Freising: Der Südwesten um das Seilerbrückl

Freising verzeichnete in dem vergangenen Jahrzehnt eine außergewöhnlich große Zuwanderung. Vor allem Familien zieht es in die alte Domstadt mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt unter Bayerns Städten. Im Südwesten entstehen bei den Schlüter-Hallen nun Hunderte neue Wohnungen. 

 

Freising wächst rasant. In der Domstadt wohnen seit 2017 mehr als 50.000 Menschen, die Gesamteinwohnerzahl hat sich allein in den vergangenen zehn Jahren um knapp zehn Prozent erhöht.

Im vergangenen Jahr hat sich der Zuzug wegen Corona abgeschwächt. So weist der angrenzende Flughafen München (FMG) – seit seiner Eröffnung im Jahr 1992 einer der Hauptwachstumstreiber von Freising – aktuell einen drastischen Einbruch auf. Die Passagierzahlen gingen von 47,9 Millionen (2019) auf 11,1 Millionen (2020) und die Flugbewegungen von 417.000 (2019) auf 147.000 (2020) zurück.

Als Miteigentümer des FMG schießt der Bund Steuergelder für zusätzliches Eigenkapital zu, auch schnürt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) aktuell an einem Rettungspaket für die deutschen Flughäfen. Doch wenn die Pandemie weitgehend besiegt ist, wird von vielen von einer Fortsetzung der Freisinger Wachstumsgeschichte ausgegangen.

Um den Zuzug – vor allem aus dem Ausland, aber auch aus dem Umland – neuer Einwohner zu stemmen, hat die Stadt im vergangenen Jahrzehnt zahlreiche neue Wohnfelder erschlossen. Das aktuell größte Bauvorhaben befindet sich im Südwesten von Freising, im Ortsteil Seilerbrückl unterhalb des ehemaligen Klosters Weihenstephan, an der Angerstraße, gegenüber dem ehemaligen Schlüter-Fabrikareal.

Historisch wurde der Bereich südlich des Weihenstephaner Bergs bis über das nördliche Seilerbrückl hin zur Isar vorwiegend für landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Die Gartenstraße erhielt ihren Namen aufgrund des seit dem Spätmittelalter existierenden „Oberen Krautgartens“. Dies entsprach in etwa den heutigen Schrebergärten für die Freisinger Bevölkerung. Im Bereich der Isarauen befand sich einst der Fürstbischöfliche Tiergarten, der zur Aufzucht von Wild für die Hofjagd genutzt wurde. An der Moosach, unterhalb von Weihenstephan, befindet sich auch die im 18. Jahrhundert erbaute Veitsmühle. Am Wohnhaus (Veitsmüllerweg 4) wurde die barocke Holzplastik des St. Wendelin, dem Schutzpatron der Hirten, angebracht.

1888 wurde gegenüber das Städtische Elektrizitätswerk, ein zweigeschossiger kubischer Bau mit Neurenaissancefassade errichtet. Denn der Bahnanschluss im Jahr 1859 brachte Freising nicht nur das neue Bahnhofsviertel mit gründerzeitlichen Bauten entlang der Bahnhofstraße und der Martin-Luther-Straße, sondern weiter südlich die Ansiedlung von Industrie wie die Maschinenfabrik Stein-ecker, die Freisinger Maschinenfabrik Otto Schülein und die Schlüterwerke. Und diese benötigten Strom vom Elektrizitätswerk.

 

Das Erbe von Anton Schlüter.

Vor allem der im Sauerland geborene Mechaniker Anton Schlüter, der auf der Walz nach Freising kam und hier 1899 sein Unternehmen „Anton Schlüter München“, das bald Traktoren herstellte, expandierte kräftig.

1911 erwarb er die Maschinenfabrik Otto Schülein und wandelte sie in eine Gießerei um. Zudem kaufte er die weiter südlich gelegene Schmidtbauernmühle und ließ sich von dem Münchner Bauunternehmer Jakob Heilmann und seinem Schwiegersohn, dem Architekten Max Littmann, einen Gutshof errichten. Der Schlüterhof diente nicht nur als Wohnsitz, sondern auch als Entwicklungswerkstatt zur Erprobung von Traktoren. Zudem ließ Schlüter von Heilmann & Littmann ein drittes Werk für seine Traktorenfabrik im klassizierenden Jugendstil errichten.

Als 1993 das Unternehmen 1993 wegen Konkurs schließen musste, stand das denkmalgeschützte Werk mit den zwei markanten Türmen lange leer, bis die Hallen schließlich 2009 renoviert und zum Einkaufszentrum umgestaltet wurden. Das Schlütergut wurde bereits zuvor verkauft und  ist heute Sitz der ehemaligen staatlichen Molkerei Weihenstephan, die im Jahr 2000 von der Unternehmensgruppe Theo Müller übernommen wurde.

Auf der nördlichen Seite, an der Angerstraße, hat die Büschl Unternehmensgruppe eine 7,4 Hektar große ehemalige Gewerbefläche erworben und entwickelt dort den Angerbogen. Der Entwurf des Quartiers mit rund 600 Wohnungen stammt von den Münchner 03Architekten und dem Freisinger Landschaftsarchitekturbüro Ver.de, die 2016 den dafür ausgelobten städtebaulichen Wettbewerb gewonnen hatten.

Mittlerweile hat Büschl mit dem Bau und – über die KWAG – den Vertrieb der Wohnungen begonnen. Aktuell werden 61 Eigentumswohnungen mit Wohnflächen von 25 bis 129 Quadratmeter zu Preisen von rund 200.000 bis 920.000 Euro angeboten. Der nordöstliche Bereich wird von Project Immobilien realisiert. Derzeit wohnen im Bereich Freising-Südwest, der Neulandsiedlung sowie im Seilerbrückl etwa 4.000 Menschen. Bei der geplanten Fertigstellung 2023 des Angerbogen werden es knapp gutes Viertel mehr sein.

Außer der guten Versorgung durch das Einzelhandelscenters am Schlüter-areal und der Anbindung an den Bahnhof mit S-Bahn- und Regional-Express-Anschluss, können sie ein reichhaltiges Freizeitangebot mit der nahen Auenlandschaft der Isar und der Moosach, sowie dem Bildungszentrum Gartenstraße und der Kletterhalle des Alpenvereins nutzen.

Nicht schlecht für die Neubüger – wenn sie nach den Zeiten von Corona wieder verstärkt nach Freising ziehen sollten.

 

Das Viertel In Zahlen

Einwohner: Freising hat unter Bayerns Städten das geringste Durchschnittsalter.

Infrastruktur: Der Südwesten von Freising ist über den Bahnhof an die S-Bahn-Linie S1 und den RegioExpress angeschlossen. Die Autobahnzufahrt Freisinger Mitte führt zur A92 und damit zur Nürnberger Autobahn A9 und zum Flughafen München. Einkaufsmöglichkeiten bieten die Schlütter-Hallen. Freizeitoptionen sind mit der Auenlandschaft der Isar und der Moosach gegeben.

Immobilien: Die Neubauwohnungen an der Angerstraße werden im Schnitt für 7.400 Euro pro Quadratmeter angeboten. Zudem entstehen dort Mietwohnungen.