Isarvorstadt: Vom Pesthauch zum blühenden In-Viertel

Früher wurde die Gegend des alten Südfriedhofs südlich des Sendlinger Tor gemieden. Nun ist das Wohnen an der Oase der Stille sehr begehrt. Am alten südlichen Friedhof ist zum In-Viertel der Isarvorstadt mutiert.

 

In der Lebensqualität-Studie 2015 der Unternehmensberatung Mercer nimmt München hinter Wien, Zürich und Auckland Platz 4 ein. Vor allem Sauberkeit und Sicherheit werden gelobt. Dies war nicht immer der Fall: Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt von schrecklichen Seuchen befallen.

Unhygienisches Nutz- und Abwasser sowie Bisse von Ratten und Flöhe verbreiteten die Bakterien von Pest und Cholera und führten zu verheerenden Epidemien. Die Tradition des Münchner Schäfflertanzes soll von der Zunft der Fasshersteller nach der Pestepidemie 1517 ins Leben gerufen sein, um den verängstigten Menschen Mut zu machen, die sich angeblich nicht mehr auf die Straßen trauten. Weil das Münchner Sterberegister für dieses Jahr keine auffällige Todesraten aufweist, wird dieses Pestjahr von Kritikern bestritten.

Im Pestjahr 1563 reichten dann die innerhalb der Stadtmauer gelegenen Gottesäcker nicht mehr aus: Es musste ein Pestfriedhof vor dem Sendlinger Tor angelegt werden. 60 Jahre später beschloss der Magistrat während des Dreißigjährigen Krieges die Schleifung der Friedhofsmauer, um den protestantischen Schweden keinen Belagerungsschutz zu bieten. Dennoch ergaben sich die Münchner kampflos. Als die Soldaten von Gustav Adolf II. zwei Jahre später nach der verlorenen Schlacht bei Nördlingen abmarschierten, zogen stattdessen spanische Truppen – und mit ihnen die Pest – ein.

1635 sinkt die Bevölkerungszahl von 22.000 auf 9000 Einwohner. Als die Schweden später gegen Ende des Krieges nochmals vor München auftauchten und in der Schlacht bei Dachau  verloren, wurden die getöteten Protestanten sogar in dem katholischen Pestfriedhof bestattet.

Reformer erheben Armen-Gottesacker zum Münchner Centralfriedhof

Kein Wunder, dass die Gegend um den Armenfriedhof lange unbebaut blieb und keinen guten Ruf hatte. Erst 150 Jahre später sorgte der Amerikaner Benjamin Thompson, der im Dienste des bayerischen Kurfürsten als Graf Rumford Bayern reformierte, für eine Besserung der Zustände. Auf seine Veranlassung hin wurden die Stadtmauern geschleift, die alten Friedhöfe innerhalb der Stadt zugunsten der Anlage am Sendlinger Tor aufgelöst und vom Landschaftsarchitekten Ludwig von Sckell die Chaussee zwischen Karls- und Sendlinger Tor entworfen. Ein kurfürstliches Dekret verbot nun jegliche Bestattung innerhalb der Stadt und erhob den Armenfriedhof gegen heftige Proteste der Bürger zum neuen Münchner Centralfriedhof.

Doch erst nach 1817 wurde die Sonnenstraße unter dem obersten Baubeamten des jungen Königreichs, dem Stadtplaner, Architekten und Volkswirt Gustav Vorherr fertiggestellt. Vorherr hatte die Straße sowie die neue Ludwigsvorstadt nach Prinzipien der Sonnenbaulehre des Bückeberger Leibarztes Bernhard Christopg Faust anlegen lassen. Die Sonnenbaulehre sah die südliche Ausrichtung der Häuser in Richtung Sonne, eine gute Durchlüftung sowie grüne Gärten an den Häusern vor, um so für die Gesundheit der Bewohner beizutragen.

Vorherr, der 1806 bei Jean-Nicolas-Louis Durand an der École Polytechnique in Paris studiert hatte und als gemäßigter Vertreter der französischen Revolutionsarchitektur gilt, erweiterte und gestaltete auch den Südfriedhof völlig neu. So legte er dessen Grundriss wie auch noch heute ersichtlich entsprechend der „architecture parlante“ im in Form eines Sarkophags an. Bereits 1818 wurde aber Vorherr vom König Ludwig I als oberster Baubeamter entlassen, der statt dessen seinen Protegé Leo von Klenze das Amt übergab. 1850 musste der neue vom König favorisierte Architekt, Friedrich von Gärtner die Anlage nach Süden bis zur Schmerzhaften Kapelle erweitern. Er griff dabei auf die italienische Friedhofsform eines Campo Santo zurück und legte diesen quadratisch mit Arkadengängen an. Begraben sind im alten Südfriedhof nicht nur der Maler Carl Spitzweg, der Bildhauer Ludwig von Schwanthaler sondern auch die Architekten Gustav Vorherr, Friedrich von Gärtner und Leo von Klenze. Als später Arnold Zenetti den (heute alten) nördlichen Friedhof bei Schwabing anlegte, gewann der alte Südfriedhof durch die Bestattung reicher Unternehmer wie den Patriarchen der Brauereien Pschorr oder Sedlmayr an Exklusivität.

Bebauung mit Mietshäuser ab 1875

Westlich des Friedhofs wurde 1850 das städtische Gaswerk errichtet und danach ständig erweitert. Dies verhindert auch lange eine durchgängige Bebauung mit Wohnhäusern. Erst der von Baurat August Voit 1875 entworfene Generalplan sah im Zusammenhang mit dem von Arnold Zenetti geplanten Bau des Schlachthofs westlich des Kapuziner Klosters die Anlage der Häberl-, Kapuziner-, Mai- und Waltherstraße sowie des Kapuziner- und Goetheplatzes und eine Wohnbebauung vor. Bis 1900 war das Viertel am Südfriedhof dann weitgehend mit Mietshäusern der Baumeisterfamilien Barbist, Baudrexel und Könyves und der Architekten Kaspar Griner, Franz Hammel, Charles Hennek, Wolfgang Schreiner sowie Ludwig Marckart und Max Ostenrieder bebaut.

Auch gab es viele kleinere und auch größere Internehmen. So siedelten sich am Kapuzinerplatz die Thomas-Brauerei mit dem heute noch erhaltenen Stammhaus von Hans Grässel sowie die Weizenbrauerei Max Schramm in der Maistraße an. Nur wenige sind erhalten geblieben. Ein schönes Beispiel ist das Mietshaus mit der noch heute im Betrieb befindlichen Spenglerei von Lorenz Sporer in der Rothmundstraße 6 (Bild links).

Statt Gasfabrik moderne Kliniken

Als 1909 das Gaswerk in die Dachauer Straße verlegt wurde, entstanden auf dem Areal die von Franz Kollmann entworfene Frauenklinik Maistraße (1914) und das  Pathologische Institut (1928) sowie den für die moderne Münchner Architektur bedeutenden Klinik-Hochhausbau (1928  - Bild lins unten) von Richard Schachner

Verdichtung durch moderne Wohnanlagen

Mitte der 1980er-Jahre ersetzte die Bayerische Hausbau die Thomasbräu durch die Wohnanlage Thomashöfe im Stil einer wenig attraktiven Postmoderne. Noch enger bebaut ist die um 2010 vom Projektentwickler JK Wohnbau (heute Isaria Wohnbau) nach Plänen von Maier Neuberger Architekten errichtete Wohnanlage Isar Living in der Maistraße 41 und Isar de Luxe in der Waltherstraße 7. Als „langweilig und fantasielos“ wurde damals die Architektur vom Bezirksausschuss kritisiert.

Längst kein Viertel für Arme mehr

Zu dem Areal gehört auch das 1912 errichtete AOK-Haus in der Maistraße 43 - 47. Es wurde zum Isarstadtpalais mit 156 Eigentumswohnungen im höheren Preissegment umgebaut. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde das von Hans Grässel  1913 erbaute Arbeitsamt (Bild links unten) vom französischen Designer Philipp Stark für Luxuswohnungen der Marke Yoo umgestaltet und um 2010 für 7000 Euro pro Quadratmeter verkauft.

Mittlerweile wird im Viertel auch für normale Wohnungen so viel gezahlt. So wird ein 52-Quadratmeter-Apartment in der Waltherstraße zur Versteigerung vom Amtsgericht München ab 382.000 Euro (7300 pro Quadratmeter) offeriert.  Und der Makler von Poll bietet eine 89-Quadratmeter-Wohnung an dem Eckhaus der stark befahrenen Lindwurm- und Kapuzinerstraße für 540.000 Euro an. Aufwendig sanierte Mietshäuser, wie das in der Häberlstraße 21, heimsen nun Fassadenpreise ein.

Die ehemals vom Pesthauch umwehte Gegend ist zum bühenden In-Viertel mutiert. Statt den Pestkarren rattern hier nun die Fahrzeuge der Handwerker und Innendesigner im Gebiet des alten Südfriedhof.

 

Das Viertel in Zahlen

 

Während der alte Südfriedhof während seiner Entstehungszeit noch außerhalb der Stadtgrenzen lag, ist das Gebiet nun eines der zentral gelegenen Viertel Münchens. Am alten südlichen Friedhof ist heute ein Bezirksteil des 2. Münchner Stadtbezirks Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Der nördliche Punkt befindet sich am Sendlinger-Tor-Platz gegenüber der Altstadt. Die Lindwurmstraße begrenzt das Viertel nordwestlich zum gegenüberliegenden Bezirksteil Ludwigsvorstadt-Kliniken. Die südwestliche Grenze zum Schlachthofviertel und zum Dreimühlenviertel ist die Kapuzinerstraße.

Die Pestalozzistraße, die im südlichen Bereich am wieder offengelegten Westermühlbach verläuft, bildet die östliche Grenze zum Glockenbachviertel. Dort wo diese in die Müllerstraße einmündet, begrenzt die Müllerstraße bis zum Sendlinger-Tor-Platz den Bezzirksteil am alten südlichen Friedhof zum gegenüberliegenden Angerviertel der Altstadt.

Einwohner: Zwei Drittel der Bewohner des sehr dicht besiedelten Viertels sind Singles. Das Durchschnittsalter ist realtiv niedrig, doch der Anteil an Haushalten mit Kindern eher gering.

 

Infrastruktur:  Es besteht Anschluss an die U-Bahn (Sendlinger-Tor-Platz: Linien U1, U2, U3, U6, U7, U8; Goetheplatz: Linie U3, U6). Das Viertel liegt direkt an der Altstadt mit einer der höchsten Einzelhandelsdichte Deutschlands. Der alte Südfriedhof ist zugleich Münchens älteste Grünanlage.

 

Immobilien: Das Viertel ist mittlerweile ein fast reines Wohngebiet mit nur noch wenigen Kleingewerbebetrieben. Es gibt fast ausschließlich Geschosswohnungsbauten. Mietshäuser um 1900 sind vorherrschend.

Text: Ulrich Lohrer, erstellt am 12.01.2016

Fotografien: Ulrich Lohrer