Daglfing droht die SEM

Die Stadtplaner wollen im ländlichen Münchner Bezirksteil Daglfing im Osten von München große Wohnquartiere bauen. Auch die Deutsche Bahn will dort neue Gleisbauten errichten. Die Anwohner sind nicht begeistert.

 

 

Daglfing wurde als „ad Tagolfingas“  – dem Gebiet von Tagolf – bereits 839 erstmals genannt. In dieser Zeit gab es schon eine Kirche – zumindest wurde sie 845 in einer Schenkungsurkunde erwähnt.

Obwohl es 1930 mit den damaligen Gemeindeteilen Denning, Englschalking und Johanneskirchen in München eingemeindet wurde, hat sich der Bezirksteil mit dem alten Dorfkern um die Kirche St. Philipp und Jakob sein ländliches Erscheinungsbild bewahrt. Mit der von dem Münchner Referat für Stadtplanung und Bauordnung gewünschten und vom Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) unterstützten städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) soll sich dies bis 2030 aber grundlegend ändern.

Stadtplaner sehen im Münchner Nordosten eine der letzten Bebaungsreserven

Denn die Münchner Stadtplaner wollen die Äcker und Wiesen im Münchner Nordosten künftig als ein riesiges Wohngebiet erschließen. Nachdem die freien Flächen der Landeshauptstadt nahezu verplant sind, sollen im kommenden Jahrzehnt die weitgehend noch unbebauten  Flächen östlich der S-Bahnlinie S8 als Neubaugebiet für 30.000 Menschen und für 10.000 Arbeitsplätze erschlossen werden.

Grundstücksbesitzer befürchten Enteignung durch die Stadtverwaltung

Da eine SEM in letzter Konsequenz gegen nicht verkaufswillige Grundstückseigentümer eine Enteignung vorsieht, formiert sich seit Bekanntwerden der SEM Nordost Widerstand. So lehnen die in der Initiative HeimatBoden organisierten Grundstückseigentümer die Erschließung grundsätzlich ab. Die im Bündnis NordOst zusammengeschlossenen Bürger und Organisationen unter der Leitung der Bürgerinitiative Lebenswertes Daglfing wollen dagegen eine Bebauung nicht grundsätzlich vermeiden, sofern die Erschließung ausreichend Grünflächen vorsieht, die Rechte der Grundeigentümer wahrt und die Stadt auch für eine ausreichende Infrastruktur sorgt. Sie fordern unter anderem die Rücknahme der SEM und dafür ein kooperatives Stadtentwicklungsmodell.

 

Große Koalition gespalten zur SEM-Politik

Da im nächsten Jahr in München Wahlen anstehen, ist die SEM Nordost längst auch Wahlkampfthema. Nachdem Oberbürgermeister Reiter aufgrund von Protesten im Juni vergangenen Jahres die SEM Nord in Feldmoching zurückgezogen hatte, ist es für die Eigentümer im Nordosten der Stadt noch weniger einzusehen, warum die SEM Nordost auf ihre Kosten durchgezogen werden soll.

Aus Angst vor einem Wahldebakel steht die Große Koalition aus SPD und CSU im Münchner Rathaus keinesfalls geschlossen zur SEM Nordost. So kündigte Bürgermeister Manuel Pretzl (CSU) im Februar 2019 an, dass seine Partei die SEM Nordost mit den möglichen Enteignungen nicht weiter mittragen werde, während die Grünen unter ihrer Oberbürgermeister-Kandidatin Katrin Habenschaden und SPD weiterhin die SEM Nordost durchsetzen wollen.

 

Projekt mit mehr Zugverkehr.

Die Stadtplaner hatten die städtebauliche Entwicklung auch mit einer Tieferlegung der S-Bahnstrecke – die den östlichen Teil von Bogenhausen zerschneidet – oder einem Tunnel schmackhaft machen wollen. Doch die Deutsche Bahn ist nicht bereit dies zu finanzieren. Würde die Stadt die extrem hohen Kosten übernehmen, käme ihr für die Finanzierung die günstige Grundstücksübernahme mithilfe der SEM in Daglfing entgegen.

Die Bahn will aber ab etwa 2026 im Süden des Viertels die sogenannte Daglfinger Kurve bauen, um damit den Münchner Eisenbahn-Nordring direkt an den Umschlagbahnhof Riem sowie an die Strecke München-Mühldorf-Freilassing anzubinden. Weiter südlich soll zudem die Truderinger Kurve zwischen Trudering und dem Umschlagbahnhof Riem eine direkte Verbindung für den Güterverkehr aus Italien und Österreich schaffen – und damit ein wichtiges Anbindungsstück für den Verkehr vom und zum künftigen Brennerbasistunnel herstellen.

 

Auch von diesem Projekt sind etliche Anwohner kaum begeistert, erwarten sie doch trotz geplanter Lärmschutzwälle einen Anstieg des Bahnverkehrslärms.Damit hatten die Daglfinger wohl nicht gerechnet, als sie nach mehreren Anläufen ihres letzten Gemeinde-Bürgermeisters, dem Ziegelei-Besitzer Wilhelm Flaschenträger (1886 – 1930), 1930 in München eingemeindet wurden.

Trabrennbahn-Ende absehbar.

Südlich des alten Dorfkerns entstanden dann etliche Einfamilien- und Reihenhäuser mit großen Gärten. Aktuell werden nur vereinzelt alte Einfamilienhäuser durch Neubauten ersetzt und notwendige Infrastrukturmaßnahmen – wie etwa im Norden die Erweiterung des Schulbaus der Rudolf-Steiner-Schule – verwirklicht.

In Daglfings Süden befindet sich seit 1902 auch die Münchner Trabrennbahn, deren Wettsteuer bis zur Eingemeindung von Daglfing die wichtigste Einkommensquelle der Gemeinde war. 2005 wurde das 20 Hektar große Areal aufgrund finanzieller Schwierigkeiten an die Innernzeller Unternehmensgruppe Karl verkauft, die das Gelände erschließen will und die Trabrennbahn nach Maisach verlagern möchte. 2016 einigten sich die Baufirma und der Traberverein nach jahrelangem Rechtsstreit, dass die Traber die Bahn in Daglfing noch bis mindestens 2022, wahrscheinlich aber bis 2025 nutzen dürfen. Der Verein erhält von der Baufirma 3,8 Millionen Euro und wird durch die Baufirma entschuldet.

Weil die städtebaulichen Maßnahmen im Norden des Bezirksteils sich auch wegen der Bürgerinitiativen einige Jahre verzögern dürften, bekommt Daglfing wohl etwa noch eine Gnadenfrist von knapp zehn Jahren, bis die großen Baumaßnahmen beginnen.

 

Das Viertel in Zahlen

 

Daglfing ist der südöstlichste Bezirksteil des 13. Münchner Stadtbezirks Bogenhausen. Im Westen bildet das S-Bahngleis der Line S8 die Grenze zum Nachbarviertel Englschalking. Nördlich des alten Dorfkerns von Daglfing befindet sich der Bezirksteil Johanneskirchen. Im Osten grenzt Daglfing entlang des Flusses Hüllgraben an Trudering-Riem.

Einwohner: Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt etwas über dem Schnitt der Stadt, der Ausländeranteil deutlich darunter.

Infrastruktur: Mit dem S-Bahnhof Daglfing besteht Anschluss an die Flughafen-S-Bahnlinie (S8), die via München zwischen Flughafen München und Herrsching verkehrt. Daglfing ist zudem mit einer eigenen Anschlussstelle an die Bundesautobahn A 94 angebunden. Einkaufsmöglichkeiten bietet der Edeka in der Daglfinger Straße. Die Trabrennbahn und die Grünflächen im Norden des Viertels bieten Freizeitmöglichkeiten.

Immobilien: Aktuell werden kaum Mietwohnungen oder Eigentumswohnungen im Viertel angeboten. Neubauten werden nur vereinzelt und privat durchgeführt.

 

 

Ulrich Lohrer, Stand 17.09.2019