Neuharlaching: Wohnen am Perlacher Forst

Das grüne Wohngebiet im Süden von München ist durch eine Ende Weimarer Republik entstandene Großsiedlung sowie den Kleinhaussiedlungen der 1930er-Jahre geprägt. Neubauten gibt es hier kaum, auch das Wohnungsangebot ist knapp.

 

Am 6. Juni 1926 legte Wohnungsreferent Karl Preis mit Unterstützung von Oberbürgermeister Karl Scharnagl dem Münchner Stadtrat das „Münchner Sonderbauprogramm“ vor. Mit dem Bau von 12.000 städtischen Wohnungen sollte die Wohnungsnot in München beseitigt werden. Nur Abgeordnete der NSDAP stimmten gegen den Vorschlag.

Münchner Wohnungsbauoffensive der 1920er-Jahre

Dazu sollten fünf komplett neue Wohnsiedlungen entstehen, die von der im Juni 1928 gegründeten Gemeinnützigen Wohnungsfürsorge AG (GEWOFAG) errichtet wurden und von dieser an „minderbemittelte Bürger und Angehörige des Mittelstandes unter Berücksichtigung  der Bedürfnisse kinderreicher Familien“ möglichst günstig vermietet werden sollten.

Die neue Großsiedlung im Süden bei Alt-Harlaching

Eine der Siedlungen sollte die Flachsiedlung Neuharlaching werden. Preis, der Vorstand der GEWOFAG wurde, hatte bereits 1927 einen Wettbewerb für eine der fünf geplanten Neubausiedlungen im Süden von München „Am Hohen Weg“ in München-Harlaching direkt am Perlacher Forst initiiert. Im Gegensatz zu dem westlich gelegenen Gebiet von Alt-Harlaching an der Isarhangkante und den Villenkolonien Harlaching und Menterschweige war dieses östlich gelegene Gebiet nahezu unbebaut.

Die damaligen Preisträger, Theo  Lechner, Fritz Norkauer, Eugen Dreisch und Wilhelm Scherer, erhielten gemeinsam die baukünstlerische Oberleitung bei dem Siedlungsvorhaben, das dann 1928 die frisch gegründete GEWOFAG ausführte. Da die Preisträger verschiedene Siedlungsformen in ihren Ursprungsentwürfen verarbeitet hatten, setzte sich der gemeinsam erstellte Bebauungsplan aus unterschiedlichen Wohnbautypen mit bis zu drei Geschossen zusammen. Mehrere quadratische oder in Trapezform angelegte Wohnblöcke (siehe großes Bild oben) befinden sich nördlich an langen Häuserzeilen (siehe Naupliastraße unten links), die als Randbebauung zwei zentrale Straßenzüge von Ein-und Zweifamilienhäusern umfassen.

Als die Weltwirtschaftskrise 1930 die Bautätigkeit zum Erliegen brachte, war nur etwas weniger als die Hälfte der vorgesehenen Bauten errichtet. So fehlten die Gemeinschaftseinrichtungen wie eine an der Ahornstraße geplante Kirche sowie die südlich der Randbebauung entlang der Naupliastraße vorgesehenen Einfamilienhäuser.

Auch als Fragment ist die Großsiedlung ein Zeugnis für die besonderen, künstlerisch-gesellschaftlichen Absichten ihrer Schöpfer unter der gestalterischen Federführung des Architekturbüros Lechner & Norkauer. Theodor Lechner, der mit dem späteren Kanzlerbungalow-Erbauer Sep Ruf – der 1930 ein Praktikum bei Lechner & Norkauer absolvierte – befreundet war (so die Architekturhistorikerin Irene Meissner), und Fritz Norkauer zählten damals als Vertreter der Postbauschule zu den wenigen Münchner Architekten der Moderne.

Münchens erster moderner Kirchenbau

Mit der 1931 eingeweihten Pfarrkirche Heilige Familie nach einem Entwurf von Richard Steidle entstand dann westlich von der Flachsiedlung noch der erste moderne Kirchenbau in München. Vom Äußeren betrachtet spiegelt der einfache, karge, aber monumentale Bau an der Hangkante am Hohen Weg romanische Stilelemente, wobei auf dekorative Details völlig verzichtet wurde.    

Bau von Kleinhaussiedlungen während des NS-Zeit

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war an eine Fertigstellung der modernen Großsiedlungsbauten nicht mehr zu denken. Karl Preis floh vor SA-Leuten aus dem Rathaus, wurde von seinen Ämtern enthoben und ließ sich in Murnau nieder. Einige Architekten arrangierten sich mit dem neuen Regime. So plante Fritz Norkauer NS-Wohnprojekte wie die Neue Südstadt in der Prinzregentenstraße in München sowie in Linz.

In Harlaching entstanden nun Kleinhaussiedlungen. So wurde bereits im Dezember 1933 der erste Spatenstich für die „Frontkämpfer-Siedlung“ (siehe Bild links Weyarner Straße) am Perlacher Forst gesetzt. Zwischen der Oberbiberger Straße und der Mangfallstraße errichtete die Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung für Schwerkriegsbeschädigte und Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges Wohnhäuser.

Wenig später entstand für die Teilnehmer des Hitlerputsches von 1923 zwischen der Naupliastraße und der Oberbiberger Straße und an der heutigen Stresemannstraße die Wohnanlage  „Alte-Kämpfer-Siedlung“ (siehe Bild unten links Stresemannstraße).

Das größte NS-Bauprojekt der Gegend – die NS-Reichszeugmeisterei und spätere McGraw-Kaserne – entstand 1935 östlich der Flachhaussiedlung Neuharlaching und befindet sich im heutigen benachbarten Stadtviertel Obergiesing.

Begehrte Wohngegend am Perlacher Forst

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des NS-Regimes gab es zwar im südöstlich gelegenen Südgiesing mit der Ami-Siedlung ein interessantes Neubauprojekt, doch in Neuharlaching wurde kaum mehr Größeres gebaut. Im Süden zum Perlacher Forst entstanden beim Münchner-Kindl-Weg weitere Einfamilienhäusern oder es wurden Altbauten durch Neubauten ersetzt. Vor Kurzem wurde im Theodolinden-Gymnasium in der Flachdachsiedlung eine neue Sporthalle fertiggestellt. Das größte Wohnbauvorhaben der Gegend liegt allerdings im Nachbarviertel Harlaching, wo am Karneidplatz zwei Objektgesellschaften insgesamt sechs Mehrfamilienhäuser errichten.

In Neuharlaching ist das Wohnangebot im Geschosswohnungsbau von den sozial geförderten Wohnungen der GEWOFAG und den Eigenheimen der südlich davon gelegenen Kleinhaussiedlungen geprägt. Weil es hier kaum Fluktuation und auch keine Neubauangebote gibt, ist das Angebot gering.

Wer im Süden am Perlacher Forst eine Wohnung mieten oder kaufen will, muss daher östlich von Neuharlaching nach Südgiesing oder westlich in das teure Harlaching ausweichen. Die Zeiten, in denen viele minderbemittelte Bürger oder junge Familien mit Kindern nach Neuharlaching zogen, sind vorbei.

 

Das Viertel in Zahlen

Neuharlaching ist ein Bezirksteil des Münchner Stadtbezirks Untergiesing-Harlaching. Im im Westen grenzt es an Harlaching und im Norden an Giesing, beides wie Neuharlaching Teilbezirke von Untergiesing-Harlaching. Im Osten befinden sich Obergiesing und Südgiesing, beides Bezirksteile des 17. Münchner Stadtbezirks (Obergiesing-Fasangarten). Im Süden liegt an der Münchner Stadtgrenze der gemeindefreie Perlacher Forst.

 

Einwohner: Die Bewohner des Viertels haben ein hohes Durchschnittsalter, der Anteil der Familien mit Kindern ist relativ gering und der der Senioren relativ hoch. 

Infrastruktur: Das Viertel ist über die U-Bahnhöfe Mangfallplatz und St. Quirin-Platz an die U-Bahn-Linie U1 angeschlossen. Zudem verkehen Stadtbusse entlang der Naupliastraße. Einkaufsmöglichkeiten gibt es vor allem am Mangfallplatz. Der Grüngürtel (Vollmarpark)im Westen des Viertels und der Perlacher Forst im Süden bieten Freizeitmöglichkeiten.

Immobilien: Das Angebot an Miet- und Eigentumswohnungen in Neuharlaching ist aktuell gering. Das Gebiet südlich der Naupliastraße ist durch Kleinhaussiedlungen geprägt.

Bildnachweis: Fotos von Ulrich Lohrer