Peter Zumthor: Schweizer Ästhet und großer Handwerker

In der Architektenszene gilt der Graubündener als Einzelgänger, der mit einem „starken Bild“ große Bauwerke mit besonderen Materialien und großem handwerklichen Können schafft. Von seinen ausgetüftelten Entwürfen wurden leider nur relativ wenige Projekte, wie die Therme Vals, verwirklicht.

 

Peter Zumthor wurde am 26. April 1943 in Basel als Sohn des Schreinermeisters Oscar Zumthor geboren. Von 1958 bis 1962 absolvierte er bei seinem Vater eine Ausbildung zum Möbelschreiner. Von 1963 bis 1967 studierte an Kunstgewerbeschule Innendesign sowie Design am Pratt Institute in New York. Zehn Jahre lang arbeitete er als Mitarbeiter der Denkmalpflege des Kantons Graubünden, für das er als Bau- und Planungsberater und als Analyst im Bereich der Architektur für historische Dörfer und für die Durchführung von Restaurationen zuständig war. In seiner Zeit als Denkmalpfleger hat er in alpinen Seitentälern, etwa dem Val Lumnezia, historische Bausubstanz erhalten.

Spätberufener mit übersichtlichem Oeuvre

1979 gründete Zumthor sein eigenes Architekturbüro in Haldenstein (Graubünden) wo er seither lebt und arbeitet. Zu seinen ersten Bauten gehörte der Schutzbau für die Ausgrabung römischer Funde (siehe Bild links) in Chur. Es folgte die Caplutta Sogn Benedetg (Kapelle des Heiligen Benedikt) in Sumvitg (1989) und eine Anlage mit Wohnungen für Betagte in Chur-Masans (1993). Die Caplutta (Bild links unten) ist aus Holz gebaut. Durch die Sonne wird sie dunkel, schwarz im Süden, silbergrau im Norden.

Zumthor beschäftigt sich intensiv mit der Aufgabenstellung des jeweiligen Projekts, legt besonderen Wert auf die Auswahl der verwendeten Materialien und die Formen, sodass kein von ihm entworfenes Bauwerk dem anderen gleicht und dass für die Planungs- und Ausführungszeit oft längere Zeiträume benötigt werden.

Architektonisches Badewunder der Therme Vals

Nachdem die Therme Vals in Graubünden Insolvenz anmelden mußte und jahrelang mit Defiziten weiter duch die Schweizer Bankgesellschaft betrieben wurde, übernahm 1983 die Gemeinde die Therme für 2,8 Millionen Franken. Die zuständige Kommission schrieb 1986 einen Projektwettbewerb für den Neubau aus, den Peter Zumthor gewann. Sein Vorschlag sah nicht nur ein neues Bad, sondern auch ein neues Viersternehotel vor. 1990 erteilte Vals den Auftrag für ein eigenständiges Thermalbad (Solitär genannt) ohne zusätzliches Hotelgebäude.  Am 18. März 1994 stellte Peter Zumthor sein Projekt im Detail bei einer Gemeindeversammlung vor. Er entschied sich, nicht die bestehenden Häuser der 1960er-Jahre als Vorbild zu nehmen, sondern ein Gebäude zu entwerfen, das mit der Geologie und Topografie der Umgebung in Verbindung steht.

Der Neubau sollte den Eindruck erwecken, als gehöre er schon viel länger in den Ort als die angrenzenden Gebäude. Für sein Bauprojekt entwickelt Zumthor stets ein „starkes Bild“, das er als erste naive räumliche Vorstellung des Baues beschreibt und dann zu einer komplexen Architektur weiterentwickelt. Ausgehend von ersten Vorstellungen über römische, auch türkische Badekulturwie dem türkischen Rudas-Bad in Budapest von 1566, entwickelte er das Leitbild von im Wasser stehenden Felsblöcke nach Art eines Steinbruchs, aus dem einzelne Blöcke herausgeschnitten wurden, so dass zwischen den übereinandergestapelten und herausgeschnittenen Blöcken Kavernen entstehen. Die Blöcke tragen tischplattenartige Dachpartien, die sich zu einem Dach fügen. Das Verbundmauerwerk der Blöcke wird durch 60.000 auf einen Meter Länge geschnittene Steinplatten aus Valser Gneis gebildet, deren Bearbeitung durch regionale Steinmetzerfirmen ausgeführt wurde. Durch Fugen in Boden und Decke erzeugt der Einfall von Tageslicht ein Lichtspiel in der Therme. Am 14. Dezember 1996 konnte die neue Therme mit einem grossen Volksfest mit vielen eingeladenen Prominenten eingeweiht werden.

Über die neue Therme in Vals wurde schon während des Bauens ausführlich berichtet und so strömten bereits kurz nach der Eröffnung etliche Bade- und Architekturtouristen aus dem In- und Ausland in das Bad.

Ähnlich wie beim Bau des Guggenheim-Museums in Bilbao durch Frank Gehry sorgte der Bau für die wirtschaftliche Belebung der Region. Doch wurde mit dem Bilbao-Effekt die Erwartung eines weiteren Ausbaus ausgelöst. Weil die Gemeinde die Therme sowie den zugehörigen Ausbau der Infrastruktur nicht mehr aufwenden konnte, suchte sie nach einem Investor, der den Komplex übernehmen und ausbauen sollte. Am Ende setzte sich 2012 der in Vals aufgewachsene Immobilienunternehmer Remo Stoffel überraschend deutlich beim Bürgerentscheid gegen die von Peter Zumthor geführte Interessengemeinschaft durch. Am 25. März 2015 präsentierten der Valser Steinbruchunternehmer Pius Truffer und Stoffel das Projekt eines dünnen Hochhauses nach dem Entwurf des Amerikaners Thom Mayne von Morphosis. Das 381 Meter hohe Hotel „Femme de Vals“mit 107 Zimmern auf 82 Stockwerken auf einer Grundfläche von nur 30 x 16 m. Im Jahr 2016 sollen die Valser darüber abstimmen.

Werke (Auswahl)

1986: Schutzbauten für Ausgrabung römischer Funde, Chur, Schweiz

1988: Caplutta Sogn Benedetg, Sumvitg (Graubünden), Schweiz

1993: Wohnungen für Betagte, Chur-Masans, Schweiz

1996: Therme Vals, Vals, Schweiz

1996: Spittelhof Anwesen, Biel-Benken, Schweiz

1997: Kunsthaus Bregenz (Bild links), Bregenz, Österreich

1997: Topographie des Terrors (2004 abgerissen), Berlin

2000: Schweizer Pavillon Klangkörper, Expo 2000. Hannover

2005: Haus Zumthor, Haldenstein, Schweiz

2007: Kolumba (Bild links), Kunstmuseum Erzdiozöse Köln, Köln

2007: Bruder-Klaus-Feldkapelle, Mechernich-Wachendorf

2007: Serpentine Gallery, London

2009: Holzhäuser Unterhus und Oberhus, Leis, Vals, Schweiz

2011: Hexenmahnmal in Vardø, Norwegen

2009: Holzhauser Türmlihus, Leis, Vals, Schweiz

2013: Werkraum Bregenzerwald (großes Bild unten), Andelsbuch, Österreich

im Bau: Los Angeles County Museum, Los Angeles, USA

Auszeichnungen:

Peter Zumthor wurde mit den höchsten nationalen und internationalen Auszeichnungen für Architekten geehrt: 1989 mit der Heinrich-Tessenow-Medaille, 1995 mit dem Internationaler Architekturpreis für Neues Bauen in den Alpen, 1996 mit dem Erich-Schelling-Architekturpreis, 1998 für das Kunsthaus Bregenz mit dem Mies van der Rohe Award for European Architecture, 2008 mit dem Praemium Imperiale, 2009 mit dem Pritzker Architektur Preis und 2012 mit der Royal Gold Medal des Royal Institute of British Architects.

Literatur:

Thomas Durisch: Peter Zumthor 1985–2013 – Bauten und Projekte, 5 Bände, 2014, Zürich

Bildnachweis (von oben nach unten): Die Frontfassade der Therme Vals, Foto: Micha L. Rieser;

Schutzbauten (über archäologischer Fundstelle) im Welschdörfli in Chur, Foto: Xenos; Bergkapelle Sogn Benedetg oberhalb Sumvitg, Foto: Adrian Michael

Therme Vals wall structure, Vals, Graubünden, Switzerland - 20060811.jpg, Foto: Sanchrts at en.wikipedia; Therme Vals (Peter Zumthor), Innere, Foto: kazunori fujimoto; sonst (Kusthaus Bregenz, Kolumba, Werkraum Andelsbuch) Ulrich Lohrer