Geretsried: Bauoffensive westlich der Isarauen

Der ehemalige Lager- und Flüchtlingsort verwandelt sich durch große Bauprojekte wie die Neue Mitte und dem Stadtquartier an der Elbestraße in eine moderne Stadt. 

 

Obwohl  Geretsried bereits vor 938 Jahren erstmals erwähnt wurde, verdankt die heute größte Stadt des oberbayerischen Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen ihre Bedeutung einem dunklen Kapitel ihrer jüngeren Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs verwandelte sich das Dorf durch Zwangsarbeiter und durch heimatvertriebene Flüchtlinge zu einer bevölkerungsreichen Gemeinde. 

In der Schenkungsurkunde von 1083, nach der Norbert von Taur-Hohenwart, Bischof von Chur, die Schwaige zu „Gerratesried“ dem Chorherrenstift von Habach übertrug, wurde der Ort erstmals schriftlich erwähnt. Später gelangte die Schwaige zeitweilig in den Besitz der Wittelsbacher, die sie 1297 dem Kloster Fürstenfeld bei Bruck schenkt. Kulturhistorische Bedeutung hat die barocke Nikolauskirche, die nach dem Brand ihres hölzernen Vorgängerbaus 1722 im Auftrag des Fürstbischofs von Freising erbaut wurde.

Bedeutung erlangte die bis dahin kaum besiedelte Gegend an den Isarauen südlich von Wolfratshausen im Januar 1938. Zu diesem Zeitpunkt begann im Auftrag des Reichsrüstungsministeriums und des Oberkommandos des Heeres (OKH) im Wolfratshauser Forst auf einer Gesamtfläche von 720 Hektar der Bau des Werkes zur Verwertung Chemischer Stoffe durch den Konzern Dynamit A.G. (DAG) und des Werkes Deutsche Sprengchemie (DSC) durch den Konzern Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff A.G. (WASAG). Zu dieser Zeit entstehen auch die Wohnsiedlungen für Angestellte sowie Massenwohnlager für Arbeiter der beiden Werke im Lager Stein, Buchberg und Föhrenwald.

Die in fünf Jahren errichteten Gebäude werden solide gebaut, mit Erdwällen umschichtet und die Dächer zur Tarnung mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt. Die Bahnen und Betonstraßen der Rüstungswerke bestimmen heute noch das Stadtbild Geretsrieds. Von 1939 bis 1940 entstand nach Plänen von Paul Wenz als Verwaltungsgebäude der Sprengstoffwerke ein zweigeschossiger Zweiflügelbau. Das Gebäude mit barockisierenden Heimatstilformen und Eingangsturm wird nun als Rathaus genutzt (Bild links oben). Nach Plänen von Wenz wurden zudem die sogenannten Ingenieurhäuser errichtet, darunter das, in dem sich heute das Museum der Stadt Geretsried befindet (Bild links).

Unter den rund 4000 Arbeitern der DAG (Tarnname Tal I) und der DSC (Tal II) befinden sich neben den deutschen Ingenieuren Dienstverpflichtete und Fremdarbeiter aus den damaligen Bündnisstaaten Deutschlands. Nach Kriegsbeginn werden die Rüstungsarbeiten zunehmend von Zwangsarbeitern ausgeführt, vornehmlich Polen, Russen, Franzosen, Belgier und Niederländer, auf deren Gesundheit keine Rücksicht genommen wurde. Bei Missachtung der Befehle werden Strafen wie Doppelschichtarbeiten oder Prügel verhängt.

Nach Kriegsende werden die Rüstungsbetriebe im Auftrag der amerikanischen Besatzung zerstört oder demontiert, das ehemalige Lager Föhrenwald wird zum Auffanglager für „Displaced Persons“, vorwiegend Juden, die der Ermordung durch das NS-Regime entgangen waren. In Schneiderwerkstätten Friseur- und Schusterläden bereiten sie sich auf die Auswanderung nach Israel, in die USA oder Kanada vor.

Am 7. April 1946 trifft in Geretsried auch der erste Transport von 554 Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland ein. Es sind vorwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen, die in das Lager Buchberg der DAG eingewiesen werden. Später folgen die überlebenden Männer aus der Kriegsgefangenschaft. Erster Bürgermeister der Gemeinde wird 1950 der Flüchtling Karl Lederer aus Graslitz.

Durch den Fleiß der Vertriebenen entstanden Wohnanlagen und Unternehmen. Firmen der Chemie- (Rudolf Chemie, Pulcra Chemicals), Maschinenbau- (Deckel Maho Gildemeister, Gämmerler) und Logistikbranche stellen heute die meisten Arbeitsplätze in Geretsried.

Nach einem guten halben Jahrhundert, nachdem Geretsried unter Bürgermeister Heinz Schneider 1970 zur Stadt erhoben wurde, durchläuft sie mit der „Neuen Mitte“ ihre neueste Verwandlung: Gegenüber dem Rathaus wurde 2020 als markanter Hochpunkt am Karl-Lederer-Platz das achtgeschossige Wohn- und Geschäftsgebäude „Puls G“ mit zentraler Tiefgarage sowie das daran angrenzende Wohn- und Geschäftshaus „Centrum 20“ fertiggestellt. Noch im Bau befindet sich der Bereich Egerlandstraße 58 bis 74, der zusammen mit dem Karl-Lederer-Platz die T-Form der Neuen Mitte bildet. Dort errichtet die Baugenossenschaft Geretsried und die Sparkasse Bad Tölz- Wolfratshausen einen großen Riegelbau mit knapp 100 Wohnungen und Flächen für Einzelhandel und Gastronomie, die 2021 bezugsfertig sein sollen. Realisiert wurde das Projekt von Krämmel Bau nach Plänen von Kehrbaum Architekten.

Beide Unternehmen planen auch bereits das noch größere Projekt. Auf dem 4,7 Hektar großen Grundstück zwischen Banater Straße und Elbestraße soll ein neues Stadtquartier mit rund 750 Wohnungen für rund 1700 Menschen entstehen. Vorgesehen ist, dass 30 Prozent der Wohnungen im geförderten Mietwohnungsbau, 30 Prozent im frei finanzierten Mietwohnungsbau und 40 Prozent als Eigentumswohnungen gebaut werden.  Geretsrieder erhalten mit dem Geretsrieder Modell ein Erstzugriffsrecht. Bis etwa Mitte dieses Jahrzehnts sollen die Arbeiten weitgehend abgeschlossen sein. Bis dahin soll auch der auf 150 Millionen Euro Kosten veranschlagte Bau des S-Bahn-Anschlusses von Wolfratshausen nach Geretsried begonnen werden. 

Der ehemalige Flüchtlingsort wird dann mit der Linie S7 über eine direkte Anbindung nach München verfügen.

 

Die Stadt in Zahlen

Geretsried befindet sich etwa 35 Kilometer südlich von München und ist die größte Stadt im Landkreis Bad Tölz – Wolfratshausen. Geretsried, das über Jahrhunderte nur wenige hunderte Einwohner zählte, erfuhr durch Zwangsarbeit während und durch Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg einen starken Bevölkerungszuwachs. Am 1. April 1950 wurde die Gemeinde Geretsried aus Teilen der Gemeinden Ergertshausen, Gelting, Königsdorf und Osterhofen neu gebildet. Durch stetiges Wachstum der Bevölkerung und die Entwicklung der örtlichen Industriebetriebe wurde die Gemeinde Geretsried am 27. Juni 1970 zur Stadt erhoben. Im Norden von Geretsried befindet sich die Stadt Wolfratshausen, östlich der Isar die Gemeinde Dietramszell und im Süden von Geretsried die Gemeinden Königsdorf und Eurasburg.

Einwohner: Mit dem erneuten Zuzug seit 2010 wohnen wieder vermehrt junge Familien in der Stadt .

Infrastruktur: Die Stadt liegt zwischen der Bundesstraße 11 und der Staatsstraße 2072, die Autobahnen A 95 und A 8 befinden sich in der Nähe. Mit der Busverbindung nach Wolfratshausen gehört die Stadt zum Münchner Verkehrs- und Tarifverbund. Einkaufsangebote offeriert die Neue Mitte. Freizeitmöglichkeiten bietet die Wildflusslandschaft der Isarauen.

Immobilien: Aktuell ist das Angebot an Eigentums- und Mietwohnungen in Geretsried noch sehr übersichtlich, wird sich aber mit der Vermarktung des neuen Quartiers erhöhen. 

 

Weitere Informationen:

www.geretsried.de: Internetauftritt der Stadt Geretsried

 

 

 

 

 

 

Ulrich Lohrer, Stand 12.04.2021