Der Wandel von Tölz

Bad Tölz und München verbindet nicht nur die Isar. Nun entdecken die Großstädter die Kurstadt mit der berühmten Marktstraße als Wohnort wieder.

 

Auf dem Areal des ehemaligen Alpamare befindet sich statt Wasserrutschen und Deutschlands erstem Brandungswellenbad nur noch eine eingezäunte Wiese. Seit Schließung des Spaßbades 2015 können sich die Grundstückseigentümerin  und die Stadt Bad Tölz nicht über die künftige Nutzung des Areals einigen. 

Die Jodquellen AG (kurz: Jod AG) wollte auf ihrem Alpamare-Gelände Wohnhäuser errichten. Nachdem der Stadtrat mehrere Baupläne abgelehnt hatte, verkaufte die Jod AG das Grundstück an einen ungenannten Bauträger, dem es jedoch nicht anders erging. Die Stadt will für das Badviertel, etwa auch für den kurz davor geschlossenen, noch im Eigentum der Jod AG befindlichen Jodquellenhof, eine touristische Nutzung. Anton Hoefter, der nach seinem Großvater und seinem Vater die Jod AG als Vorstandsvorsitzender leitet, sieht allein darin aber keine wirtschaftliche Zukunft.

Seit Jahren gehen in Bad Tölz die Übernachtungszahlen zurück. Selbst in den besten Monaten bleiben über 40 Prozent der Hotelbetten leer. Der Stadt fehlt eine Attraktion wie das Alpamare. Die Entwicklung eines städtischen SPA wurde aber abgebrochen, da aufgrund neuer Bäder  in der Region – 2017 eröffnete in Kochel das Trimini, dieses Jahr das sanierte Seebad in Starnberg und bald bietet Tegernsee eine ausgebaute Seesauna – keine Auslastung zu erwarten ist.

 

Nun stellte Hoefter ein neues Konzept für das Tölzer Kurviertel vor: Ein Mix aus Arbeiten, Wohnen, Gastronomie und Kultur soll das Badviertel wiederbeleben. „Wir stellen uns eine Durchmischung vor, die gegenseitiges Befruchten ermöglicht“, so Hoefter. Entstehen soll im Jodquellenhof wieder ein Hotel, Wohnhäuser für Familien auf dem Alpamare-Gelände und am Herderpark ein Platz für Spiel, Sport und Konzerte für junge Leute. In der denkmalgeschützten, 1930 von Heinz Moll erbaute Wandelhalle sind ein Restaurant, dahinter ein Veranstaltungssaal, zwölf bis 15 Mietwohnungen und ein Raum für Kunst vorgesehen. Im Herderhaus sollen Satellitenbüros und Co-Working-Areas entstehen. 

Das Konzept setzt auf die Ansiedlung von Erwerbstätigen, die vom teuren München in landschaftlich reizvolle Gegenden fliehen und über Homeoffice und gelegentlichem Pendeln ihr Einkommen erzielen. Der Plan könnte aufgehen – und es wäre nicht die erste erfolgreiche Wandlung von Bad Tölz.

Tölz behauptet sich.

Bereits ab 550 siedelten sich Bajuwaren auf dem Ried am östlichen Isarufer, dem heutigen Mühlfeld, an. Schmiede und Wagner, später Mühlenbetreiber, die von der Salzstraße aus Reichenhall profitierten, ließen sich dort nieder. Flößer, Kalkbrenner und andere Handwerker siedelten sich unweit davon am Gries an. Gries und Mühlfeld wurden durch den Sämerpfad (ab 1624: Marktstraße) verbunden, wo im Mittelalter Lager und Wirtshäuser entstanden. Tölz wurde nach dem fürstlichen Lehensträger Hainricus de Tolnze (Heinrich von Tollenz) benannt, der dort 1180 die erste Burg errichten ließ. Später gelangten die Wittelsbacher in deren Besitz.

 

Für Wohlstand sorgten neben dem Salzhandel die Wälder der oberen Isar. Aufgrund des großen Bauholzbedarfs von München prosperierte die Tölzer Flößerei. Deren Zunft war 1320 mächtig genug, den umliegenden Bauern die Flößerei ihres eigenen Holzes zu verbieten. Dann zerstörte „der große Brand“ von 1453 die Bauten der Marktstraße, des Grieses, Stadtpfarrkirche und Burg.

Mit Geldern von Herzog Albrecht III von Bayern und unter Leitung seines Stadtpflegers Kaspar Winzerer bauten die Tölzer alles wieder prächtig auf. 1476 entstand mit der ersten Biersiederei ein Handwerk, das neuen Wohlstand brachte: Wegen der kühlen Tuffsteinkeller an der Marktstraße und der Flussnähe entstanden 22 Brauereien, die die Münchner mit Bier versorgten. Dazu zählt auch der Klammerbräu, in der der Posthaltersohn August Hoefter, ein Ahne von Anton Hoefter eingeheiratet hatte und die Grundlage für das Familienvermögen geschaffen hatte.

 

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verlor die Flößerei wegen der Eisenbahnlinie Holzkirchen – Tölz an Bedeutung, mit der Erfindung moderner Kühltechnik durch Carl von Linde verloren die Tölzer Brauereien ihren Wettbewerbsvorteil.  

Jodwasser statt Bier

Da erfand sich Tölz als Bäder- und Erholungsort neu. Nachdem 1846 am Sauersberg Deutschlands stärkste Jodquellen entdeckt wurden, gründeten Karl Raphael Herder und Gustav Höfler 1856 das Jodschwefelquellen- und Jodsodamineralbad. 1899 wurde dem Ort der Titel „Bad“ verliehen. Der Münchner Architekt Gabriel von Seidl gestaltete das verfallene Stadtbild durch zahlreiche Gebäude, vor allem entlang der Marktstraße, im Heimatschutzstil neu.

Prominente bauten sich großbürgerliche Villen. So ließ sich der Schriftsteller Thomas Mann 1908 von Hugo Röckl, einem Neffen von Gabriel von Seidl, in der Heißstraße ein Haus erbauen, das er 1917 verkaufte. Den Erlös legte er verlustbringend in Kriegsanleihen an.

1928 veräußerte auch Anton Hoefter, der Großvater des heutigen Vorstandsvorsitzenden der Jod AG, seine Aktienbräu an die Münchner Löwenbräu und erwarb mit dem Verkaufserlös die Aktienmehrheit der Jod AG. 1929 bis 1930 ließ er nach einem Entwurf der Architekten Ernst Moll und Ernst von den Velden mit 110 Metern Länge und 15 Metern Breite die damals größte Wandelhalle in Europa unter Bauleitung des Architekten Josef Hillerbrand erbauen. Dieser plante dann 40 Jahre später für die Hoefters das Alpamare.

Während die Zahl der Hotelgäste nun rückläufig ist, kann sich die Stadt über zu wenig Kaufinteressenten von Wohimmobilien nicht beklagen. „Seit 2009 steigen in Bad Tölz die Immobilienpreise. Der Markt ist sehr angespannt, da die Nachfrage deutlich größer als das Angebot ist und es kaum Neubauten gibt“, sagt Marc Eickernhorst, Gesellschafter von Eickernhorst Immobilien in Bad Tölz. Die Käufer kommen von auswärts: Familien aus dem Raum München und Ruheständler von überall. „Zu den Toplagen zählen der Kalvarienberg, der Rehgraben und der Klammerweiher mit Kaufpreisen für Bestandswohnungen von 6500 bis 7500 Euro pro Quadratmeter“, so Eickernhorst. Die aktuellen Bauprojekte – Hintersberg II mit 38 Parzellen im Norden und die Wohnanlage am Rehgraben der Lenggrieser Baugenossenschaft – richten sich aber an einheimische Familien.

 

Die Stadt in Zahlen

Bad Tölz ist die Kreisstadt des Landkreises Bad Tölz – Wolfratshausen. Die Kurstadt an der Isar liegt rund 50 Kilometer südlich von München. Umgeben wird Bad Tölz im Uhrzeigersinn von Norden nach Süden von den Gemeinden Dietramszell, Sachsenkam, Reichersbeuren, Greiling und Gaißbach. Westlich grenzt an Bad Tölz die Gemeinde Wackersberg an.

 

Einwohner: Obwohl in den vergangenen 30 Jahren sich durch Zuzug die Einwohnerzahl von Bad Tölz um knapp 35 Prozent erhöhte, ist das Durchschnittsalter gestiegen.

Infrastruktur: Der Bahnhof Bad Tölz wird im Stundentakt von den Zügen der Bayerischen Regionalbahn der Strecke München - Lenggries angefahren. Zudem verkehren mehrere Buslinien des Obernbayernbus und des MVV. Zentrum für Einzelhandel und Gastronomie ist die Marktstraße, beim Flint-Campus gibt es mehrere Shoppingcenter (Aldi, Edeka).

Immobilien: Die Bad Tölzer Kaufpreise sind seit 2009 stark gestiegen und liegen im oberen Bereich des Landkreises, aber deutlich unter dem Münchner Preisniveau. 

Bilder und Text: Ulrich Lohrer, Stand 11.10.2021