Fotografie: Vorbilder für die Nachbilder

Das Münchner Stadtmuseum zeigt die fotografische Lehrsammlung der Universität der Künste Berlin 1850-1930, die als Vorbilder für künstlerisches Schaffen in der Malerei, Zeichnung und Architektur dienten. Heute sind die Vorbilder für die Nachbilder selbst ein Kunstschatz.

 

“Vorbilder / Nachbilder” – die beiden Doppelworte verweisen in ihrem Gegenüber auf Bezüge zwischen Bildern und auf eine Bildproduktion, bei der auf bereits vorliegende Bilder zurückgegriffen wird. In den Kunstakademien und Kunstgewerbeschulen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dienten Fotografien als „Vorlagen” oder „Vorbilder”; als solche fungierten sie als ein eigener didaktischer Bildtypus. Fotografische Vorlagen waren wichtige Hilfsmittel in der kreativen Praxis angehender Künstlerinnen und Künstler; im Zuge ihrer Verwendung entstanden im Kunst-Unterricht „Nachbilder”: Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken. Und die benutzten Fotografien bilden ihrerseits in gewisser Weise nach, was in ihnen mit dem Auge der Kamera „aufgenommen” ist.

Im Archiv der Universität der Künste Berlin hat sich eine umfangreiche und wertvolle fotografische Lehrsammlung bewahrt, die bis in die 1850er Jahre zurückreicht und an Vorgängereinrichtungen, der Berliner Kunstakademie und der führenden Kunstgewerbeschule, entstanden ist. Mit ihren ungefähr 25.000 fotografischen Einzelblättern, zu denen Konvolute und Alben hinzukommen, ist sie innerhalb Deutschlands einzigartig. Lange Zeit über wenig beachtet konnte sie in den zurückliegenden Jahren archivarisch und wissenschaftlich aufgearbeitet werden. In der vom Münchner Stadtmuseum vorbereiteten Ausstellung wird sie der interessierten Öffentlichkeit erstmals in größerem Rahmen gezeigt.

Die Welt der „Vorlagen” und „Vorbilder”, Muster und Modelle, die für die künstlerische Ausbildung vom 16. Jahrhundert an typisch ist, war sehr vielgestaltig. Gipse, Kupferstiche, Fotografien, Zeichnungen und Modelle gehörten dazu, aber – im Fall der Berliner Kunstakademie und Kunstgewerbeschule – etwa auch architektonische Details am Schulgebäude, ein Beet mit Pflanzen und zeitweilig sogar eine Kleintier-Haltung. Noch im Neubau der Berliner Kunstakademie von 1902 befand sich ein Antikensaal, der mit Gipsabgüssen bestückt war. Auch Fotografien wurden frühzeitig – seit circa 1855 – erworben, gesammelt und benutzt.

Um der besseren Handhabbarkeit willen montierte man die Fotografien auf Karton, der seine Schutzfunktion zum Teil auch langfristig erfüllt hat: Beschädigungen an den überlieferten fotografischen Vorlagen, wie Risse und Fehlstellen, sind meist an den Rändern zu finden, nicht auf dem Bild. Bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts hinein wurden die „Vorbilder” im Alltag des Unterrichts verwendet. In den Schulbibliotheken der Vorgängereinrichtungen lagen sie bereit und konnten in die Ateliers entliehen werden; sie wurden durch Erwerbungen ergänzt, aber auch abgenutzt und ausgesondert. Seit den 1930er Jahren geriet die ganze Sammlung außer Gebrauch, aber nicht in Verlust. Aufgrund der fast gänzlich ausgebliebenen Nutzung über viele Jahrzehnte hinweg weisen die Fotografien zwar manche Gebrauchsspuren aus älterer Zeit auf, haben sich aber insgesamt zu einem nicht geringen Teil in gutem bis sehr gutem Zustand erhalten.

Inzwischen sind sie wertvoll geworden; heute ist selten, was früher alltäglich war. Als die Fotografien „Vorbilder” waren, kam es auf das Motiv an, nicht auf den Fotografen oder die ästhetische Umsetzung – es handelte sich um Lehrmittel. Der Stellenwert der Fotografie innerhalb der Bildkünste ist inzwischen ein ganz anderer. Heute fallen die Namen bekannter Fotografen ins Auge, und die Fotografie wird als eigenständige Kunstgattung wahrgenommen.

Zu den gebräuchlichsten Bildmotiven gehören Kunstreproduktionen, Landschaften, Naturstudien (Wasser, Wolken, Bäume, Pflanzen, Felsen etc.), Architektur, Stillleben (Früchte, Glas etc.), Porträts, Genreszenen / Lebende Bilder, Akte und Tierstudien sowie Orient- und Historiendarstellungen. Die Vorlagenstudien – in Frankreich als „Études d‘après nature” verbreitet – stammen von bekannten europäischen und amerikanischen Fotografen wie Fratelli Alinari, Ottomar Anschütz, Karl Blossfeldt, Adolphe Braun, Eugène Cuvelier, Georg Maria Eckert, Constantin Famin, Wilhelm von Gloeden, Albert Renger Patzsch, Jakob August Lorent, Gustave le Gray, James Robertson, Henry Peach Robinson, F. Albert Schwartz, Giorgio Sommer oder Carleton Watkins.

Die Ausstellung wird in München und Berlin gezeigt. Sie ist in der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums erarbeitet worden. Das Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin präsentiert die Ausstellung dank der Initiative von Ludger Derenthal, dem Leiter des Museums, ab August 2020.

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) aufgelegten Förderprogramms „Vernetzen – Erschließen – Forschen. Allianz für universitäre Sammlungen” erhielt das Archiv der Universität der Künste die finanzielle Unterstützung, die es ermöglichte, den gesamten umfangreichen Bestand sorgfältig zu inventarisieren und zu digitalisieren. Die Fotografen und fotografischen Verfahren konnten so identifiziert werden. Der gesamte Bestand wird demnächst zusammen mit der Verzeichnung in einer Bilddatenbank online einsehbar sein. Projektpartner sind das Münchner Stadtmuseum und das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin.

Die Publikation (400 Seiten, 350 Abbildungen) zur Ausstellung ist im Snoeck Verlag, Köln, erschienen, herausgegeben von Ulrich Pohlmann, Dietmar Schenk und Anastasia Dittmann in Zusammenarbeit mit Daria Bona und Sophie-Charlotte Opitz, mit Aufsätzen von Ludger Derenthal, Monika Faber, Antje Kalcher, Mei-Hau Kunzi, Hubert Locher, Kristina Lowis, Paul Mellenthin, Sabina Mlodzianowski, Angela Nikolai, Helena Perez Gallardo, Dorothea Peters, Herbert Rott, Bernd Stiegler, Herta Wolf und den Herausgebern. Im Museum für 39,80 € erhältlich.

Kurator der Ausstellung: Dr. Ulrich Pohlmann, Sammlung Fotografie

Quelle: Stadtmuseum München

Bildnachweis: Fotografie oben: Gustave le Gray: Zweimaster im Mondschein;