Albert Speer: Hitlers Architekten-Favorit und Cheforganisator

Durch seine enge Freundschaft und Loyalität zu Adolf Hitler konnte Albert Speer gigantische Bauwerke verwirklichen. Als Organisator der Kriegswirtschaft verlängerte und vergrößerte er Krieg und Leid. Noch während der Bundesrepublik konnte er das Ausmaß seiner Taten verschleiern.

 

Berthold Konrad Hermann Albert Speer – kurz Albert Speer – wurde am 19. März 1905 in Mannheim geboren. Er entstammte einem großbürgerlichen Elternhaus in Mannheim. Bereits sein Vater Albert Friedrich Speer und sein Großvater waren Architekten. Er besuchte zunächst das Lessing-Gymnasium in Mannheim und dann nach der Übersiedlung der Familie nach Heidelberg 1918 die dortige Oberrealschule.

Mitarbeiter von Heinrich Tessenow

Albert Speer studierte auf Drängen des Vaters Architektur, zunächst an der Universität Karlsruhe und von Frühjahr 1924 bis Sommer 1925 an der Technischen Hochschule München. Im Herbst 1925 wechselte Speer an die Technische Hochschule Berlin. Nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, in das Seminar von Hans Poelzig aufgenommen zu werden, studierte er ab 1926 bei Heinrich Tessenow. Nach dem Diplom 1927 wurde Speer dessen Assistent und blieb es bis Anfang 1932.

Hitlers Favorit und Lieblingsarchitekt

Sein Interesse am Nationalsozialismus erwachte anlässlich einer Rede Adolf Hitlers im Dezember 1930. Im Januar 1931 trat er der NSDAP (Mitgliedsnr. 474.481) bei. 1931 wurde Speer von Karl Hanke, dem damaligen Leiter des NS-Kreises West in Berlin, damit beauftragt, den Sitz der Kreisleitung, eine angemietete Villa in Berlin-Grunewald umzubauen. Im Juli 1932 erhielt Speer von Joseph Goebbels den Auftrag, das gerade von der Partei erworbene neue Gauhaus in der Voßstraße 10 für Parteizwecke umzubauen. Sein Entwurf entsprach dem Repräsentationsbedürfnis der schnell wachsenden Partei. Goebbels war „begeistert“.

Danach ließ sich Speer in seiner Heimatstadt Mannheim als Architekt nieder, erhielt jedoch keine Aufträge.

 

Nach der Machtergreifung vermittelte Hanke ihn wieder an Goebbels zum Umbau des Leopold-Palais der Pressestelle. Goebbels schlug Speer als architektonischen Gestalter für den geplanten Reichsparteitag in Nürnberg vor. Speers Vorschläge gefielen auch Hitler, der in der Folgezeit immer häufiger mit Speer zusammenkam. "Für einen großen Bau hätte ich wie Faust meine Seele verkauft. Nun hatte ich meinen Mephisto gefunden. Er schien nicht weniger einnehmend als der von Goethe“  (Speer: Erinnerungen). 

Als Favorit Hitlers machte der Architekt Speer ab 1933 eine außergewöhnliche Karriere. In dieser Zeit konnte sich Speer gegenüber der von Paul Schultze-Naumburg vertretenen Heimatschutzarchitektur mit neoklassizistischen Konzepten bei Hitler durchsetzen. Speer wurde zum führenden NS-Architekten in enger Kooperation mit seinem Bauherrn, Adolf Hitler. Als im Januar 1934 Hitlers damaliger Lieblingsarchitekt Paul Ludwig Troost starb, übernahm Speer dessen Aufgaben beim Umbau der Reichskanzlei.

Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg

Ab diesem Zeitpunkt bis 1936 entwarf Speer auch das Gesamtkonzept für das elf Quadratkilometer große Reichsparteitagsgelände mit monumentalen Bauten in Nürnberg. Es sollte mehrere Aufmarschbereiche (Luitpoldarena, Zeppelinfeld, Märzfeld, Deutsches Stadion), die durch die Große Straße über verschiedene Seen miteinander verbunden wurden, eine riesige Kongreßhalle, verschiedene Bahnhöfe, die KdF-Stadt und eine SS-Kaserne enthalten.

Von 1935 bis 1937 wurde dort zunächst die Zeppelinwiese nach Speers Entwurf in ein Aufmarschgelände (Zeppelinfeld) mit Tribünenanlagen umgestaltet. Die auf der nordöstlichen Seite des Feldes errichtete Zeppelinhaupttribüne (Bild links) wurde nach dem Vorbild der Pergamonaltars als dominierende Kulisse erbaut. Die Tribüne birgt eine acht Mete hohe und mehr als 300 Quadratmeter große Halle, die wegen der schmückenden Deckenmosaike auch Goldener Saal genannt wird.

Die Zeppelintribüne ist das einzige fertig gestellte Bauwerk der geplanten Anlagen auf dem Reichsparteitagsgelände. Die Tribünen wurden durch 34 Türme gegliedert. Auf diesen standen Fahnenmaste und  Flakscheinwerfer standen. Mit den über 150 sehr starken senkrecht ausgerichteten Scheinwerfern erzeugte Speer einen „Lichtdom“ (siehe großes Bild oben), der durch Leni Reifenstahls Propagandafilm „Der Triumph des Willens“ in Szene gesetzt wurde.

Neue Reichskanzlei in Berlin

A b 1935 widmete Speer sich der Planung der Neuen Reichskanzlei in Berlin. Deren Bau war bereits seit 1934 im Gespräch zwischen Hitler und Speer, die dieser zunächst in seinem privatem Büro und unter Geheimhaltung entwarf.

Mit der Neuen Reichskanzlei sollte Führer und Reich in einem architektonischin Monumentalbau verherrlicht werden. So sollte nach einem barocken Stilmittel der Enfilade, Räume und Zimmerfluchten zur Machtdemonstration wie im Schloss Versailles aneinandergereiht werden: Mit der berühmten „Diplomaten-Route“ der Neuen Reichskanzlei wurde eine prachtvolle und langgestreckte 300 Meter lange Raumflucht geschaffen: vom monumentalen „Ehrenhof“, über eine Vorhalle in den „Mosaiksaal“, den „Runden Saal“, die „Marmorgalerie“ endend im „Empfangssaal“ oder im „Arbeitszimmer des Führers“.Das Arbeitszimmer Hitlers war der größte und prächtigste Saal des Gebäudes. Es hatte eine Grundfläche von knapp 400 Quadratmetern bei einer Höhe von fast zehn Metern. 

Ab 1937 wurden die Bauarbeiten in Rekordzeit vorangetrieben, um die Neue Reichskanzlei rechtzeitig zum jährlichen Diplomatenempfang am 7. Januar 1939 fertig zustellen. Danach wurden weitere aber Ausbaumaßnahmen durchgeführt, die jedoch 1943 schließlich kriegsbedingt eingestellt werden mussten.

Generalbauinspektor für die Welthauptstadt Germania

Seit dem 30. Januar 1937 war Speer Generalbauinspektor in der Reichshauptstadt, dessen Behörde im Palais Arnim am Pariser Platz 4 untergebracht war. Speers Hauptaufgabe als Generalbauinspektor war der Umbau Berlins. Die Planungsstelle wurde von Willi Schelkes, Hans Stephan, Gerhard Fränk sowie Rudolf Wolters geleitet. Bekannte Architekten sollten einzelne Bauwerke entwerfen. So erhielt Paul Bonatz den Auftrag für das Oberkommando der Kriegsmarine, Wilhelm Kreis für das Oberkommando des Heers und verschiedene Museumsbauten sowie Peter Behrens den Auftrag für das neue Veraltungsgebäude der AEG. Speer beauftragte aber auch damals noch unbekannte Architekten wie Wolters, Helmut Hentrich und Friedrich Tamms, die er von seinem Studium kannte.

Die Planungen für Berlin, die von 1935 bis 1943 erarbeitet wurden, sahen zunächst ein Kreuz von zwei breiten Verkehrsachsen vor, die vom Autobahnring  durch die Innenstadt wieder zum Autobahnring führen sollten. Nach und nach wurden die Pläne immer ausgreifender. Hitler wollte nach dem Vorbild des antiken Roms aus Berlin eine Reichshauptstadt für sein Weltreich schaffen und verwendete dafür auch die Bezeichnung „Germania“. An dem Schnittpunkt der Monumentalachsen sollte mit der Versammlungsstätte „Großen Halle“ nördlich des Reichstagsgebäudes der größte Kuppelbau der Welt entstehen.

Speers und Hitlers Pläne sahen weitere gigantomanische Bauten vor, die jeglichen menschlichen Maßstab verloren. Auf der 120 Meter breiten Nord-Süd-Achse war bis zum Südbahnhof entsprechend einer Skizze von Hitler ein kolossaler 117 Meter hoher Triumphbogen  vorgesehen. Um die Bodenbelastbarkeit für den geplanten Triumphbogen zu ermitteln, wurde ein Großbelastungsversuch in Form eines Betonzylinders errichtet. Es ist  das einzige durchgeführte und erhaltene oberirdische Bauzeugnis von Speers Nord-Süd-Achse.

Laut dem Kritiker Klaus Heinrich war Speers Monumentalarchitektur wie die „Große Halle“ zur Zerschmetterung ihrer Besucher angelegt. Damit sei der Versuch unternommen werden, unnahbare Räume zu schaffen. Die Stadt also wird zum Lager, aus dem man jederzeit ausmarschieren kann und in das man zurückkehre. Ein Wesensmerkmal der faschistischen Architektur Speer Bauten sei ihre reine Inszenierung und ihre Funktion als Lager für Massenauftritte.

Verbrecherisch war Speers Rolle als Generalbauinspektor durch seine systematische Vertreibungspolitik der Berliner Juden aus ihren Wohnungen und der Stadt im September 1938.

Organisator des bedingungslosen Krieges

Als Fritz Todt am 8. Februar 1942 bei einem Flugzeugabsturz starb, wurde Speer sein Nachfolger als Rüstungsminister und Leiter der paramilitärischen Bautruppe Organisation Todt. Im Juli 1943 übernahm er die Marinerüstung, im September 1944 wesentliche Funktionen des Reichswirtschaftsministeriums und 1944 auch die Luftrüstung

In dem Speer die Rüstungsproduktion von der Wehrmacht auf die Industrie verlagerte, konnte er die Rüstungsproduktion bis zum Herbst 1944 trotz großer Zerstörungen durch die allierten Bomberangriffe deutlich steigern. Speer stellte seine Leistung in der Öffentlichkeit und gegenüber Hitler als „Rüstungswunder“ dar, obwohl seine Rüstungsproduktion gegenüber der der Allierten deutlich zurückfiel und die bis zum Frühsommer 1944 nicht ihm unterstellte Luftrüstung in etwa die gleich anstieg.Die Ergebnisse resultierten aus dem erbarmungslosen Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Juden. Auch für die Organisation Todt setzten Speer und sein Stellvertreter Franz Xaver Dorsch diese für den Bau des Atlantikwalls (siehe Bild links),  der Straßen, Eisenbahnlinien und Flugplätze ein: Gegen Ende 1944 waren von den über 1.360.000 Arbeitskräfte nur 14.000 „wehruntaugliche“ Deutsche.

Überlebender des Nürnberger Prozesses

Speer gehörte zu den 24 Angeklagten im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Aufgrund seines geschickten Verhaltens, seiner angeblichen Reue und vor allem, weil ein erheblicher Teil von Speers Taten nicht bekannt war, konnte er sein Kopf retten 1946 wurde er wegen seiner Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Haft verurteilt. Speer saß dieses Straßmaß vollständig im Kriegsverbrechergefängnis Spandau in Berlin ab.

Speers zweite Kariere in der Bundesrepublik

Als sich am 1. Oktober 1966 um genau 00.00 Uhr die Tore des Gefängnis Spandau öffneten, warteten über tausend Schaulustige auf Albert Speer und Baldur von Schirach, die ihre zwanzigjährige Haftstrafe abgesessen hatten. Ein Pulk von Journalisten versammelte sich, um noch in der Nacht die entlassenen NS- Kriegsverbrecher zu hören. Mikrophone und Kameras aus aller Welt richteten sich vor allem auf Speer, der nun für viele Jahre erneut ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte – diesmal als gefeierter und scheinbar geläuterter Zeitzeuge. Speer lebte nach seiner Entlassung aus der Haft in Spandau 1966 überwiegend in der Heidelberger Villa, die sein Vater im Jahre 1905 erbaut hatte .

In den folgenden Jahren trug Speer mit seinen Büchern (Erinnerungen, Spandauer Tagebücher, Technik und Macht, Der Sklavenstaat), Veröffentlichungen und Interview – etwa mit dem Journalisten Joachim C. Fest – seine Legende in die Öffentlichkeit: Er – und damit auch die meisten Deutschen – hätten von den Verbrechen des Nationalsozialismus nichts gewusst und seien, von der Aura Hitlers verführt, in den Krieg unverschuldet hineingeraten. Vom systematischen Mord an den europäischen Juden habe man keine Kenntnis gehabt.  Als Albert Speer am 1. September 1982 während einer Interview-Reise in London starb, galt er vielen als „guter Nazi“ und Gentleman-Architekt.

Speers Verbrechen

Erst kritische Untersuchungen und Bücher der folgenden Jahre halfen dieses unkritische Bild zu korrigieren. Dokumente belegen, dass Albert Speer als einer der Haupttäter des nationalsozialistischen Regimes maßgeblich an der Judenverfolgung und an den Verbrechen in den Konzentrationslagern beteiligt war. So geht es auf seine Initiative zurück, dass KZ-Häftlinge in Steinbrüchen unter unmenschlichen Bedingungen Granit für die Großbauten des „Dritten Reichs“ abbauen mussten – Tausende gingen dabei elend zugrunde. Für seine weitreichende Umgestaltung Berlins, die den Abriss zahlreicher Mietshäuser zugunsten neuer Achsen durch die Stadt vorsah, ließ Speer Berliner Juden aus ihren Wohnungen vertreiben, um dort „arische“ Mieter aus Abrisswohnungen unterzubringen. In vielen Fällen folgte die Deportation in die Konzentrationslager. Speer wusste über das Konzentrationslager Auschwitz Bescheid und genehmigte Baumaterial für dessen umfassenden Ausbau.

Als Rüstungsminister trug er nicht nur die Verantwortung für das Zwangsarbeitersystem wie beispielsweise im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Er half ebenso entscheidend, den Krieg durch Steigerung der Rüstungsproduktion zu verlängern und war daher mitschuldig an den vielen Toten im letzten Kriegsjahr.

Bauwerke und Planungen (Auswahl):

1931: Umbau Villa in Grunewald, Berlin

1932: Umbau Haus (Gauhaus) Voßstraße 10, Berlin

1932: Umbau des Leopold-Palais zum Propagadaministerium, Berlin

1933: Dekoration des Tempelhofer Feldes zum Aufmarschgelände, Berlin

1933: Innenumbau von Goebbels Dienstwohnung

1934: Bauleitung des Umbau (Architekt Paul Ludwig Troost) der Reichskanzlei, Berlin

1934-1937: Planungen Reichsparteitagsgelände, Nürnberg

1937: Deutsches Pavillon Weltausstellung

1937-1942: Stadtplanung Berlin zum Umbau zu Germania

1939: Neue Reichskanzlei, Berlin

1939: Kongresshalle, Nürnberg

1940: Deutsches Stadion der 409.000, Hirschbach, Nürnberg

1941: Staatsatelier für Josef Thorak, Baldham bei München

Schriften und Bücher

1969: Erinnerungen

1975: Spandauer Tagebücher

1979: Technik und Macht

1981: Der Sklavenstaat

Literatur:

Matthias Schmidt: Albert Speer – Das Ende eines Mythos – Speers wahre Rolle im Dritten Reich, 1982

Joachim Fest: Speer. Eine Biographie. Fischer, Frankfurt am Main 2001

Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen. Notizen über Gespräche mit Albert Speer zwischen Ende 1966 und 1981. Rowohlt, Reinbek 2005

Gitta Sereny: Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma. Aus dem Englischen übertragen von Helmut Dierlamm. Kindler, München 1995

Heinrich Breloer: Unterwegs zur Familie Speer. Begegnungen, Gespräche, Interviews. Propyläen, Berlin 2005,

Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München 2017

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Speer; https://deu.archinform.net/arch/1213.htm

Bildnachweis (von oben nach unten): Reichsparteitag. Der grosse Appell der Politischen Leiter auf der von Scheinwerfern berstrahlten Zeppelinwiese in... - NARA - 532605.tif, 1. September 1937;Albert Speer, 1. Januar 1933, Foto: Bundesarchiv, Bild 146II-277 / Binder / CC-BY-SA 3.0