Einzelhandel München: Händler zwischen Benkos Scherbenhaufen

Kurz vor Weihnachten verzeichnen Händler eine Stabilisierung des Umsatzes. Der vorsichtige Optimismus von Münchens Einzelhändlern und deren Ladenvermieter wurde nun aber empfindlich durch die Insolvenz von René Benkos Signa Holding gestört.

 

Nach Umsatzeinbußen durch die Regulierungen während der Corona-Pandemie, zunehmender Abwanderung zum Onlinehandel und Kaufkraftverlust der Konsumenten durch die schwere Inflation zeigt sich Bayerns Einzelhandel zum Weihnachtsgeschäft wieder etwas optimistischer.  

„Wir hoffen, dass sich die Menschen gerade zu Weihnachten etwas gönnen und in Geschenke investieren“, sagt Ernst Läuger, Präsident des Handelsverbands Bayern (HBE). Für das Weihnachtsgeschäft prognostiziert der HBE für den bayerischen Einzelhandel einen Anstieg beim Umsatz um nominal zwei Prozent auf 14,3 Milliarden Euro. Nach Abzug der Inflation entspricht dies allerdings  einem Minus von vier Prozent. Dennoch investieren Einzelhändler vor allem in Münchens Altstadt in ihre Läden. So hat H&M am 24. November rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft einen neuen Flagship Store mit 3700 Quadratmeter Verkaufsfläche auf vier Etagen in der Kaufingerstraße 22 eröffnet. Seit Mitte des Jahres drängen sich auch wieder mehr Konsumenten in Deutschlands beliebtester Einkaufsmeile zwischen Karlsplatz und Marienplatz. „Die Münchner Innenstadt präsentierte sich während der IVD-Passanten-Frequenzzählung im Sommer 2023 nochmals spürbar belebter als im Vorjahr. Unter den zwölf Messpunkten stachen die Kaufingerstraße sowie der Karlsplatz mit den höchsten Lauffrequenzen hervor“, sagt Stephan Kippes vom IVD-marktforschungsinstitut. Zwar hat es die Meile zwischen Karlsplatz und Marienplatz nicht in das Ranking der zehn Einkaufsstraßen mit den weltweit höchsten Ladenmieten von Cushman & Wakefield geschafft, doch verteidigt Münchens Kaufingerstraße – Neuhauser Straße  unangefochten den Platz 1 unter den deutschen Einkaufsstraßen.  

Sportscheck insolvent.

Kurz vor Weihnachten wurde der Optmismus empfindlich gestört. Am 29. November 2023 stellte die Signa Holding mit Sitz in Innsbruck beim Handelsgericht Wien den Insolvenzantrag. Als Grund der Zahlungsunfähigkeit wurde von dem Immobilienkonzern der Druck genannt, der vor allem auf dem stationären Einzelhandel laste. Der Antrag beim Wiener Handelsgericht hatte unmittelbare Folgen für den Münchner Einzelhandel. Einen Tag später, am 30. November musste das Traditionssportgeschäft Sport Scheck mit 1500 Mitarbeitern und Sitz in Unterhaching ebenfalls den Insolvenzantrag stellen. Das 1946 von Otto Scheck gegründete Familienunternehmen gehörte seit 2019 der Signa Retail, einer der zahlreichen Tochterunternehmen des Innsbrucker Immobilien- und Handelskonzerns. Noch im Oktober 2023 hatte die britische Frasers Group angekündigt, Sportscheck Anfang 2024 übernehmen zu wollen, musste dieses Vorhaben jedoch aufgeben, nachdem Finanzierungszusagen durch die Signa Retail ausblieben. Der Sportscheck in der Neuhauser Straße ist nur eines von 31 bundesweiten Verkaufshäusern des Unternehmens, aber als Visitenkarte des Heimatstandorts eines der eindrucksvollsten Läden. Erst 2016 war Sportscheck von seinem Münchner Stammhaus in der Sendlinger Straße in das neu erbaute Joseph-Pschorr-Haus der Bayerischen Hausbau umgezogen. Das Geschäftshaus in der Neuhauser Straße 19 – 21 gilt als eines der wichtigsten Anziehungspunkte von Deutschlands umsatzstärkster Einkaufsmeile.

Der Insolvenzantrag der Signa Holding, die sich aus über tausend Einzelunternehmen zusammensetzt, hat jedoch für den Einzelhandelsstandort München noch eine weit größere Dimension als die Insolvenz von Sportscheck. Die von René Benko, dem Sohn eines Gemeindebediensteten und einer Erzieherin aus Innsbruck, aus Gewinnen von Dachsanierungen sowie mit dem Kapital des Kfz-Händlers Karl Kovarik 2001 gegründete Immofina, 2006 in Signa Holding umbenannte Unternehmen, wuchs innerhalb zweier Jahrzehnte zu einem europäischen Immobilien- und Handelskonzern heran. Dem öffentlichkeitsscheuen Jungunternehmer gelang es Geschäftsleute, Investoren und Banken zu überzeugen, seine zahlreichen Projekte zu finanzieren. Schon frühzeitig erwarb er heruntergekommene und verlustträchtige Kaufhäuser in zentraler Lage, wie 2004 das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck, ließ diese abreißen oder aufwendig sanieren beziehungsweise von Stararchitekten wie dem Engländer David Chipperfield neu erbauen. 

Begünstigt durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank erwarb die Signa schließlich die großen deutschen Warenhausgesellschaften Karstadt und Galeria Kaufhof und fusionierte sie unter dem Dach der Signa Retail zur Galeria Karstadt Kaufhof, Europas zweitgrößtem Warenhauskonzern, der 2019 von der Otto Group beispielsweise auch Sportscheck übernahm.

Signas gefährdete Großprojekte.

Ein Schwerpunkt der Immobilien- und Handelsinvestitionen der Signa befindet sich entlang der Münchner Einkaufsmeilen zwischen Hauptbahnhof und Marienplatz. Dazu zählt das denkmalgeschützte Karstadt München Bahnhofsplatz, das 1905 nach Plänen von Karl Littmann für die Warenhauskette Hermann Tietz erbaut wurde und das mit dem anschließenden 1971 erbauten Gebäude nach Plänen von David Chipperfield Architects zur gemischt genutzten „Entwicklung an der Schützenstraße“ um- und neugebaut werden soll. Nur wenige Meter weiter östlich befindet sich beim Karlsplatz das ebenfalls von Littmann erbaute Oberpollinger, an dem sich die Signa bereits 2011 zusammen mit dem benachbarten Karstadt Sporthaus beteiligte. Das im Umbau befindliche Karstadt Sporthaus befindet sich nun im Eigentum der Euro Real Estate des Milliardärs Wilhelm von Finck.

Eines der größten Signa-Projekte ist der Um- und Neubau des Ende 2013 von der Landeshauptstadt München auf Basis des Erbaurechts erworbenen Komplex der Alten Akademie, die in Teilen auf die bis 1590 erbauten, von Friedrich Sustris geplanten Renaissancekomplex zurückgeht. Die im November 2020 begonnenen Bauarbeiten wurden nun im November 2023 eingestellt, obwohl Signa noch im Herbst 2022 mit der japanischen Handelsgruppe Fast Retailing für die Modemarke Uniqo einen Mietvertrag vorweisen konnte. Insgesamt soll der Komplex bereits zu 90 Prozent vermietet sein.

Schließlich erwarb die Signa Holding 2020 auch das Stammhaus des 1794 gegründeten Schreibwarenhändlers Kaut-Bullinger unweit des Marienplatz. Anstelle des Bestandgebäudes in der Rosenstraße 8 wollte Signa bis 2024 einen Neubau mit einem zusätzlichen Stockwerk errichten.

Der insolvenzbedingte Baustopp der Signa-Projekte in der Schützenstraße, der Alten Akademie und des Neubaus anstelle des Kaut-Bullinger-Stammhauses besorgt die umgebenden Einzelhändler, Immobilienbesitzer und die Stadtoberen. Angesichts des hohen Zinsniveaus ist es auch bei einer Zerschlagung des Signa-Imperiums und dem Verkauf der Einzelobjekte zweifelhaft, ob die Projekte so schnell fortgeführt werden. Betroffen wäre vor allem die im Anfangsstadium befindliche Entwicklung an der Schützenstraße.

Auch die Attraktivität der Münchner Altstadt als Einzelhandelsstandort würde zwischen Bauruinen wohl empfindlich leiden.

Bildnachweis: Alte Akademie © Fink + Jocher Architekten; Entwicklung an der Schützenstraße: © David Chipperfield Architects; © Signa