Leben am alten Nordfriedhof

Im nördlichen Viertel der Maxvorstadt an der Grenze zu Neuschwabing wohnen viele Studenten. Doch die Mieten sind am alten nördlichen Friedhof hoch. Und noch teurer sind die zum Kauf angebotenen Wohnungen. Das war nicht immer so. Und das Viertel hatte einige sehr illustre Bewohner und Besucher.

 

Im Sommer 2011 sah sich die Münchner Friedhofsverwaltung zum Einschreiten veranlasst: In der Presse beschwerte sich die Behörde über Party-feiernde Jugendliche, die den Friedhof mit Bier und Ghettoblaster belagern, und „halbnackerte Studentinnen“, die sich dort "oben ohne" sonnten.

Seither gab es allerdings keinen Anlass mehr zur Beschwerde. Aktuell sind die Temperaturen für freizügige Sonnenanbeter ohnehin zu frostig. Doch auch sonst ist der alte Nordfriedhof – offiziell der alte nördliche Friedhof genannt – eine Oase des Friedens und ein Idyll inmitten der Stadt.

 

Da stört die sportliche Betätigung entlang den alten Gräbern Wenige. Joggen allein und sogar in großen Gruppen ist sogar ausdrücklich erlaubt, auch laden bei wärmeren Jahreszeiten die aufgestellten Bänke und Wiesen zum Verweilen ein.  „Und das soll auch so bleiben“, sagt Kriemhild Pöllath-Schwarz, Leiterin der Städtischen Friedhofsverwaltung. Auf dem alten Nordfriedhof werden seit 75 Jahren keine Toten mehr bestattet. Hier zu Wohnen, in den umliegenden Altbauten des Jugendstils, des Historismus oder den eleganten Häuser der 1950er-Jahre, ist äußerst begehrt.

Dies war nicht immer der Fall. Als der Friedhof nach Entwürfen von Stadtbaurat Arnold Zenetti 1866 errichtet wurde, formierte sich Widerstand der Anwohner. Doch die Stadtspitze benötigte dringend einen neuen Gottesacker: Bis dahin verfügte München nur über eine einzige Begräbnisstätte, dem 1563 als Pestfriedhof südlich des Sendlinger Tors angelegten, heutigen Alten Südfriedhof. Weil einige Immobilieneigentümer beim Bau des neuen Friedhofs fortzogen und ihre Häuser verkauften, kam daher sogar der Wohnungsmarkt der Gegend zeitweise unter Druck.

Spätestens um die Jahrhundertwende änderte sich dies, als von 1898 bis 1902 nach den Plänen von Hans Schur westlich des Friedhofs die neobarocke Josephskirche und an der Nordgrenze des Friedhofes noble Mietshäuser entstanden. Entlang der Adalbertstraße wurden Häuser nach Entwürfen von Schur, dem Jugendstil-Architekten Martin Dülfer (Bild rechts unten). Max Neumann  und Carl Jäger (Bild links) errichtet.

Berühmte Tote und Anwohner

Der alte Nordfriedhof gilt nicht als Prominentenfriedhof, doch liegen hier bedeutende Unternehmer wie Georg Ritter von Krauss, der Gründer der Lokomotivenfabrik Krauss, der Verleger Rudolf Oldenbourg und Carl von Thieme, der mit der Münchener Rück und der Allianz gleich zwei der später größten deutschen Versicherungskonzerne gegründet hat. Hier finden sich die Gräber vieler Maler aus Schwabing. Auch der Erfinder des Unterseebootes, Wilhelm Bauer, der Gründungsrektor der Technischen Universität München, Karl Maximilian von Bauernfeind (Bild oben rechts), und der Ethnologe und Forschungsreisende Moritz Wagner sowie die Architekten Heinrich Carl von Fischer, Albert Schmidt und Gottfried von Neureuther haben im alten Nordfriedhof ihre letzte Bleibe gefunden.

Genutzt wird der Friedhof seit 1939 nicht mehr, weil die Nationalsozialisten hier eine Prachtallee zu Adolf Hitlers vorgesehenen Altersitz in Schwabing planten.

In den 1920er-Jahren war dieser häufiger Besucher des Viertels: In der Schellingstraße befand sich die Redaktion seines antisemitischen Hetzblattes, der „Völkische Beobachter“.– wie der Schriftsteller schrieb – Hitler war mit seinen Paladinen Göring, Heß, Himmler und Röhm häufiger Besucher der Osteria Bavaria, die heute Osteria Italiana heißt (Bild rechts). Dies schrieb in seinen Erinnerungen „Gelächter von Außen“der Schriftsteller und Anarchist Oskar Maria Graf, der Hitler einmal seine Getränkerechnung zahlen ließ und daraufhin dessen Wutausbruch erlebte. Ansonsten nahm es der spätere Führer nicht immer so genau mit den zahlen. Im Schellingsalon (Bild links), zu dessen Gästen Lenin, Berthold Brecht und Wassily Kandinsky zählten und wo Franz Josef Strauß als Kind oft Bier für seinen Vater holte, hatte der spätere Diktator Hausverbot, weil er die Zeche geprellt hatte.

Von den Gebäuden des Friedhofs sind heute nur noch Reste erhalten. Durch den von Hitler ausgelösten Weltkrieg wurde auch der Friedhof von Fliegerbomben getroffen. Rohbacksteinmauer, Tore und Rest-Arkaden wurden 1955 durch Hans Döllgast instand gesetzt. Begehrt ist die grüne Insel, weil das Gebiet nördlich des Museumsviertels und der TU München ab der Heßstraße dicht bebaut und besiedelt ist. Selbst die häufig nicht öffentlich zugänglichen Innenhöfe der Wohnblöcke weisen oft noch eine dichte Bebauung auf: Ehemalige Kleingewerbebetriebe wurden hier nach und nach durch Wohnhäuser ersetzt oder ergänzt.

Nur vereinzelt ist noch wenig Platz für Neubauten. So wurden bei der Schraudolphstraße vor der Neuen Pinakothek im Innenhof eines Quartiers ein Neubau errichtet (Bild links), auch wurde das Eckhaus zwischen Schellingstraße und Arcisstraße saniert.  

Luxussanierungen und die wenigen Neubauten können dabei das Preis- und Mietniveau von Schwabing oder gar dem Lehel erreichen. So hat der Projektentwickler Euroboden nach einem Entwurf von Claus Schuh Architekten in der Arcisstraße 57 ein Gründerzeit-Altbau von 1895 sanieren lassen und als Rückgebäude einen Neubau errichtet. Die Häuser gehen in ihrer minimalistischen achitektonischen Gestaltung und der Verwendung hochwertiger Materialien wie geöltem Eichenholzparkett eine Verbindung miteinander ein. In der Mitte erstreckt sich ein rechteckiger begrünter Innenhof. Das Ensemble soll nun zum Jahresende fertiggestellt sein. Eine 66 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung wird ab Januar 2015 für eine Monatsmiete von 1580 Euro angeboten. Wer beim alten nördlichen Friedhof gut leben will, muss zahlungskräftig sein.

 

Das Viertel in Zahlen

„Am alten nördlichen Friedhof“ ist einer von neun Bezirksteilen der Maxvorstadt, dem 3. Münchner Stadtbezirk. Im Norden bildet die Georgenstraße von der Tengstaße im Westen bis zur Nordendstraße im Osten des Stadtviertels die Grenze zum  zu Neuschwabing, dem südlichen Bezirksteil des Bezirks Schwabing-West. Östlich der Linie Nordendstraße-Barer-Straße liegt das benachbarte Universitätsviertel mit der Ludwig Maximilians Universität (LMU), die Heßstraße bildet die Grenze zum südlichen Bezirksteil „Königsplatz“, dem Münchner Museumsviertel mit der Alten und Neuen Pinakothek sowie der Pinakothek der Moderne , dem Brandhorst-Museum  sowie dem Lenbachhaus und der Glyptothek, sowie viele Institute der Technischen Universität München (TUM). Westlich der Tengstraße und der Luisenstraße liegt das Josephsplatzviertel mit der Kirche St. Joseph.

 

Einwohner: Das Viertel ist eines der am dichtesten besiedelten in München. Die Lage zwischen den Universitäten TUM und LMU spiegelt sich in dem niedrigen Durchschnittsalter der Einwohner und die sehr hohe Zahl der Single-Haushalte wider.

  

Infrastruktur: Im Westen ist das Viertel an der Haltestelle Josephsplatz an die U-Bahnlinien U2 und U8 angebunden, im Osten verkehren die Tramlinien 12 und 28 entlang der Barer Straße und der Nordendstraße. Einzelhandel erstreckt sich über das gesamte Viertel, im Nordosten befindet sich der Markt am Elisabethplatz. Im Süden schließt das Museumsviertel mit den Pinakotheken an.

 

Immobilien: Es kommt kaum Angebot auf den Markt, und wenn, dann zu sehr hohen Preisen.

 

Bilder: Innenraum Arcisstraße 57 - Euroboden; sonst: Ulrich Lohrer