Versuchsbau Südstadt: Wohnen zwischen Bunker

Entlang der Südstadt fällt ein Wohnblock durch seine ungewöhnliche Gestaltung auf. Die Fassade des mehrgeschossigen Wohnbereichs an der Prachtstraße ist nobel klassizistisch gestaltet, er wird jedoch von martialischen Bunkertürmen eingerahmt.

 

Hermann Giesler, der von Adolf Hitler ernannte „Generalbaurat für die Hauptstadt der Bewegung“ (1938 – 1945), wollte im Südosten München, im Gebiet des heutigen Bezirksteils Balanstraße-West, ein neues Wohnviertel mit 14.500 Wohneinheiten errichten lassen. Nach der Planung von Wilhelm Sommerer sollte die Südstadt entlang einer Achse angeordnet werden, die von dem noch zu errichtenden Gauzentrum am Gasteig bis zum Autobahnanschluss nach Salzburg (in der Nähe des Fasanengartens) reichte (siehe Plan rechts). Die Gliederung der Südstadt sah sechs neue Stadtteilen mit den Namen "Wallgau", "Inn", "Chiemgau", "Salzach", "Alpenland", und "Hochland" vor. Für die Bebauung waren dafür rechteckige Wohnblöcke vorgesehen. Trotz des Krieges wurden die Planung zunächst fortgesetzt, da das Projekt als herausragendes und propagandistisches Wohnungsbauvorhaben galt. Mit typisierten und vorgefertigten Bauteilen wollte man einen raschen Baufortschritt erreichen. Aufgrund des Bombenkrieges sollten die Wohnblöcke zudem  mit mehrgeschossigen Luftschutzbunkern verbunden sein.

Um das Konzept architektonisch zu erproben, wurde an anderer Stelle – entlang der Prinzregentenstraße 99 – 113 im Bezirksteil Altbogenhausen des Münchner Stadtbezirk Bogenhausen unweit von Hitlers Münchner Wohnung Prinzregentenplatz 16 den „Versuchsbau für die Südstadt“ errichtet. Architekten des Wohnblocks waren Walter Kratz (Riegel entlang der Prinzregentenstraße, Herbert Landauer und Fritz Norkauer (Brucknerstraße). 

Die rund 165 Meter lange Straßenfront zeigt mit dem erhöhten Erdgeschoss, den drei durch Sohlbänder ausgezeichneten Obergeschossen und dem schmucklosen vierten Obergeschoss die Fassadenstruktur der Südstadt-Häuser. Die Geschosshöhe beträgt 3,10 Meter bis 3,23 Meter. Nach den Planungen entstanden insgesamt 164 Wohnungen. Davon errichtete die Bayerische Versicherungskammer auf ihrem Gelände 78 Wohneinheiten. 86 Wohneinheiten, die Musterbauten, wurden auf Kosten des "Zweckverbandes Südstadt" gebaut. Die Gesamtkosten, veranschlagt mit ca. 1,7 Millionen Reichsmark, finanzierte man vorerst aus dem Sonderhaushalt "Ersatzwohnungsbau".

Bei den Häusern in der Prinzregentenstraße erprobte man erstmals die Verbindung von Luftschutzhochbunkern mit Wohnbauten. Das Ideal war der Luftschutzraum für jede Wohnung, der in Friedenszeiten als Speisekammer genutzt werden konnte. An den drei Enden der Wohnblöcke ist heute noch ein quadratischer Eckhausbunker mit einem Fassungsvermögen von 200 bis 250 Personen zu sehen. In dem Gebäudeteil entlang der Brucknerstraße, von dem im Krieg nur der Rohbau ausgeführt wurde, konnte der Schutzraum jeweils von einer Wohnung aus über einen abgewinkelten Splitterschutz und eine Gasschleuse betreten werden. Im Untergeschoss befanden sich Aborte, ein Waschraum und ein Gemeinschaftsraum. Eine Wendeltreppe verbindet die einzelnen Geschosse des Turmes miteinander. Der Bauteil an der Brucknerstraße wurde nach dem Krieg mit veränderter Fassade fertiggestellt, wobei man die Bunkerzugänge vermauerte.

Die geplante Südstadt, für die die Versuchsbauten an der Prinzregentenstraße errichtet wurden, wurde wegen des Krieges allerdings nie ausgeführt.

Quellen: Matthias Donath: Architektur in München 1933 – 1945;

https://www.denkmaeler-muenchen.de/ns/suedstadt.php

http://www.nordostkultur-muenchen.de/architektur/musterbauten_suedstadt_2.htm

Bildnachweis: Plan der Südstadt aus: Hermann Giesler, Ein ander Hitler, Landsberg 1977; Fotografien: Ulrich Lohrer