James Stirling: Die Spielerische Version der Postmoderne

Vor einem Vierteljahrhundert starb James Stirling. Der britische Architekt zählte zu den bedeutendsten Vertretern der Postmoderne, der mit der Neuen Staatsgalerie in Stuttgart sein bedeudenstes Werk schuf. Die Londoner "Times" ihn als einen der drei besten lebenden britischen Architekten, heute werden jedoch seine Bauten anders gewertet.

 

James Frazer Stirling wurde am 22. April 1924 in Glasgower Schiffsingenieurs in Glasgow geboren. 1927 zog die Familie nach Liverpool, von wo aus der Vater zur See fuhr. James Stirling besuchte bis 1941 die Quarry Bank High School in Liverpool, anschließend bis 1942 dort die School of Art.

Im Zweiten Weltkrieg diente er im 42. Hochländerregiment und nahm als Leutnant der Fallschirmtruppen 1944 am D-Day, der alliierten Invasion in Frankreich, teil.

Ausbildung

Nach dem Krieg studierte er von 1945 bis 1950 an der Architektur-Schule der Liverpooler Universität. 1949 hielt er sich fünf Monate lang als Austauschstudent in New York auf und arbeitete für O'Connor & Kilham. Seine im folgenden Jahr absolvierte Diplomprüfung bestand er mit Auszeichnung.

1950 bis 1952 erweiterte er seine Kenntnisse bei der Londoner Gesellschaft für Stadtplanung und Regionalforschung. 1953 bis 1956 war er bei der Architekturfirma Lyons, Israel und Ellis in London tätig, wo er James Gowan kennenlernte. Zwischen 1952 und 1956 nahm Stirling als Mitglied der Independent Group des Instituts für Zeitgenössische Kunst auch an einer Reihe von Architekturwettbewerben teil.

Selbständigkeit und rationalistische Bauwerke im Stil des Brutalismus

1956 gründete James Stirling mit James Gowan (1923 – 2015) das Büro Stirling and Gowan. Seit 1960 arbeitete Michael Wilford in dem Architekturbüro.

Bekanntestes Ergebnis in dieser Zeit ist das Gebäude der Ingenieurfakultät der Leicester University, die Stirling plante (siehe Bild links). Dieser Entwurf begründete seinen internationalen Ruf als Architekt. Es ist ein kühnes technisch-geometrisches Bauwerk aus Backstein und Glas. Der Stil zeichnet sich durch ungewöhnliche Winkel, auf Säulen gestellte Pavillons und Glasdächer aus.

Ab 1963 führte Stirling das Büro alleine weiter, nachdem es mit Gowan zu Meinungsverschiedenheiten über den Bau der geschichtswissenschaftlichen Fakultät in Cambridge gekommen war.

Zu den weiteren Projekten während der Zeit mit der Zusammenarbeit mit Gowan zählten unter anderem die Ham Common Flats (1955-1958), das Preston Infill Housing (1957–1959), die School Assembly Hall in Camberwell (1958–1961), ein Old Peoples' Home (1960–1964) und ein Children's Home (1960-1964).

Postmoderne á la Stirling

Nach der geschäftlichen Trennung von Gowan spielte zunehmend der Einfluss von Michael Wilford, der ab 1971 mit Stirling als Partner das Büro leitete, eine größere Rolle in Stirlings Arbeiten. So wurden in der Folge im Gegensatz zur Moderne auch Stilelemente vergangener Architekturstile verwendet und spielerisch eingesetzt. 

In einem für das 1979 erschienenen Buch „Contemporary Architects“ veröffentlichten Artikel erläutert Stirling den Entwurf damit, dass er historische Stilelemente wie im Innenhof und mit den Eingangssäulen  verwandte, um Studenten und die Öffentlichkeit damit wieder die kulturelle Vergangenheit nahe zubringen. „ If the expression of functional-symbolic forms and familiar elements is foremost, the expression of structure will be secondary, and if structure shows, it is not in my opinion, the engineering which counts, but the way in which the building is put together that is important."

Obwohl Stirling mit diesem Stil als einer der Hauptvertreter der Postmoderne gilt, lehnte er diese Klassifizierung ab. Im Vergleich zu anderen Architekten der Postmoderne, wie Philip Johnson, Michael Graves und Charles Williard Moore sind seine Arbeiten natürlicher und auch spielerischer.

Das Hauptwerk: Die Neue Staatsgalerie in Stuttgart

Als sein Meisterwerk gilt die zwischen 1977 und 1984 entstandene Neue Staatsgalerie in Stuttgart (siehe großes Bild oben). Ironisch verfremdete historisierende Bauformen wie in der für Skulpturen genutzten Rotunde (siehe Foto links) wechseln sich mit den Materialien Travertin und Sandstein ab und kontrastieren mit grellgrünen Fenstern, bunten Stahlträgern und pink-blauen Handläufen. 

Von den Medien und nach der Eröffnung auch vom Publikum wurde des Museumsbau weitgehend begeistert aufgenommen.

Es gab aber auch kritische Stimmen.  So sahen bekannte deutsche Architekten der Moderne wie Frei Otto und Günther Behnisch die Monumentalität und die vielen historischen Zitate eher als einen historischen Rückschritt an. In Abgrenzung zur Architektur des Nationalsozialismus hatte ihre neue Architektur der Bundesrepublik, wie sie vor allem in den Bauten des Münchner Olmpiapark vertreten ist, einen solchen Monumentalismus und die Verwendung klassizistische Architekturelemente zugunsten eines transparenten Funktionalismuses vermieden.

Später erhielt Stirling den Auftrag, die Staatsgalerie durch stilistisch ähnliche Gebäude – dem Haus der Geschichte und der Musikhochschule (1994, postum) – zu ergänzen.

Museumsbauten in London und USA

Mit den Museumsbauten Clore Gallery für die Turner Collection der Tate Gallery in London (siehe Bild links) und Arthur M. Sackler Museum der Harvard University konnte Stirling sein Ansehen als internationaler Stararchitekt festigen.

Der letzte Meisterentwurf gelang ihm mit der Planung der Werksanlage Pfieffewiese der Firma B. Braun in Melsungen.

James Stirling starb am 25. Juni 1992 in London. Nach seinem Tod führte Michael Wilford das Unternehmen allein weiter. 1993 strukturierte er es um und bildete mit Laurance Bain und Russell Bevington daraus das Architekturbüro "Michael Wilford and Partners".

Auszeichnungen

James Stirling wurde 1977 mit der Alvar Aalto Medaille ausgezeichnet und bekam im selben Jahr die RIBA Gold Medaille. 1981 erhielt er den Pritzker Architekturpreis. 1990 wurde Stirling mit dem Praemium Imperiale Architektur geehrt.  Kurz vor seinem Tod wurde er 1992 als Ritter in den Adelsstand erhoben.

Werke (Auswahl)

1958 Wohnungen bei Ham Common (mit James Gowan), London, Großbritannien

1961: Camberwell School Assembly Hall, London, Großbritannien

1963: Gebäude der Ingenieurfakultät (mit James Gowan), Leicester, Großbritannien

1967: Bücherei der Geschichtlichen Fakultät (Bild links), Cambridge, Großbritannien

1968: Studentenwohnheim der Universität St. Andrews, Edinburgh, Schottland

1969 P.R.E.V.I. (U.N. low-cost housing pilot project), Lima, Peru

1971: Queen's College, Hlorey Building, Oxford University, Großbritannien

1972: Schulungsgebäude der Olivetti in Haslemere,

1976: Wohnanlage in Runcorn New Town, Großbritannien

197X: Erweiterung der Rice University, Houston, Texas, USA

1984: Neue Staatsgalerie und Kammertheater, Stuttgart

1985: Arthur M Sackler Museum der Harvard University, Cambridge, Massachusetts, USA

1985: Fogg Art Museum, Cambridge, Massachusetts, USA

1988: Zentrum für Darstellende Künste der Cornell University, Ithaca, New York, USA

1988: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Berlin

1985: Clore Gallery, London, Großbritannien

1992: Büro- und Fabrikationsgebäude der B. Braun Melsungen (mit Walter Nägeli), Melsungen

1988: Tate Gallery in Liverpool, Großbritannien

1994: Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Stuttgart

1998: No 1 Poultry (Bild links), London, Großbritannien

Bildnachweis (von oben nach unten): Neue Staatsgalerie, Stuttgart, Foto: Ulrich Lohrer;  L'architetto britannico James Stirling all'inaugurazione della 'libreria' ai Giardini della Biennale di Venezia, Foto: Gorup de Besanez; History Faculty LibraryCambridge, 1968, Photograph © Andrew Dunn, 01 October 2005 (http://www.andrewdunnphoto.com/); Southgate Estate in August 1989, Foto: RuthdonnamillsClore Gallery (1980-87), London, Foto: ElekhhWissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Foto: Coenen

Quellen:

http://www.whoswho.de/bio/james-stirling.html

https://www.munzinger.de/search/portrait/James+Stirling/0/16171.html

http://www.deutschlandfunk.de/der-architekt-der-postmoderne.691.de.html?dram:article_id=55397

https://deu.archinform.net/arch/293.htm