Viertel Maßmannbergl: Die Idealisten vom Berg

In der Maxvorstadt befindet sich im kleinsten Viertel ein Park, der den Namen dieses beliebten Wohnviertels trägt. Er geht auf den freiheitsliebenden Patrioten und Turner Maßmann zurück. 120 Jahre später gestalteten andere Idealisten ein Heim für Studenten

 

Das Maßmannbergl ist der kleinste Bezirksteil der Münchner Maxvorstadt. Das Herzstück dieses Viertels ist der Maßmannpark, eine grüne Oase inmitten der Stadt.

Ursprünglich wurde die fünf Meter hohe Geländestufe als Neuhauserberg bezeichnet und lag außerhalb der historischen Stadtmauern Münchens auf dem Gebiet von Neuhausen. Seit etwa 1260 lag dort der Konradshof, der sich bis zur Säkularisation 1803 im Besitz des Klosters Schäftlarn befand, das ihr zur Bewirtschaftung an Münchner Bürger verpachtet hatte. Schon zuvor hatte an der Hangkante der kurfürstliche Kammerherr Dominikus Schwaiger um 1790 dort einen Landsitz mit dem Namen Wiesenfeld. Das Wirtschaftsgebäude lag oberhalb, die Pflanzungen mit Obst und Gemüseanbau befanden sich vor Wind geschützt unterhalb der Stufe. 1828 errichtete Hans Ferdinand Maßmann (1797 – 1874) – der Namensgeber des heutigen Viertels – am Neuhauserberg eine öffentliche Turnanstalt. Der Berliner Maßmann war ein Idealist. Als 17-jähriger Student der Philologie kämpfte er 1815 in den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Fremdherrschaft und wurde einer der ersten Schüler des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn, der ihn als Sendbote für die Verbreitung der Turnerbewegung beauftragte. Als nach Napoleons Niederlage die Fürsten der Kleinstaaten die Bestrebungen nach einem freien und vereinigten Deutschland unterbanden, traten  1817 auf dem Wartburgfest 500 Studenten mit ihren Burschenschaften und Turnerverbänden für den Nationalstaat ein. Maßmann büßte seine Teilnahme und die von ihm veranlasste Verbrennung reaktionärer Bücher mit einer Karzerhaft. Er fand als Lehrer als ein bescheidenes Auskommen. 1826 wurde er auf Anregung des Philologen Friedrich Thiersch von König Ludwig I. zur sportlichen Ausbildung des Bayerischen Kadettenkorps nach München geholt. Auf dem Neuhauserberg errichtete er die Sportstätte. 1829 wurde er Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität München, einem der ersten Lehrstühle für Germanistik, bis er 1843 München wieder verließ, um dem Ruf des preußischen Ministeriums nach Berlin zu folgen. Sein Name wurde auf den Neuhauserberg übertragen, wo in seinem Todesjahr 1876 ein Stein errichtet wurde. Darauf ist das aus vier Buchstaben „F“ gebildete Turnerkreuz gemeißelt, das für den Leitspruch der Turner steht: „Frisch, fromm, fröhlich, frei“.

Mietshäuser unterhalb des Bergl 

Vom Osten wurde die Gegend mit Mietshäusern bebaut. Gegenüber entstanden um 1900 in der Maßmannstraße drei von Oscar Strelin entworfene Gebäude im Stil des Neobarocks. Auch entlang der Schleißheimer Straße,  der Schellingstraße und der Görresstraße befindet sich dichte Wohnbebauung. Westlich des Zeughauses breitete sich das Kasernenviertel auf dem Wiesenfeld aus. Später bezog dieses Gebiet neben dem Maßmannbergl die Hochschule München.

Im Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs wurden die Turnhallen auf dem Bergl zerstört. Die Stadt beschloss, in dem freien Areal einen Park anzulegen. Nordöstlich des Parks entstand ab 1948 mit amerikanischer Unterstützung  von Studenten und Auszubildenden die Wohnheimsiedlung Maßmannplatz nach einer Idee des Kunsthistorikers Hermann Mau, des damaligen Leiters des Instituts für Zeitgeschichte. Die Gesamtplanung übernahm Werner Wirsing (1919 – 2017), der damals noch Architekturstudent an der TU München war. Früh mit der Architektur der Moderne um Ludwig Mies van der Rohe bekannt geworden, verbrachte er seine Jugend weitgehend im Arbeitsdienst und im Krieg. Danach unternahm er Reisen und lernte führende Vertreter der Architektur der Moderne wie Le Corbusier, Walter Gropius, Mies van der Rohe, Richard Neutra, Marcel Breuer und Sep Ruf persönlich kennen. Mit seinen Freunden und Kommilitonen  wie Ludwig und Jakob Semler sowie Herbert Groethuysen wollte er mit dem Wohnheim ein modernes Gebäude für Studenten in dem neuen demokratischen Staat errichten. Um die Hausgemeinschaft in kleine Gruppen aufzugliedern und die Bewohner vom Lärm abzuschirmen, plante er den Gebäudekomplex als eine H-förmige Gruppierung der Baukörper. Ein Brückenbau mit Gemeinschaftsräumen verbindet zum Teil die Wohnzeilen. Der Bau, an dem sich neben Wirsing etliche später bekannte Münchner Architekten beteiligten, steht als „frühestes und bedeutendstes architektonisches Dokument in Bayern für einen Bruch mit der Vergangenheit und einer vollständigen Neuorientierung an den Idealen der Moderne.“ (Winfried Nerdinger: Architektur der Wunderkinder 1945 – 1960). Die denkmalgeschützte Wohnheimsiedlung mit 124 Einzelzimmern wird auch heute noch von den Studenten selbst verwaltet, etwa, in dem sie die neuen Mitbewohner auswählen.

Da das Viertel bis Ende der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dicht mit Wohnhäusern bebaut wurde, blieb danach nur im Westen Platz für die Neubauten der Hochschule München.

Das Maßmannbergl ist aufgrund der interessanten Mischung verschiedener Baustile, seiner zentralen Lage und nicht zuletzt wegen der grünen Oase ein beliebtes Wohnviertel der Stadt.

 

 

Das Viertel in Zahlen

Der nordwestlichste Bezirksteil des Münchner Stadtbezirk Maxvorstadt ist auch der kleinste. Im Osten grenzt es entlang der Winzererstraße an das Nachbarviertel Josephsplatz, südöstlich an das Augustenstraßenviertel und südwestlich an St. Benno – alles ebenfalls Bezirksteile der Maxvorstadt. Nördlich der Lothstraße grenzt das Maßmannbergl an die Alte Kaserne – ein Bezirksteil Neuhausen – Nymphenburg – und die Viertel Schwere-Reiter-Straße und Neuschwabing – beides Teile des Münchner Stadtbezirks Schwabing-West.  

 

Einwohner: Obwohl das Viertel nur 1363 Bewohner aufweist, ist es eines der am dichtesten besiedelten. Das Durchschnittsalter ist relativ niedrig und der Anteil der Single-Haushalte überdurchschnittlich hoch.  

Infrastruktur: Entlang der Dachauer Straße verlaufen die Tram-Linien 20, 21, N20, südlich vom Viertel befindet sich am Stiglmaierplatz der U-Bahnhof der Linien U1 und U2 und östlich vom Viertel der U-Bahnhof Theresienstraße mit den Linien U2 und U8. Freizeitmöglichkeiten bietet der Maßmannpark.

Immobilien: Es gibt keine Neubauwohnungen und nur wenige  Eigentums- und Mietwohnungen im Viertel. 

 

 

Text + Fotografien: Ulrich Lohrer, Stand 10.11.2020