Einzelhandel: Der Corona-Lockdown fordert seinen Tribut

Bereits beim ersten Lockdown war der Einzelhandel besonders von der Pandemie betroffen. Nun folgt der zweite harte Lockdown ausgerechnet kurz vor Weihnachten. An den Münchner Einkaufsmeilen geht dies nicht spurlos vorüber.

 

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist neben der Woche vor Heiligabend die umsatzstärksteZeit des Weihnachtsgeschäfts“, warnte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE).  

Der Einwand des Interessenvertreters der Einzelhändler half nichts:  Am 13. Dezember beschloss die Bundesregierung unter Leitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Einvernehmen der Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer vom 16. Dezember an den harten Lockdown.   

„Corona ist außer Kontrolle geraten“, begründete Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern, die Entscheidung. Sämtliche Läden, außer denen die den täglichen Bedarf abdecken, müssen schließen. Ausgenommen sind Lebensmittel-Einzelhändler, Wochenmärkte und Direktvermarkter für Lebensmittel, Abhol- und Lieferdienste, Getränkemärkte, Reformhäuser sowie Apotheken. Söder kündigte zudem eine nächtliche Ausgangssperre für ganz Bayern an.

Damit endet 2020 für den Einzelhandel in einer Katastrophe, die am Jahresanfang nicht vorhersehbar war. Dabei hatte der sich verstärkte Trend zum Onlinehandel den Präsenzhandel schon in den Vorjahren zunehmend zu schaffen gemacht. Unvorhersehbar war jedoch die Corona-Pandemie mit Zwangsschließungen und einem verstärkten Boom des Onlinehandels aufgrund der Angst vor Ansteckung der Konsumenten. Bereits der seit Anfang November praktizierte Lockdown light traf die Shopping-Meilen ,it voller Wucht. Dies zeigte drastisch eine Passantenzählung der in der Vorweihnachtszeit sonst dichtgedrängten großen Einkaufsmeilen der Bundesrepublik (siehe Tabelle unten). Am Samstag vor dem 1. Advent 2020 wurden in der Neuhauser Straße, im Vorjahr noch die am meisten frequentierte Einkaufsstraße Deutschlands, rund 56 Prozent weniger Passanten gezählt als am Samstag vor dem ersten Advent 2019.

 

Kaum Freude am Weihnachtseinkauf.

Die Auswertung stammt von Engels & Völkers Commercial auf der Basis von der Hystreet,com, einem Tochterunternehmen der Aachner Grund. Weitgehend gleichblieben ist jedoch die Reihenfolge der Einkaufsmeilen nach Passantenfrequenz.

So belegten die Münchner Neuhauser Straße und die Kaufingerstraße im Ranking immerhin auch in der Corona-Adventszeit noch Rang zwei beziehungsweise Rang drei nach der Kölner Schildergasse. „Betrachtet man die durchschnittliche Passantenfrequenz pro Stunde zwischen 10 und 20 Uhr rangieren auf den ersten zehn Plätzen des Rankings nahezu die gleichen Standorte wie im Vorjahr, allerdings mit deutlichen Einbußen“, erläutert Miriam Siegert, Researchanalystin bei Engel & Völkers Commercial in Hamburg. „Die Frequenz- und Umsatzeinbrüche im Einzelhandel sind ein Beleg für die dramatische Situation und den wirtschaftlichen Überlebenskampf in Deutschlands Innenstädten. Die Realwirtschaft leidet und damit auch die dahinterstehenden Immobilienunternehmen“, sagt Andreas Mattner, Präsident des Zentrale Immobilien Ausschuss ZIA, Spitzenverband der Immobilienwirtschaft. Bereits während des Lockdown-Light mussten die Einzelhändler die Anzahl der Kunden pro Quadratmeter Ladenfläche begrenzen. Doch auch Mattners Einwand, dass der Einzelhandel bislang nicht als Hot Spot für Corona-Infektionen aufgefallen sei, hielt Merkel und Söder nicht davon ab, nun die meisten Läden schließen zu lassen.

 

Ungewohnter Leerstand.

Auch wenn viele hoffen, dass nächstes Jahr die Pandemie bezwungen ist, wird es für viele Einzelhändler kein zurück in die Welt vor 2020 geben. Viele werden ihren Laden aufgeben müssen, andere werden sich darauf einstellen, dass wohl künftig deutlich mehr Konsumenten bei Amazon & Zalando bestellen werden.

Von den ökonomischen Auswirkungen der Corona-Krise blieb auch München nicht verschont. Aufgrund landesweiter Lockdown-Maßnahmen sowie globaler Reisebeschränkungen blieben Kunden und somit auch Umsätze im ohnehin kriselnden stationären Einzelhandel sowie in der Gastronomie und Hotellerie aus. Mussten während des ersten Lockdowns im Frühjahr alle drei Sparten ihren Betrieb einstellen, so darf während des „Lockdown light“ immerhin der stationäre Einzelhandel sein Geschäft unter strengen Hygienevorschriften fortführen.

Das Marktforschungsinstitut des IVD Süd e.V. hat vor Kurzem auch die Einzelhandelsfluktuation in Münchener 1a- und 1b-Einzelhandelslagen untersucht. „Abermals konnten in der Münchener Innenstadt während des vergangenen Jahres zahlreiche Veränderungen im Ladenbestand registriert werden, zu großen Teilen auch in Folge der Corona- Krise“, so Professor Stephan Kippes, Leiter des IVD-Marktforschungsinstituts. Die IVD-Fluktuationsquote gibt den Anteil der Veränderungen gemessen an der jeweiligen Gesamtzahl der Läden wieder, der im Zeitraum September 2019 bis September 2020, also innerhalb eines Jahres, registriert wurde. Zu vier Veränderungen im Ladenbestand kam es in der aktuellen Untersuchung in der Kaufingerstraße - mit einer Fluktuationsquote von 13 Prozent im Jahresvergleich 2019 zu 2020 steht die Top-Einkaufsmeile zusammen mit der Leopoldstraße, die ebenfalls eine Fluktuationsquote von 13 Prozent aufweist, an der Spitze der diesjährigen Betrachtung. Mit Labels wie Pimkie, Orsay und s.Oliver mussten mehrere Filialisten aus der Sparte „Fashion, Accessoires und Beauty“ ihre Läden schließen. Douglas eröffnete Ende November in der Kaufingerstraße 17 seinen neuen Münchner Flagship-Store. Das US- Modelabel Urban Outfitters bezog bereits im Spätsommer seine Filiale. Es ist das größten Store auf dem europäischen Festland des Unternehmen.

In der ebenfalls hochfrequentierten Neuhauser Straße kam es im Jahresvergleich 2019 zu 2020 zu sechs Veränderungen. Bei einem Besatz von 65 Läden liegt die Fluktuationsquote bei 9 Prozent. Der erst Ende 2017 eröffnete Disney-Store sowie die ehemaligen Filialen von H&M, Desigual und Zara mussten – auch in Folge der Corona-Pandemie schließen.  Die aktuell zu beobachtenden Leerstände sind ein ungewohntes Bild für die Topeinkaufsmeile )siehe dazu die Grafik auf Seite 12 oben links). Zum Ladenbestand hinzugekommen sind eine Feinkostfiliale von Gepp ╠üs - die fünfte ihrer Art in München - sowie eine trend optic-Filiale. 

In der Sendlinger Straße fand durch die Schaffung einer Fußgängerzone im Jahr 2017 eine erhebliche Aufwertung statt, der Filialisierungsgrad nahm zu. In Folge kam es in den vergangenen Jahren zu zahlreichen Veränderungen im Ladenbesatz, die Fluktuationsquote im Zeitraum 2019 zu 2020 beträgt mit sechs Veränderungen sieben Prozent. In dieser beliebten Einkaufsstraße sind ebenfalls Leerstände zu beobachten. So musste das Traditionsunternehmen Jeans Kaltenbach, das bereits seit 1953 am Markt ist, Insolvenz anmelden und mit der Filiale in der Sendlinger Straße eines seiner beiden Geschäfte in der Münchner Innenstadt schließen.

Die Corona-Krise fordert ihren Tribut. Und der wird mit dem harten Lockdown noch höher werden.

 

Bildnachweis H&M France