Herrsching: Teures Paradies am Ammersee

Die Nachfrage aus München wirkt sich immer stärker auf die die Umlandgemeinden aus. In Herrsching am Ammersee entstehen zwar neue Wohnhäuser – aber die Luxuswohnungen können sich nur gut betuchte Käufer leisten.

 

Lange galt Wohnen am – auch Bauernsee genannten  – Ammersee im Gegensatz zum Starnberger See noch als erschwinglich. In Starnberg leben die Reichen, am westlich gelegenen See auch Normalverdiener.

Diese Zeit ist für Immobilienerwerber vorbei. Nach der Präsentation aktueller Bodenrichtwerte vom Gutachterausschuss im Landkreis Starnberg verzeichnete die Gemeinde Herrsching 2018 gegenüber 2016 mit 26,9 Prozent den höchsten Preisanstieg für Wohnbauland. „Im Durchschnitt stiegen die Preise für Wohnbaugrundstücke im Landkreis um 19,5 Prozent“, so Dieter Sinning, Vorsitzender des Gutachterausschusses. Die Seenähe ist wohl ein preistreibender Faktor. Dabei wurde in Herrsching nicht mal ein Grundstück direkt am See veräußert. In den nahen Wohnlagen wurden aber 1300 Euro pro Quadratmeter Baugrund bezahlt. Im Ortsteil Widdersberg – ein gutes Stück vom Ammersee entfernt – erreicht der Richtwert nur 590 Euro.

Alte Kulturlandschaft am See

Die Gegend um Herrsching ist schon lange als Wohnsitz beliebt. Keramikscherben im archäologischen Park beim Friedhof bezeugen eine Besiedlung bereits in der Bronzezeit. Reste eines Steinhauses, Münzen und ein Grabstein belegen zudem die Ansiedlung der Römer. Aus der Merowingerzeit stammt das Grab einer Adelsfamilie.

Herrsching wurde 776 erstmals schriftlich aufgrund der Schenkung von dem Adelsgeschlecht der Huosier an das Kloster Schlehdorf beurkundet. Lange  Zeit bestand der idyllisch gelegene Ort am östlichen Seeufer aus wenigen Fischer- und Bauernhäusern. Mitte des 16. Jahrhunderts erhielt der Münchner Patrizier Wolfgang Pronner durch Grundstückstausch mit dem bayerischen Herzog Albrecht V. die Hofmarkt Mühlfeld. Der Walmdachbau mit Zwiebelturm, bekannt als  Schloss Mühlfeld (Bild links), wurde wohl von Albrecht V. erbaut, und war danach lange Zeit im Besitz der Benediktiner vom Kloster Andechs. Aktuell wird es, wieder im privaten Eigentum, renoviert. Weiter nördlich besaß das  Kloster Fürstenfeld seit dem 13. Jahrhundert durch eine Schenkung von Mechtild – Gemahin des Bayernherzogs Ludwig der Strenge – auf einer Anhöhe in Ried ein kleines Anwesen. Dort errichteten die Äbte neben der 1572 erbauten Kapelle im 17. Jahrhundert das Barockschloss Rezensried (Bild links unten) als Sommersitz.

Beliebt unter Künstlern, Reiche.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Fischerdorf unterhalb der spätmittelalterlichen, im Barockstil umgebauten Kirche St. Martin zunehmend auch von Bürgertum und Künstlern als Wohn- und Ferienwohnsitz entdeckt. 1889 ließ der Kaufmannssohn Ludwig Scheuermann, ein im ländlichen Genrestil tätiger Maler, am Seeufer nach seinem eigenen Entwurf vom Bürgermeister und Zimmereimeister Benedikt Rehm ein Schlösschen (Bild links unten) im Gründerzeit-Stil errichten. Das  Scheuermann-Schlösschen im Kurpark befindet sich heute im Besitz der Gemeinde und dient als Kulturzentrum für Konzerte und Ausstellungen.

Im Ried entstand 1908 nach den Plänen von August Pittino eine herschaftliche Villa für den Kommerzienrat Adolf Sturm. Und am Mühlfeld ließ sich der Maler Manuel Wieland von 1910 bis 1915 eine Villa mit Gartenhaus im Reformstil errichten.

 

Zuganschluss bringt Touristen nach Herrsching

Spätestens seit 1903 Herrsching einen Bahnanschluss erhielt, spielt der Tourismus mit Tagesausflüglern und Feriengästen eine bedeutende Rolle. Unterkunft fanden sie beispielsweise in dem ehemaligen Gutshaus und späteren Poststation in der Andechsserstraße, das in den Gasthof zur Post umgewandelt wurde, oder in dem Andechser Hof am Bahnhof. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ sich der Architekt  Roderich Fick, der später als einer der Lieblingsarchitekten Adolf Hitlers Karriere machte, in der alten Mühle am Mühlfeld nieder. Er entwarf in Herrsching einige Bauten im Heimatschutzstil, wie das Wohnhaus (1920) des Bildhauers Ernesto de Fiori im Ortsteil Lochschwab, den Friedhof mit Kapelle (1926), das Wohnhaus in der Scheuermannstraße 1 (1930) sowie die evangelische Erlöserkirche (1955).

Das größte Gebäude der Gemeinde ist die durch den Finanzminister Graf Schwerin von Korsigk in Auftrag gegebene und während der NS-Zeit erbaute, von Ewald Fiedler entworfene  Reichsfinanzschule. Der Baukomplex mit monumentaler Feierhalle und Turm befindet sich auf der Höhe beim Weiler Rausch und wird heute als Beamtenfachhochschule genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verdoppelte sich nahezu die Zahl der Einwohner von 1939 (2974) bis 1950 (5363) wegen Zuzüge deutscher Flüchtlinge und dann nochmals bis heute (10577).

Aufgrund der aktuellen Neubauprojekte dürfte die Zahl weiter ansteigen. Größtes Bauvorhaben ist aktuell im die im schwedischen Designerstil errichtete Wohnanlage Lagom von Bauwerk Capital mit rund 70 Wohneinheiten an der Rieder Straße auf der ehemaligen Klosterwiese Breitbrunn, die bis zum Herbst 2020 fertiggestellt sein soll. Eine 82 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung Angeboten wird beispielsweise für 709.000 Euro (8646 Euro pro  Quadratmeter) zum Kauf angeboten.

 Walser offeriert 44 bis 93 Quadratmeter große Wohnungen in der ebenfalls im Bau befindlichen Wohnanlage Lux & Lee in der Dillizerstraße 33 in Seenähe für 8100 Euro bis 9400 pro Quadratmeter an. Und in der Schönbichlerstraße 18 entstehen Wohnungen, die von Eisenbarth Immobilien für rund 8200 Euro offeriert werden.

Wer vom Fischfang oder von der Landwirtschaft lebt, wird sich eine solche Wohnung am Bauernsee kaum mehr leisten können.

 

Die Gemeinde in Zahlen

 

Herrsching am Ammersee ist eine Gemeinde im Landkreis Starnberg. Sie liegt rund 50 Kilometer westlich von München. Die Gemeinde setzt sich (von Norden nach Süden) aus den Ortsteilen Breitbrunn, Rausch, Ried, Lochschwab, Mühlfeld, Wartaweil,  Wasach und im Nordosten aus Widdersberg zusammen. Im Westen wird Herrsching vom Ammersee begrenzt, im Norden befinden sich die Gemeinden Inning und Seefeld und im Südosten die Gemeinde Andechs.

Einwohner: Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt etwas über dem Schnitt des Landkreises.

Infrastruktur: Vom Bahnhof Herrsching besteht Anschluss an die Flughafen-S-Bahnlinie (S8) nach München und über Buslinien ins Umland (Andechs, Weilheim). 15 Kilometer nördlich verläuft die Autobahn A96 München - Lindau. Außer im Winter verkehren Schiffe an das andere Ufer nach Dießen und Utting. Einzelhandel findet sich  in der gesamten Gemeinde und Shoppingcenter im Gewerbeviertel. Es gibt eine Grund-, eine Mittel- und eine Realschule und wohl ab 2021 ein Gymnasium.

Immobilien: Kaum Angebot an Bestandsimmobilien zum Mieten und Kaufen, aber es werden einige Neubauwohnungen offeriert.

Weitere Informationen:

Gemeinde Herrsching am Ammersee: www.herrsching.de