Lerchenau: Wohnen zwischen Fasaneriesee und Lerchenauer See

Von den Gleisanlagen des Rangierbahnhofs von der Stadt getrennt, befindet sich ein grünes Biotop. In dem begehrten Viertel mit großen Badeseen soll in der Eggarten-Siedlung ein neues Wohnquartier entstehen.

 

Die Lerche stieg jezt zum leztenmal gen Himmel, und verguldete sich oben noch einmal im milden Glanz, und, der Lerche vorüber, flog der einsamere Rab,“ beschrieb 1792 der Schriftsteller Lorenz Westenrieder die Lerchenau. Die einst einsame Moorlandschaft mit dem idyllischen Namen bildet heute den Südteil des Bezirks Feldmoching-Hasenbergl.

Von der Fasanerie im Moor zur Siedlungs-Kolonie am Bahnwärterhaus

Während der etwas weiter nördlich gelegene Teil bereits um 500 von bajuwarischen Siedlern bewohnt und 790 erstmals als „Feldmohinga“ schriftlich erwähnt wurde, erschien die Lerchenau in den Annalen zunächst nur als beliebtes Jagdgebiet für Niederwild der Wittelsbacher vom nördlich gelegenen Schloss Schleißheim. 1596 ließ der bayerische Herzog Wilhelm V. hier eine Fasanenzucht – die Fasanerie – errichten.

Mit dem Bau der Bahnlinie München-Landshut 1892 erhielt die Fasanerie eine eigene Haltestelle mit einem schmucken Sichtziegelbau als Bahnwärterhäuschen (siehe Bild links). Erste Siedler errichteten in der Nähe ihre Wohnhäuser.

 

Nach der Entwässerung der Mooswiesen zwischen Moosach und Feldmoching mit einer Tieferlegung des Steingrabens und des Riegersbachs  setzte ab 1910 eine verstärkte Besiedlung der Kolonie ein. 1912 umfasste sie schon 43 Anwesen mit rund 300 Einwohnern (siehe Bild links, Wohnhaus Am Blütenanger 76). Das Fasanerie-Gebäude diente nach 1919 als Gaststätte und zog auch Tagesausflügler an. 1921 erhielt die Kolonie die Bezeichnung Fasanerie Nord. Fünf Jahre später wurde am Blütenanger die St. Christoph-Kirche (siehe Bild unten links) nach Plänen des Münchner Oberbaurats Hermann Selzer als neubarocker Chorbau fertiggestellt.

Siedlung Lerchenau und die Eggarten-Siedlung

Weiter östlich entstand zudem seit 1901 die kleinere Siedlungskolonie Lerchenau. Und südlich des Lerchenauer Sees entwickelte sich seit 1919 auf der Grundlage von Erbpachtverträgen mit der bayerischen Krongutverwaltung als Genossenschaft die Eggarten-Siedlung. Bis 1926 wurden von den Bewohnern in Eigenregie 62 Kleinhäuser sowie Kleingärten errichtet. Es gab Lebensmittelläden, eine Wirtschaft und eine Holzkirche.

Rangier- und Baubahnhöfe für NS-Großbauten

Ende der 1930er-Jahre wurde auch die Gegend der Lerchenau von den Umwälzungen des NS-Regimes erfasst. 1938 wurde die Fasanerie mit ihren damals rund 1400 Einwohnern zusammen mit Feldmoching in München eingemeindet.

Ab 1939 begann die Deutsche Reichsbahn im angrenzenden Ludwigsfeld mit dem Bau des neuen Hochleistungsrangierbahnhofs und südöstlich ab 1940 bei der Fasanerie mit der Errichtung eines Baugüterbahnhofs. Dieser wurde benötigt, um die geplanten Münchner Großbauten mit Baumaterial versorgen zu können. Wegen den Aufschüttungen für den Baubahnhof wurde das alte Fasanerie-Gebäude abgerissen, auch wurden Bewohner der Eggarten-Siedlung zum Zwangsverkauf gedrängt und einige Häuser abgerissen. An der Lassallestraße/Ecke Wilhelmine-Reichard-Straße wurde das Zwangsarbeiterlager Eggarten angelegt. Für die großen Gleisanlagen (unten links) wurden zudem Unmengen Kies benötigt, der an verschiedenen Stellen abgebaut wurde. So entstanden die Baggerseen der Dreiseenplatte – Feldmochinger See, Fasaneriesee und Lerchenauer See.

Landschaftspark Lerchenauer See mit Hochhäusern

In den Nachkriegsjahren wurde die Lerchenau durch weitere vorwiegend Einfamilienhäuser nach Westen bis zum Riegersbach erweitert und verdichtet. Die größte Veränderung erfuhr der Stadtteil mit dem Bau der Wohnanlage am Lerchenauer See durch die Neue Heimat, die von 1958 bis 1969 geplant und erbaut wurde. Nördlich und westlich des Sees, dessen Uferanlagen vom Landschaftsarchitekten Alfred Reich in eine parkähnliche Badelandschaft umgestaltet wurde, entstanden Hochhäuser und Mehrgeschosswohnungen nach Plänen der Architekten Helmut von Werz, Johann Christian Ottow sowie Ernst Hürlimann sowie die Kirche St. Johannes Evangelist von Adolf und Helga Schnierle.

Aktuell errichtet die RS Wohnbau mehrere Wohnhäuser am Blütenanger 69, und die Home 81 modernisiert in der Reinachstraße ein Wohnhaus mit 20 Wohnungen und ergänzt ihn durch einen Neubau mit weiteren 20 Wohnungen.

Romantische Ruinen-Siedlung in der Entwicklungs-Agenda

Das größte Entwicklungsprojekt ist jedoch ein umstrittenes neues Wohnquartier anstelle der Eggarten-Siedlung. Nachdem der ehemalige Eigentümer, die Deutsche Bahn, das Grundstück an die CA Immo verkauft hat, und diese einen Teil davon an die Büschl Unternehmensgruppe weiterveräußert hat, wollen die beiden Projektentwickler dort 1750 bis 2000 Wohnungen entwickeln. In der 100 Jahre alten Siedlung sind bereits 1999 die Erbpachtverträge ausgelaufen und die meisten ehemaligen Bewohner haben den Eggarten verlassen. Auf den einst 84 Grundstücksparzellen stehen kaum mehr 20 Häuser, davon sind nur noch wenige bewohnt, einige Parzellen werden als Kleingärten genutzt. Doch einige Bürger wollen den Eggarten mit den wild zugewachsenen Gärten und den romantisch verfallenen Häusern als Biotop erhalten. Die Stadt benötigt aber dringend zusätzliche Wohnungen, und die Projektentwickler haben kein Interesse daran, das teuer erworbene Areal brach liegen zu lassen. Ende 2018 hat der Stadtrat daher die Fortsetzung eines Strukturkonzepts beschlossen. Am 4. Mai 2019 informierten und diskutierten Vertreter des Stadtplanungs-Referats mit den Bürgern das Konzept. Eventuell noch dieses Jahr soll dann ein städtebaulicher und landschaftsplanerischer Wettbewerb als Grundlage für den Bebauungsplan stattfinden. Die Hoffnung besteht, das zumindest Teile der Eggarten-Siedlung erhalten bleiben können. Da einige Jahre bis zum Baubeginn vergehen werden, besteht solange noch das Idyll.

 

Das Viertel in Zahlen

Lerchenau-West ist ein südlicher Bezirksteil des nördlichsten (24.) Münchner Stadtbezirk Feldmoching-Hasenbergl. Im Süden wird das Viertel durch die östlich vom Rangierbahnhof gelegenen Gleisanlagen von Alt-Moosach, einem Teil des Stadtbezirks Moosach getrennt. Im Westen bildet der Riegersbach die Begrenzung zum Nachbarviertel Ludwigsfeld, das, wie das nördlich gelegene Feldmoching und östlich befindliche Hasenbergl Lerchenau-Ost ein Bezirksteil des 24. Stadtbezirks. Die Grenze zu Feldmoching verläuft von Westen etwa entlang des Schnepfenwegs, dann Richtung Nordosten entlang der Feldmochinger Straße und am Nordufer des Fasaneriesees an der Lerchenauer Straße bzw. der S-Bahnline an der Drudhardstraße entlang. Gegenüber der Linie von Norden nach Süden bei der Heidelerchenstraße liegt im Osten das Nachviertel Hasenbergl – Lerchenau-Ost.

Einwohner: Der Anteil der Familien mit Kindern ist im Vergleich zum Stadtdurchschnitt überdurchschnittlich hoch, der Ausländeranteil sowie die Bevölkerungsdichte unterdurchschnittlich.

 

Infrastruktur: Mit der S-Bahnhaltestelle Fasanerie der S-Bahnlinie S1 sowie dem nahen U-Bahnhof Oberwiesenfeld der Linie U3 besteht Anschluss an den ÖPNV. Einkaufsmöglichkeiten (Penny, Wochenmarkt) gibt es an der Nordseite des Lerchenauer Sees. Freizeitmöglichkeiten bieten der Lerchenauer See, der Fasaneriesee sowie der Rangierbahnhof Wald.

 

Immobilien: Aktuell bietet nur RS Wohnbau Neubauwohnungen ab 8300 Euro pro Quadratmeter an. 

04.05.2019, Ulrich Lohrer

Bildnachweis: Fotografien Ulrich Lohrer