merbericher Weg, Langerwehe b. Düren

1913: Kurhaus mit Palasthotel, Kurhausstr., Bad Kreuznach

1913: Villa Knorr, Thomas-Knorr-Str, Garmisch-Partenkirchen

1916: Deutsches Museum, Museumsinsel, Isarvorstadt, München

1916: Villa Emanuel von Seidl (1972 abgerissen), Seidlpark, Murnau

1920: Gedächtnisstätte der Familie von Neuschatz Harthauser Straße 258, Harlaching, München

 

Quellen: http://deu.archinform.net/arch/3131.htm; http://stadt-muenchen.net/baudenkmal/d_architekt.php?architekt=Seidl%20Emanuel%20von

Bildnachweis (von oben nach unten): Seidlvilla, Foto: Ulrich Lohrer