Alvaro Siza Vieira: Portugals Architekt der Moderne

Stille Klarheit in Form und Funktion zeichnen die Werke von Portugals bekanntestem Architekt aus. Durch seine sensible Synthese von moderner Architektur, Tradition und Umwelt schuf er Bauwerke von Weltrang und beeinflusste zahlreiche jüngere Architekten.

 

Álvaro Joaquim de Melo Siza Vieira wurde am 25. Juni 1933 in Matosinhos, einer Vorstadt von Porto, in Portugal geboren. Als Jugendlicher wollte er Bildhauer werden, entschied sich dann aber aufgrund der Einwände seines Vaters und seiner Wertschätzung für die Arbeiten des katalanischen Architekten Antoni Gaudi für die Architektur.

Von 1949 bis 1955 studierte er an der Escola Superior de Belas Artes do Porto (Kunstwissenschaftlichen Fakultät), die heute die Architekturfakultät der Universität Porto ist. Bereits ein Jahr vor Studienabschluss gründete er in Porto sein eigenes Architekturbüro und entwarf in seiner Heimatstadt vier Häuser, die 1957 fertiggestellt wurden.

Bis 1958 arbeitete er zudem im Büro seines früheren Professors Fernando Távora, nach dessen Ansicht die traditionelle Architektur Respekt gezollt werden sollte, aber in einen zeitgenössischen Kontext mit der Architektur der Moderne verbunden werden sollte.

Einfluss und Architektursprache

Alvaro Siza's Architektur ist von der  Architektur der Moderne die zwischen den Jahren 1920 bis 1970 vorherrschte, beeinflusst. Vor allem die Bauten von Alvar Aalto und Le Corbusier sind für ihn wichtig. Wie bei den frühen Modernisten, sind seine Formen durch die Wirkung des Lichtes gestaltet und zeichnen sich durch eine Einfachheit aus. Gestaltungsprobleme werden direkt gelöst.

 

Wird ein Schatten benötigt, werden Planen angebracht, ist eine Aussicht erwünscht, werden Fenster eingeplant. Treppen, Rampen und Wänder erscheinen wie vorherbestimmt. Seine Entwürfe sind Lösungen auf konkrete Probleme und die Verwirklichung seiner Vorstellung des Gebäudes.

„Jedes Design ist der rigerose Versuch den konkreten Moment eines vergänglichen Bildes in all seiner Nuancen zu erfassen. Der Umfang in welchem diese vergängliche Qualität erfasst wird, spiegelt sich in der Gestalt des Bauwerks wider: je genauer diese ist, desto wertvoller ist sie“, so Siza anlässlich der Verleihung des Pritzker Architekturpreises. 

Architekturklassiker entlang der Leça da Palmeira

Durch die Vermittlung von Távora erhielt Siza die Möglichkeit das Boa Nova Teehaus und Restaurant an der Küste von Leça da Palmeira zu entwerfen. Das Gebäude (Bild links) scheint selbst Bestandteil der Felsenküste zu sein.

Der flache Bau liegt unter einem großen Ziegeldach wie versteckt zwischengroßen Felsbrocken auf einer schmalen Landzunge am Meer. Im Innern befinden sich ein Speisesaal und eine Teestube, dessen Fenster den Blick über den Atlantik freigeben. Das breite Fensterband lässt sich versenken, dann verwandelt sich der Raum in einen Balkon, eine große Freilichtbühne mit dunkeln Möbeln.

Nur wenige hundert Meter von Boa Nova entfernt, entwarf Siza auch das Strandbad (siehe Bild links). Das in die Landschaft integrierte Betonbauwerk umfasst zwei Bassins, ein Café, Wasch-, Toiletten- und Umkleidekabinen sowie  technische Anlagen. Aufgrund der Lage und der Brandung schwappen je nach Tagezeit Wellen in die Bassins und füllen es mit Meerwasser. Die Bauwerke an der Küste von Leça da Palmeira wurden in der Folge wegen der subtilen Einfügung in die Landschaft mehrfach ausgezeichnet.

 

Wohnprojekte des führenden Vertreter der Schule von Porto

 

Von 1966 bis 1969 hatte er eine Assistentenstelle an der Universität Porto, ab 1976 eine Professur. Zusammen mit Távora  und  zählt Eduardo Souto de Moura zählt er zu den führenden Vertretern der Schule von Porto. In diesen Jahren entwarf Siza zahlreiche Wohnhäuser, aber auch Bürobauten, Hotels und öffentliche Bauwerke. Als mit der Nelkenrevolution 1974 die Militärdiktatur in Portugal ihr Ende nahm, erhielt Siza die Möglichkeit, mit der SAAL-Sozialsiedlung Bouca  in Porto ein Vorzeigequartier zu gestalten. Dessen Reihenhauszeilen wurden zusammen mit den Einzelbauten mit intime Gassen gestaltet. Sie weisen daher eher einen dörflichen Charakter als die oft für Sozialwohnungen typische Anonymität auf.

Das zwischen 1980 und 1984 von Siza geschaffene schlichte Haus Avelino Duarte in Ovar gilt bereits als Architekturikone. Im Innern zeichnet sich der Bau durch die gekonnte handwerkliche Benutzung von Holz und Naturstein aus und erzeugt eine spezielle Atmosphäre. Sizas Entwurf ist dabei von den Arbeiten des österreichischen  Architekten Adolf Loos inspiriert.

Bonjour Tristesse und andere Bauwerke in Deutschland

Seit 1980 entwarf Siza auch zahlreiche Gebäude in Deutschland, vor allem in Berlin. Sein wohl bekanntestes Bauwerk dort ist das Eckhaus in der Schlesischen Straße Nr. 7 im Berliner Stadtteil Kreuzberg.  Das Wohnhaus  Schlesisches Tor hat eine leicht geschwungene Bauform sowie eine hohe Attika. Der vorherrschende Eindruck wird jedoch durch die graue Fassade und den eintönigen Fenstergestaltungen mit immer gleichen Abständen bestimmt, weshalb unbekannte Sprayer auf den gut sichtbaren Giebel den Namen „Bonjour Tristesse“ sprühten.

In Berlin wurden von Siza zudem 1979 das Wohngebäude Fränkleufe und das Schwimmbad Görlitzer Bad sowie die 1980 fertig gestellte Wohnhäuser in Charlottenburg, und ein Wohnblock am Kottbusser Damm geplant. In Köln entwarf er das Bürogebäude Dom Co. Büro.

 

Wegbereitende Bauten für Bildungseinrichtungen

Siza entwarf zahlreiche öffentliche Bauwerke im In- und Ausland. Dabei sind vor allem Gebäude für Bildungseinrichtungen zu nennen. Sie sind durch die Erfahrungen geprägt, die Siza selbst als Student und Professor gemacht hat.

Für die Architekturfakultät der Universität Porto (FAUP), in der Siza selbst sein Architekturstudium durchgeführt hatte und in der er selbst lehrt, errichtete er zwischen 1987 und 1993 zahlreiche Gebäude die sich durch die Verwendung des Materials Beton, seiner minimalistischen und funktionalen Gestaltung auszeichnen.

Für die nach der Nelkenrevolution gegründete Reformuniversität Aveiro. Der Campus besteht aus gleich großen Zeilenbauten, die sich um einen zentralen Platz anordnen. Dabei vermied Siza mit seinem räumlichen Konzept im Gegensatz zu den traditionellen Universitäten Portugals eine Hierarchisierung der Bauten. Nur wenige Baukörper brechen aus dieser Ordnung aus, darunter die Bibliothek. Ihr Äußeres wird durch den Kontrast roter Ziegelflächen zu hellem Naturstein bestimmt.

In Valencia in Spanien entwarf er die 1990 eröffnete Universitätsbibliothek, im portugiesischen Malagueira das Zentrum für Sprachen Portugal, , Santiago de Compostela die Fakultät für Journalismus und in Setubal (Portugal) die Escola Superior de Educação de Setubal.

 

Öffentliche Bauten und Stadtplanung

Siza entwarf zahlreiche öffentliche Bauten und beschäftigte sich auch mit der Stadtplanung. Ein Beispiel dafür ist Portugals Hauptstadt Lissabon, wo er für die Expo 98 das das Ausstellungsgebäude Pavilhão de Portugal gestaltete. Es besteht aus zwei parallel angeordneten Ausstellungshallen. Der weite Platz zwischen den Gebäuden wird von einer großen Hängedachkonstruktion aus Beton überspannt.

Als Stadtplanung war Siza an der Gestaltung zahlreicher Plätze und Stadtteile im in In- und Ausland beteiligt. So stammt von ihm  Plan zur Wiederherstellung des Lissaboner Altstadtviertel Chiado nach dem veheerenden Brand im August 1988.

Unter Erhaltung der Außenfassaden wurde dabei einer völlige Neugestaltung mit modernen Bauten vorgenommen. 1992 entwickelte er zudem einen Masterplan zur Gestaltung der „Avenida Jose Malhoa“ in Lissabon.

Museumsbauten

In den Folgejahren verwirklichte Siza auch zunehmend öffentliche Bauten im Ausland, wobei vor allem seine Museumsbauten zu nennen sind. Zu den bedeutenden Bauwerken zählen das Museum für Moderne Kunst Serralves, Porto, (1991), das Museum für moderne Kunst, Santiago de Compostela, Spanien (1993),  das Architekturmuseum (Siza-Pavillon) der Stiftung Insel Hombroich/Neuss (2008), das Fundação Iberê Camargo, Porto Alegre, Brasilien (2010) sowie das  Besucherzentrum,  Alhambra, Granada (2014) und das Nadir Afonso Museum, Chaves, Portugal (2016). Wegen der skulturalen Form sticht besonders das Gebäude für die Fundação Iberê Camargo (siehe großes Bild oben) im brasilianischen Porto Alegre unter den Museumsbauten hervor.

Auszeichnungen

1988 wurde Siza Vieira den Mies van der Rohe Award for European Architecture für das Bankgebäude der Banco Borges e Irmão in Vila do Conde sowie die Alvar Aalto Medaille verliehen. 1992 bekam Siza den Pritzker Architekturpreis für sein Lebenswerk. 1998  erhielt er den Praemium Imperiale Architektur. 2009 wurde ihm die RIBA Gold Medaille verliehen.

Werke (Auswahl)

1957: Vier Häuser, Matosinhos, Portugal

1959: Haus Carneiro de Melo, Porto, Portugal

1962: Haus Rocha Ribeiro, Maia, Portugal 

1963: Casa de Cha da Boa Nova Restaurant, Leca da Palmeira, Portugal

1966: Strandbad, Leça da Palmeira, Portugal

1967: Motel, Coimbra, Portugal

1969: Bürogebäude, Porto, Portugal

1970: Haus „Manuel Magalhaes“, Porto, Portugal

1972: Anwesen „Barbara de Sousa“, Ovar, Portugal

1972: Haus „Marques Pinto“, Porto, Portugal

1972: Supermarkt, Porto, Portugal

1973: Bankgebäude „Pinto e Sotto Mayor“, Lamego,Portugal

1973: Kunstgalerie, Porto, Portugal

1973: Bouça Housing Complex, Porto, Portugal

1975: Schule „Paula Frassineti“, Porto, Portugal

1975: Restaurant Pico do Areeiro, Madeira, Portugal

1976: Wiederbelebung des Stadtviertels „Barredo“, Porto, Portugal

1979: Schwimmbad Görlitzer Bad, Berlin

1979: Wohnhäuser Fränkelufe, Berlin  

1980: Dom Co. Büro, Köln  

1980: Wohnhäuser, Charlottenburg, Berlin  

1980: Wohnblock am Kottbusser Damm, Berlin 

1982: Kulturzentrum, Sines, Portugal

1983: Motel „Quinta da Malagueira“, Portugal

1983: Erweiterung des Institut francais, Porto, Portugal 

1983: Kulturforum, Berlin, Deutschland

1983: Haus Maria Bahia,   Gondomar, Portugal

1983:  Prinz Albrecht Palais, Berlin, Deutschland

1984: Haus „Avelino Duarte“, Ovar, Portugal

1984: Wohnhaus Schlesisches Tor – „Bonjour Tristesse“, Berlin

1985: Stadtrestauration, Giudecca, Venedig, Italien  

1986: Hydrographisches Institut, Lissabon, Portugal

1986: Erweiterung des „Casino und Restaurant Winkler“, Salzburg, Österreich

1986: Pavilon Expo `92, Sevilla, Spanien 

1988: Städtebau und Wohnhäuser („Punt en Komma“), Den-Haag, Niederlande 

1988 zwei Häuser und Geschäfte, Den Haag-Schilderswijk, Niederlande

1988 Van der Vennepark Garten, Den Haag-Schilderswijk, Niederlande

1988: Universitätsbibliothek, Aveiro, Portugal

1988: Kulturzentrum „La Defensa“, Madrid, Spanien

1989: Plan zur Wiederherstellung des Lissaboner Altstadtviertel Chiado, Portugal 

1989: Kirche, Malagueira, Portugal

1990: Kirche in Marco de Canaveses, Portugal

1990: Universitätsbibliothek, Valencia, Spanien

1991: Werkhalle Vitra, Weil am Rhein

1991: Museum für Moderne Kunst Serralves, Porto, Portugal 

1992: Meteorologisches Zentrum im olympischen Dorf, Barcelona, Spanien

1993: Museum für moderne Kunst, Santiago de Compostela, Spanien

1993: Facultad de Arquitectura (FAUPA), University of Porto, Portugal, 1993

1994: „Bonaval“ Garten, Santiago de Compostela, Spanien

1994: Haus „Middelem-Dupont“, Oudenburg, Belgien

1995: Sportstätte Universität Palermo, Italien  

1995: Wohngebäude in Ostende, Belgien  

1996: Pier in Thessaloniki, Griechenland  

1997: Gemeindezentrum von Rosario, Argentinien

1998:  Expo 98,  Lissabon, Portugal

2000: Gebäude „A Fachada“, „Arco Íris“ und „Turm von Siza“, Maastricht, Niederlande

2008: Architekturmuseum (Siza-Pavillon) Stiftung Insel Hombroich/Neuss, Deutschland

2008: Bibliothek  Viana do Castelo, Portugal

2009: Hochhaus „New Orleans“, Rotterdam, Niederlande

2009: Novartis Siza Building Labor-/Bürogebäude, Basel, Schweiz

2010: Fundação Iberê Camargo, Porto Alegre, Brasilien

2012: „Il Giardino delle Vergini“ Pavillion, Venedig, Italien.

2014: Besucherzentrum,  Alhambra, Granada, Spanien.

2016: Nadir Afonso Museum, Chaves, Portugal

 

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Álvaro_Siza_Vieira

https://deu.archinform.net/arch/698.htm

https://www.britannica.com/biography/Alvaro-Siza

Bildnachweis (von oben nach unten): Fundação Iberê Camargo, Foto: Eugenio Hansen, OFS; Porträt Siza Vieira, 2015, Foto: Manuelvbotelho; Boa Nova, Foto: Forgemind ArchiMedia from Taichung, Taiwan, Taiwan - IMG_3084.JPG; Swimming Pool Piscinas de Marés Leça da Palmeira by Álvaro Siza foto Christian Gänshirt.jpg; Conjunto Habitacional da Bouça, Foto: António Amen; Schlesische Straße 7, Falckensteinstraße 4 – building "Bonjour Tristesse", Berlin, architect: Alvaro Siza, built between 1981 and 1984, Foto: Georg Slickers; The library of the Escola Superior de Educação de Setúbal, a building by Álvaro Siza Vieira, 1986-1994, Photo by Christian Gänshirt; Serralves museum façade from the Park, Foto: Caravasar