Staab Architekten: Chamäleon und Fuchs

Die Berliner Staab Architekten zählen zu den renommiertesten Museumsbauer in Deutschland. Nun zeigt ein prächtiger Bildband die „Verwandten Unikate“, wovon viele bedeutende in Bayern und etliche in München stehen oder gebaut werden.

 

Als der junge Volker Staab 1991 den Wettbewerb für das Neue Museum in Nürnberg gewann, verfügte er noch über kein eigenes Architekturbüro. Versteckt in der Altstadt schuf er mit dem Gebäudekomplex eine kleine Stadt in der Stadt, die mit seinem Ein- und Durchblicken eine Sogwirkung auf die Passanten ausübt und ein Quartier belebt.

Über 44 Projekte haben die Staab Architekten seither verwirklicht, davon eine große Anzahl von Museumsbauten von internationalem Rang. Wie das Buch „Staab Architekten – Verwandte Unikate“ vom Verlag Hatje Cantz aufzeigt, befinden sich überraschend viele Bauten des Wahlberliners Staab in Bayern. Von reichen vom in den 1990er Jahren entstandenen Maximilianeum-Erweiterungsbau und dem Museum Georg Schäfer in Schweinfurt bis zu dem Museum der bayerischen Könige (siehe großes ganz Bild unten)  in Hohenschwangau zum Richard Wagner Museum (siehe großes Bild oben) in Bayreuth. Und im vergangenen Jahr begann die Planung zur Erweiterung des Naturkundemuseum Bayern in München.

Jedes Gebäude ist verschieden

Im Gegensatz zu einigen anderen Architekturstars zeichnen sich die Werke Staab nicht durch einen unverwechselbare Stil aus, obwohl dazu auffällige Architekturikonen wie das Besucherzentrum Herkules (siehe Bild oben links) in Kassel oder das umgestaltete Hochhaus C10 der Hochschule Darmstadt (siehe Bild unten links)  zählen. Statt an einem wieder erkennbaren Stil wird auf eine Verzahnung an die Umgebung und eine intensive Auseinandersetzung an die jeweilige Aufgabe des Gebäudes gearbeitet. Der Architekturjournalist und Kurator, Florian Heilmeyer, der weitgehend die Texte zum Buch verfasste, sieht in Staab ein Chamäleon, dass sich mit seinen Bauten so an die Umgebung anpasst, dass diese nicht auf den ersten Blick als typische Staab-Werke auffallen. Bezogen auf eine von Colin Rowe und Fred Koetter vorgenommene Einteilung bedeutender Architekten in Füchse und Igel, bezeichnet er Staab auch als Fuchs. „Während die Igel konsequent (oder stur) ihren Weg gingen“, so Heilmeyer, „seien die Füchse sprunghafter, würden ihre Formen und Strategien öfter wechseln und sich generell stärker von Auftrag und Ort leiten lassen."

In die Stadt eingefügt und verzahnt

Die Wirkung von Staab-Bauten für die Aufwertung und Belebung ganzer Stadtteile durch die durchdachte Anordnung von Durchgängen, Gestaltung neuer öffentliche Plätze und Verbindung bisher getrennter Viertel lässt sich gut am 2003 fertig gestellten LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster (siehe Bild oben links) erkennen. Mit den Durchgängen wurde die Verbindung zwischen Domplatz und Rothenburg, zwischen Dom, Archäologischen Museum und LWL-Museum hergestellt oder erweitert und dem Stadtzentrum eine gut integrierter Schlüsselbau zugefügt, dessen ausgetüftelte Wege und Räume eine eigene Dynamik erzeugen. 

Jedes Gebäude ist ein Unikat als Ergebnis eines langwierigen Entwicklungsprozesses, der sich intensiv mit dem Ort und der Bauaufgabe auseinandersetzt. Es gibt allerdings Komponenten, die in den individuellen Einzelwerke häufig vorzufinden sind: Die Weiterführung von Stadträumen ins Innere der Gebäude, die monolithische Masse der Bauten, die durch Schnitte und Öffnungen und Schnitte dennoch eine hohe Durchlässigkeit erzeugen, ein häufig anzutreffender großer und ruhiger Raum, in dem sich oft interessante Schautreppen finden.

Das Buch gibt Einblick über die grundsätzliche Vorgehensweise eines der im deutschen Wettbewerbsgeschehen erfolgreichsten Architekturbüros. Für jedes der vorgestellten Bauten wird daher im Buch ein Stadtplan, ein Lageplan, Grundrisse und Schnitte dargestellt. Bilder von renommierten Architekturfotografen wie Marcus Ebner und Werner Huthmacher vermitteln stimmungsvolle und interessante Eindrücke der Bauwerke.  Das Buch schließt mit einem Interview mit Volker Staab, Alfred Nieuwenhuizen, Hans Ziegler und Per Pedersen, den vier Geschäftsführer von Staab Architekten sowie einer chronologischen Werksübersicht. Das Buch stellt ein Standardwerk zu eines der führenden Architektenbüros der Bundesrepublik dar. Ulrich Lohrer

 

Staab Architekten: Verwandte Unikate

Text Florian Heilmeyer, Staab Architekten, Gestaltung fernkopie, Deutsch 2016. 352 Seiten, 500 Abildungen, Leinen, Verlag Hatje Cantz, 68 Euro

 

Fotografien aus dem besprochenen Buch (Bildnachweis von oben nach unten): Richard Wagner Museum, Foto ® Marcus Ebener; Besucherzentrum Kassel, Foto ® Jens Achtermann; LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto ® Marcus Ebener; Hochschule Darmstadt Foto ® Werner Huthmacher; Richard Wagner Museum Foto ® Marcus Ebener