Oswald Matthias Ungers: Der Herr der Quadrate

Seine Architektursprache gründete OM Ungers aus dem Studium antiker Architekturtheoretiker, sein Einfluss auf die folgende führende Architektendenker wie Rem Koohlhaas war groß. Doch der Theoretiker errichtete auch bedeutende Werke wie das Torhaus in der Frankfurter Messer oder dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln.

 

Oswald Mathias Ungers wurde als Sohn eines Postbeamten am 12. Juli 1926 in Kaiseresch in der Eifel geboren. Trier mit seinen römischen Baudenkmälern war nicht weit, in der Nähe von Kaisersesch lag Kues, der Geburtsort des Neuplatonikers Nicolaus Cusanus, auf dessen Lehre vom Zusammenfall der Gegensätze sich Ungers später gern berief. Nahe lag auch Maria Laach, unter den großen romanischen Kirchen eine derjenigen, die besonders strenger Geometrie verpflichtet sind. Als junger Mann verbrachte Ungers mehrere Monate bei den Laacher Benediktinern und lernte dort die wohltätige Ordnung des Rituals kennen.

Er wollte Flugzeugbauer werden, doch dann kam der Krieg dazwischen. Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Ungers ohne Schulabschluss zum Militär eingezogen und am Kriegsende gefangengenommen. Nach seiner Freilassung machte er 1946 am Abitur und studierte von 1947 bis 1950 an der Technischen Hochschule Karlsruhe Architektur. Dort machte er seinen Abschluss bei Egon Eiermann.

 

Erste quadratische Bauten in Köln

Nach erfolgreichem Abschluss gründete der 24-jährige Ungers Konstrukteur-Büros in Köln (1950). Später folgten Bürogründungen in Berlin (1964), Frankfurt am Main (1974) und Karlsruhe (1983). Bereits mit seinen ersten Gebäuden – das Mehrfamilienhaus in der Hültzstraße und die Kleiderfabrik in der Aachener Straße (beide 1951) – sorgten mit ihren schmucklosen Wände und ihren großen quadratischen Öffnungen für Aufmerksamkeit.

Sein eigenes Kölner Wohnhaus (Bild oben, Bild links) aus dem Jahr 1958, verwies auf die stilistische Grundhaltung, die sein ganzes Lebenswerk geprägt hat: Die klassische "Geometrie regelmäßiger Körper". Dabei griff Ungers auf die Lehre des römischen Architekturklassikers Vitruv zurück. Ungers suchte die Ordnung der Antike und übertrug deren Raster und Formenschatz in seine jeweilige Gegenwart. Als Wohnsitz behielt er es auch während seiner Berliner Zeit (1963-1968) und seiner zahlreichen Auslandsaufenthalte bei. Von hier aus knüpfte er Kontakte, die sich zu einem globalen Netzwerk ausweiteten.

Bibliothek und spätere Stiftung UAA

In seinem Haus sammelte er Architekturliteratur, die sich zu einer umfangreichen Bibliothek anwuchs und die den Grundstein für die Stiftung „Ungers Archiv für Literaturwissenschaft“ (UAA) bildete und die sich dort noch immer befindet. Die Bibliothek beherbergt die Schriften sämtlicher Meister der Architektur von der Renaissance über Barock und Klassizismus bis zur Moderne. Größtenteils sind die Werke, etwa wie von Palladio, Vignola und Piranesi als Erstausgaben im Bestand – darunter auch sämtliche Ausgaben zu Vitruvs „De Architectura Libri Decem“. Leon Battista Albertis „De re aedificatoria“ erschien 1485 und ist somit das älteste Werk der Bibliothek. Einen thematischen Schwerpunkt bildet die Perspektive, ihre Entstehung und Weiterentwicklung. Zu den bedeutenden Bänden aus dem 20.Jahrhundert gehören seltene Ausgaben wie „Staatliches Bauhaus Weimar 1919-1923“, aber auch Veröffentlichungen der russischen Avantgarde, zum Beispiel „Von zwei Quadraten“ des Architekten El Lissitzky, und die Orginalzeichnungen von Le Corbusier zu dem Buch „Une petite maison“. Die Bibliothek steht Wissenschaftlern und Studierenden zur Verfügung.

Einflussreicher Lehrer in USA und Europa

Neben seiner Tätigkeit als bauender Architekt lehrte er auch, gab sogar der Theorie über Jahre den Vorzug. Auf die Kölner Anfangsjahre folgte Berlin, wo ihm 1963 der Lehrstuhl von Hans Scharoun (1893-1972) angetragen worden war. Man hielt Ungers damals für einen Nachfahren im Geiste Scharouns und des organisch-ausdrucksbetonten Bauens. Schließlich war er Mitkurator der ersten Ausstellung und Dokumentensammlung über die expressionistische Künstlergruppe Die Gläserne Kette (1919-1920), der auch der junge Scharoun angehört hatte. Ungers wurde Professor an der Technischen Universität Berlin und dort 1965 bis 1967 Dekan der Fakultät für Architektur, Jürgen Sawade war sein wissenschaftlicher Assistent. In dieser Zeit entstand von ihm ein Wohnhochhaus im Märkischen Viertel, das später aufgrund seiner Größe zum Inbegriff unmenschlicher Architektur wurde und wofür Ungers heftig kritisiert wurde – obwohl er er zuvor kleiner geplant hatte, als es später ausgeführt wurde.

Vor den besonders in Berlin stark spürbaren studentischen Unruhen der späten 1960er-Jahre verabschiedete er sich für ein Jahrzehnt in die USA. 1967 wurde er Professor an der Cornell University in Ithaca im Bundesstaat New York und deren „Chairman of the Department of Architecture“ von 1969 bis 1975. Auf Berlin folgte eine abrupte Schaffenspause. Ungers widmete sich als Lehrer an Hochschulen des In- und Auslands der Architekturtheorie. Basierend auf den Lehren Louis Durands, der 1820 seine Musterbücher mit geometrischen Urtypen für „jedes x-beliebige Bauwerk“ publiziert hatte, entwickelte sich das, was Spötter den „Quadratismus“, Bewunderer den deutschen Rationalismus nannten. Heute berühmte Architekten wie Rem Koolhaas und Hans Kollhoff gingen extra an die Cornell University, um für Ungers zu arbeiten und mit ihm zu lehren und zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig erhielt er Professuren an der Harvard University in Cambridge (1973), (1973), der University of California in Los Angeles (UCLA) (1974–1975), der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1979–1980) und der Kunstakademie Düsseldorf (1986–1990). Ungers war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Auch übte Ungers über seinen ehemaligen Mitarbeiter Christoph Mäckler indirekt Einfluß auf die Gründung des Deutschen Institut für Stadtbaukunst in Dortmund aus.

Frankfurter Bauten

Ende der 1970er Jahre wollten Frankfurts OB Walter Wallmann und sein Kulturdezernet Hilmar Hoffmann ein Architekturmuseum errichten. Sie holten sich den Rat des Kunst- und Architekturhistorikers Heinrich Klotz aus Marburg, der für den Umbau einer historischen Villa in ein Museum Oswald Mathias Ungers vorschlug. In die entkernte Hülle des Altbaus stellte Oswald Mathias Ungers ein Haus über dem Grundriss eines fünf mal fünf Meter messenden Quadrates. Dieses „Haus-im-Haus“ wächst über vier Stützen empor, die das Zentrum des im Souterrain eingebauten Auditoriums markieren.

Auf das Architekturmuseum folgte 1984, international gefeiert, Frankfurts Messe-Torhaus, eine riesige Konfrontation von Glas- und Steinhaus. Zu Ungers Mitarbeiter gehörten zu dieser Zeit Jo.(achim) Franzke und Max Dudler, die von etwa 1981 bis 1986 Leiter bzw. Angestellter in Ungers Büro waren.

Durch seinen Traditionalismus galt Ungers in den achtziger Jahren als Pionier der Postmoderne, obwohl er deren wahllose Rückgriff auf Architekturzitate vermied. Die ideale Form in seiner Anschauung von Architektur war das Quadrat. Ungers orientierte sich dabei an den Werken des italienischen Baumeisters Andrea Palladio, des französischen Baumeisters Claude-Nicolas Ledoux und des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel.

Wallraf –Richartz-Museum in Köln

Besonders in seinem Museumskonzept für das Wallraf-Richartz-Museum in Köln zielte Ungers auf den preußischen "Staatsarchitekten" Schinkel ab. Die Projekte des deutschen Architekten zeichnen sich durch ihre Originalität aus, die international gelobt wurde. Das Gebäude gilt als einer der perfektesten Kunstmuseen, das zudem eine städtebauliche Achse historischer und musealer Gebäude in Köln komplettiert.

Einfluss auf andere Architekten

 

Über seine Schüler und Mitarbeiter übte Ungers auch einen großen Einfluss auf die deutsche Architektur seit den 1960er-Jahren aus. So arbeiteten mit Ungers  Hans Kollhoff, Rem Koolhaas, Max Dudler, Walter Noebel, Bernd Faskel, Jürgen Sawade, Johann Friedrich Geist, Christoph Mäckler und Jo. Franzke zusammen.

Ungers war seit 1956 verheiratet mit Liselotte Gabler. Aus der Ehe gingen ein Sohn, Simon Ungers, der selbst erfolgreicher Architekt war und 2006 verstarb, und zwei Töchter hervor. Oswald Mathias Ungers starb am 30. September 2007 an den Folgen einer Lungenentzündung.

Werke (Auswahl)

1951: Mehrfamilienhaus, Köln

1951: Kleiderfabrik und Wohnhaus, Köln

1953: Mehrfamilienhaus an der Riehler Straße 29–31 (mit Helmut Goldschmidt), Neustadt, Köln

1958: Institut zur Erlangung der Hochschulreife, Oberhausen

1955: Mehrfamilienhaus, Köln

1956: Einfamilienhaus W, Rodenkirchen, Köln

1956: Studentenwohnheim an der Goldenfelsstraße 19, Lindenthal, Köln

1957: Zweifamilienhaus, Köln

1958: Eigenes Wohn- und Bürohaus an der Belvederestraße 60/Quadratherstraße 2, Köln-Müngersdorf (1989/90 erweitert)

1962: Einfamilienhaus „Haus Wokan“, Bad Homburg vor der Höhe

1967: Wohnhochhaus im Märkischen Viertel, Berlin

1966: Wohnanlage am Asternweg, Seeberg, Köln

1967: Mehrfamilienhaus Reimbold, Hansaring 25, Neustadt, Köln

1983: Wohnanlage am Lützowplatz (IBA, 2013 abgerissen), Berlin

1984: Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

1983: Bauten Galeria, 9, Messe Torhaus der Messe, Frankfurt am Main

1990: Wohnanlage Forellenwegsiedlung (mit Aldo Rossi, Adolf Krischanitz), Salzburg, Österreich

1985: Renovierung und Umbau Schloss Morsbroich, Leverkusen

1991. Badische Landesbibliothek, Karlsruhe

1986: Alfred Wegener-Institut, Bremerhaven

1988: Villa (Ungers II) Glashütte, Utzscheid

1996: Thermen am Viemarkt, Trier

1990: Ikonen-Museum, Frankfurt am Main

1991: Hofflügel Haus Butz, Frechen-Bachem

1994: Bundesanwaltschaft, Karlsruhe

1992: „Rathaus für Senioren“, Frankfurt am Main

1995: Familiengericht, Kreuzberg, Berlin

1996: Friedrichstadt-Passagen (Quartier 205), Berlin

1999: Erweiterung der Messe Berlin

1994: Residenz des deutschen Botschafters, Washington D. C. USA

1995: Haus ohne Eigenschaften, Müngersdorf, Köln:

1997: „Galerie der Gegenwart“ der Hamburger Kunsthalle, Hamburg

1998: Umbau des Gemeindehauses, Utscheid

1999: Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Institut

2000: Umbau museum kunst palast des Ehrenhof, Düsseldorf

2001: Dorotheenhöfe, Berlin

2001 Wallraf-Richartz-Museum, Köln

2004: Hugo-Preuß-Brücke, Moabit, Berlin

2006: Contrescarpe-Centre, Bremen

2006: Entrée Kaiserthermen, Trier

Quellen: http://www.omungers.de/; https://deu.archinform.net/arch/404.htm; http://www.welt.de/kultur/article1234512/Herr-der-Wuerfel-Oswald-Mathias-Ungers-tot.html; http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/U/Seiten/OswaldMathiasUngers.aspx; http://www.nrw-architekturdatenbank.tu-dortmund.de/arch_detail.php?gid=629

Bildnachweis: DAM Haus im Haus, 2011
Bild: Norbert Miguletz; Oswald Matthias Ungers, Porträt www2.tu-berlin.de/presse/125jahre/festschrift/ungers.htm

OM Ungers mit Hund; OM Ungers. Image via preview.michael-dannenmann.de