Sigrid Neubert: Deutschlands bekannteste Architekturfotografin

Am 13. Oktober starb die Architekturfotografin Sigrid Neubert. Das Lechner Museum Ingolstadt zeigt eine Sonderausstellung mit ihren Arbeiten. Die kontrastreichen schwarz-weiß Bilder wie vom BMW-Museum in München, der Erdfunkstelle in Raisting oder des Schlosspark Nymphenburg machten Neubert bekannt.

 

Bis 10. Februar 2019 werden mehr als 165 von der am 13. Oktober verstorbenen Fotografin Sigrid Neubert gezeigt. Sie präsentieren zugleich die wichtigsten Architekturaufnahmen in einer ersten Retrospektive der Fotografin im Lechner Museum Ingolstadt. Diese Ausstellung ist der Beginn einer neuen Serie der Alf Lechner Stiftung: Alf Lechner im Kontext. Mit Sonderausstellungen wird das umfangreiche Werk Lechners zukünftig auch im Kontext seiner Zeit präsentiert, in Verbindung mit herausragenden Vertretern und Vertreterinnen der Malerei, Skulptur, Fotografie, Architektur, Musik und Literatur.

Dazu gehören unter anderem die ikonischen Aufnahmen des BMW- Vierzylinders und des Hypo-Hochhauses in München. Insgesamt sind mehr als 47 herausragende Architekturprojekte von über 35 namhaften Architekten wie Kurt Ackermann, Alexander von Branca, Hans-Busso von Busse, Karl Schwanzer, Walther und Bea Betz sowie Gustav Peichl zu sehen.

Sigrid Neubert (1927 - 2018) erhielt Ihre Ausbildung zur Fotografin an der Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München und spezialisierte sich in den 1950er Jahren ausschließlich auf Architekturfotografie, in der damaligen Zeit eine Männerdomäne. Neubert arbeitete über 30 Jahre lang als Fotografin in München für einige der wichtigsten deutschen Architekturbüros. Durch ihre intensive Beschäftigung mit den fotografierten Bauwerken entwickelte sie einen eigenen Stil, mit dem sie die Strukturen der Bauten unter anderem durch starke Kontraste klar herausarbeitete – und der Neubert zu der bekanntesten Architekturfotografin Deutschlands machte. Neuberts fotografisches Talent wurde schon früh erkannt, so wurden ihrer Werke bereits 1954 im Museum of Modern Art in New York, im Rahmen der Ausstellung European Postwar Photography gezeigt.

Seit den 1970er Jahren erweiterte Neubert ihr Œuvre um eindrucksvolle Naturbilder, denen sie sich ab 1990 ausschließlich widmete. Die schönsten Naturaufnahmen Sigrid Neuberts, viele davon aus dem Nymphenburger Schlosspark, von Felsformationen auf Sardinien oder den megalithischen Tempel von Malta, werden ab 7. Oktober umgeben von der Naturkulisse des Altmühltals, im Papierhaus im Lechner Skulpturenpark Obereichstätt gezeigt.

Vom Brutalismus der 50er und 60er Jahre zu den Olympiabauten der 70er Jahre

Vor allem in den 1960er und 70er Jahren übertrug sich die Aufbruchsstimmung und Experimentierfreude der Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik auch auf die Architekturszene. In Bayern entstanden maßgebende Projekte, die Neubert gekonnt fotografisch in Szene setzte und damit zu deren Erfolg beitrug: die olympischen Bauten in München zählen genauso dazu, wie das Stadttheater Ingolstadt, das als bedeutendster Theaterbau des Brutalismus in Deutschland gilt. Neuberts Fotografien dienten als Grundlage in der Diskussion um ein neues Gestalten von Stadt, Lebensraum und Identität, von öffentlichen Kulturbauten und privatem Wohnungsbau. Ihre Werke spielten eine zentrale Rolle bei der Vermittlung der neuen Architektur in den zahlreichen Architekturmagazinen und - büchern, mit denen die Architektur der Nachkriegs- und Spätmoderne international Verbreitung fand.

Alf Lechner im Kontext No1

Architektur war zeitlebens ein wesentlicher Bestandteil im Werk des Stahlbildhauers Alf Lechner, der auch seine eigenen Wohn- und Atelierbauten entwarf und gestaltete. Lechner stand im lebhaften und oft freundschaftlichen Austausch mit den meisten der Architekten in dieser Ausstellung.

Mit seinen zahlreichen Werken für Kunst am Bau nahm er stets Bezug auf die Architektur und ihre Achsen, setzte sich tief mit Proportion, Geometrie und Raum auseinander. Unterstützt von der seinerzeit geltenden Regel, „zwei Prozent der Bausumme öffentlicher Neubauten in Kunst zu investieren“, entstand eine bis heute beispiellose Blütezeit der Skulptur in Deutschland. Mit nahezu 80 Werken im öffentlichen Raum allein in Deutschland ist Alf Lechner einer der bekanntesten und meist vertretenen Bildhauer seiner Zeit. Mit der Rauminstallation »Labyrinth« (2007 – 2017) bestehend aus 101 vertikal aufgestellten Doppel-T- Trägern, kann der Besucher im Erdgeschoss des Lechner Museum Ingolstadt aktuell hautnah ein einzigartiges architektonisches Raum- und Material-Erlebnis erfahren.

Sigrid Neubert – Fotografien. Architektur und Natur

Zeit: bis 10. Februar 2019

Ort: Lechner Museum Ingolstadt | Lechner Skulpturenpark, Obereichstätt

Das Buch zur Ausstellung (soeben erschienen) Frank Seehausen: Sigrid Neubert. Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne; München, Hirmer Verlag 2018, 45 Euro.

Bildnachweis (von oben nach unten): Foto_Sigrid Neubert und Hans Maurer_Erdfunkstelle, Raisting 1965 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek; Foto_Sigrid Neubert und Karl Schwanzer_BMW- Museum, München 1972 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek ; Foto_Sigrid Neubert und Manfred Lehmbruck_Kulturzentrum Reuchlinhaus, Pforzheim 1961 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek; Foto_Sigrid Neubert, Walther und Bea Betz_Haus Gautier, Starnberg 1959 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek