Steel Cities: Logistikzentren am Rande Bayerns in Tschechien

In der Mitte Europas, im tschechischen Westböhmen am Rande von Bayern, enstehen ganze Logistiklandschaften: Riesige stählerne Lager von Amazon, Primark, Tchibo, DHL auf der grünen Wiese. Ein Buch zeigt die geografische, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen.

 

Stahlstadt nannte Jules Verne, der französische Science Ficton Author in einem Mitte des 19. Jahrhundert erschienenden Buch die schnelle Verwandlung einer abgelegenen Landschaft in ein smogverpestete Industrierevier. Heute bestimmen andere, klinisch reine Steel Cities zunehmend die landwirtschaftlich geprägte Landschaft in Tschechien. Das gleichnamige Buch vorwiegend aus der Feder tschechischer Verfasser untersucht als künstlerisch-urbanistische Studie die Auswirkung der Logistikparks auf Landwirtschaft, Ortsbild und Menschen.

In den Ländern Mittel- und Osteuropas hat sich eine bestimmte Art von Industrie im Höchsttempo herausgebildet. In riesigen Logistikparks werden Lagerung, Verpackung, Klassifizierung, Montage und andere Nebenprozesse der Herstellung und Verteilung rund um die Uhr durchgeführt. Ihre weitläufigen Anlagen, die in den Nachtstunden oft hell erleuchtet sind, haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten flächenmäßig alle vier Jahre verdoppelt. Beeindruckend ist allein wegen der Größe des Gebäudes die Beschreibung des Amazon Logistik Zentrum PRG2 – benannt wie alle Amazon-Standorte nach den internationalen Kürzel der Flughäfen. Tatsächlich nimmt PRG2 nahezu das Ausmaß des benachbarten Flughafen Prag ein. Prag ist eines der größten Logistikzentren Mitteleuropas.

 

Galt im Mittelalter die Goldene Straße zwischen den Reichsstädten  Nürnberg und Prag als wichtiger Handelsweg, so blüht diese Verbindung nach dem Fall des Ostblocks zunehmend wieder auf. In den vergangenen Jahren sind nach der Fertigstellung der Autobahnen A6/D5 (E50) zwischen Nürnberg und Prag entlang der D5 mitten auf der grünen Wiese riesige Logistikzentren wie der CT Park Bor (Hellmann Worldwide, Primark/DHL, Schenker), der D5 Logistik Park Stribro (Panatoni Park Stribro) oder verschiedene Logistikparks in Pilsen (Prologis Park Pilsen II, Ranpak, Lidl E-Commerce) entstanden. Diese Stahlstädte, wie einige Einheimische sie nennen, nehmen immer mehr Ackerland ein, beeinflussen das Leben der Anwohner und schaffen völlig neue Beziehungen.

In dem Buch werden die Auswirkungen der Stahlstädte auf Landschaft und Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven untersucht. Es zeigt die architektonischen und räumlichen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen des Logistiksystems in dieser und anderen Regionen auf. Die Logistikzentren werden anhand von drei Maßstäben untersucht: als eine architektonisch-landschaftliche Einheit von der Größe einer Kleinstadt, als ein Netzwerk, das die Karte Europas zu einer eigenen Territorialität definiert, und als Teil des Alltagslebens der Arbeiter und der Bewohner.

 

 

Kate┼Öina Frejlachová, Miroslav Pazdera, Tadeáš ┼śíha und Martin Špi─Źák (Hrsg.): Steel Cities -The Architecture of Logistics in Central and Eastern Europe

Broschiert, 364 Seiten, Englisch / Tschechisch; Verlag Park Books; 29,00 Euro

 

 

 

 

Bildnachweis: (von oben nach unten): Construction of a new shed in CTPark Bor © Miroslav Pazdera, 2018; Steel City at night © Studio Flusser; “Warehouse industry,” interior of Tchibo warehouse, West Bohemia. © Miroslav Pazdera, 2019