Puchheim: Wandel am Niedermoor

Die Stadt im Westen von München, mit ihren dörflichen und ihren urbanen Teil, prosperiert. Nun stehen große Bauprojekte an. Vor allem soll es eine neue Mitte geben.

 

Puchheim, 18 Kilometer westlich vom Münchner Stadtzentrum entfernt, geht es bestens. Im Haushaltsjahr 2018 konnte Kämmerer Harald Heitmeir erstmals mehr als 20 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen vermelden. Damit ist die 22.000-Einwohner-Stadt Spitzenreiter im Landkreis Fürstenfeldbruck.

Mehr als 2200 Gewerbebetriebe, darunter die Unternehmen Scanlab und Alphalaser aus der Optik- und Laserbranche sowie das Medizintechnikunternehmen First Sensor, sorgen dafür, dass Puchheim die höchste Steuerkraft im Landkreis hat.

Die Stadt plant kostspielige Bauvorhaben

Die Einnahmen der kommenden Jahre sind bereits für städtische  Projekte ver-plant. Aktuell wird gerade der Bürgerpark auf der Kennedywiese nach Plänen des Landschaftsarchitekturbüros Bauchplan und Wünschen der Bürger neu gestaltet. Größtes Projekt ist jedoch die neue Stadtmitte von Puchheim nach einem Entwurf des Architekturbüros Auer Weber.

In mehreren Gebäuden an der Ecke Bahnhofstraße / Ecke Adenauerstraße sollen dabei Stadtbibliothek, Musikschule und Volkshochschule untergebracht werden. Die veranschlagten 31 Millionen Euro sind dafür wohl viel zu niedrig angesetzt. Die Sanierung von Schulen, darunter allein die Mittelschule für 21 Millionen Euro, verschlingt weitere Gelder. Die Stadt erwägt daher, ein Darlehen von 60 Millionen aufzunehmen. Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) will im Gegensatz zu seinem Kämmerer erst vom nächsten Stadtrat eine Prioritätsliste erstellen lassen oder gar Projekte streichen – schließlich sind im nächsten Jahr Wahlen.

Ob dann aber die Gewerbesteuereinnahmen bei der sich abzeichnenden Rezession weiter so sprudeln, darf bezweifelt werden. Seidls Lieblingsprojekt, der Bau einer Geothermieanlage, musste er aufgrund eines Bürgerbegehrens im vergangenen Jahr wieder ad acta legen. Dennoch ist die Entwicklung von Puchheim vom kleinen Bauerndorf am Niedermoor zur der im Jahr 2011 erhobenen Stadt mit eigenem S-Bahnhof erstaunlich. Puchheims Zentrum liegt am Bahnhof, eher im Norden des Stadtgebiets, unweit wo die Stadt nahtlos in die Gemeinde Gröbenzell übergeht. Der ursprüngliche Dorfkern – heute Puchheim Ort genannt – befindet sich dagegen weiter südlich, wie eine Insel umgeben von unbebauten landwirtschaftlichen Flächen. Puchheim wurde bereits 948 erstmals urkundlich erwähnt, der Turm der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt ist über 750 Jahre alt.

Neues Zentrum am Bahnhof.

Mit dem Bau der Bahnlinie nach Memmingen 1869 und dem Ausbau des Bahnhofs ab 1898 entstand nördlich am Herrenhaus des Gutshauses in der Allinger Straße der neue Ortsteil. Als erster Industriebetrieb siedelt sich dort die Hausmüllverwertung München an. In einer Sortieranlage wurde von rund 200 Arbeitern der mit der Bahn von München angelieferte Müll getrennt und zum Teil wiederverwertet. 1949 wurde der Betrieb eingestellt. Das denkmalgeschützte Direktionsgebäude in der Josefstraße 7 dient heute als Mietshaus. 1910 wurde zudem nördlich vom Bahnhof ein Flugfeld angelegt. Durch Flugveranstaltungen mit Kunstfliegern wie Adolphe Pégoud galt Puchheim als Attraktion, die an einigen Tagen bis zu 50.000 Besucher anzog. Doch die Flugära währte nur kurz: Zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das Flugfeld aufgegeben und das Gelände als Kriegsgefangenenlager genutzt. Pégoud, der kurzweilig als französisches Fliegerass Berühmtheit erlangte, wurde bereits im zweiten Kriegsjahr abgeschossen.

 

Nach Kriegsende wuchs Puchheim vor allem um den Bahnhof, wo bereits erste Kolonisten ab Ende des 19. Jahrhunderts durch Abbau und Trockenlegung des Moors Grün- und Ackerland gewonnen hatten. Eines der wenigen noch erhaltenen Gebäude aus der Frühzeit des Ortsteils am Bahnhof ist das 1929 vom Puchheimer Architekten Josef Steindl im Heimatstil errichtete Schulhaus. Als die Gemeindeverwaltung 1946 vom Dorfkern zum Bahnhof verlagert wurde, diente es bis 1955 zunächst als deren Sitz und wird heute als Jugendheim und von der VHS genutzt.

Optikbranche sorgt für Arbeit.

Als 1956 das Feinmechanikunternehmen Ertel sein Werk von München nach Puchheim verlegte, entstanden vor Ort zahlreiche Arbeitsplätze der Optikbranche. Obwohl das Ertel-Werk 1984 schließen musste, spielt diese Branche noch heute eine wichtige Rolle in Puch-heim. Mit dem Bau der S-Bahnlinie S4 erfuhr die Gemeinde ab 1972 einen weiteren Wachstumsschub, sodass sich von Anfang der 1970er-Jahre bis Ende der 1989er-Jahre die Einwohnerzahl auf etwa 18.000 nahezu verdreifachte. Nördlich der Gleisanlagen und in Puchheim-Ort entstanden zahlreiche Einfamilien- und Reihenhäuser, beim Bahnhof südlich der Kennedystraße und bei der Josef-Schauer-Straße sogar mehrere Wohnhochhäuser. Seither ist die Bautätigkeit deutlich zurückgegangen, und in den vergangenen fünf Jahren werden im Schnitt pro Jahr nur noch etwa 20 Wohneinheiten genehmigt und etwas weniger fertiggestellt. Entsprechend gering ist das Angebot an freifinanzierten Neubauwohnungen.

In einer Rekordzeit von nur zweieinhalb Monaten entstanden allerdings von der neugegründeten Wohnraumentwicklungsgesellschaft Puchheim (WEP) die Rohbauten für vier Fertighäuser in der Schwarzäckerstraße 53 in Puchheim-Ort in Holzbauweise nach Entwürfen des Architekten Florian Nagler. Die 14 Sozialwohnungen werden an einkommensschwache Mieter vergeben.

 

Die Stadt in Zahlen

 

Puchheim liegt im Osten des Landkreises Fürstenfeldbruck, etwa zwischen Fürstenfeldbruck und der westlichen Stadtgrenze von München. Im Norden befindet sich Olching und im Nordosten grenzt Puchheim an die Gemeinde Gröbenzell. Beide Orte gehen nahtlos ineinander über. Im Osten liegt die Stadt München mit dem Bezirksteil Freiham, im Süden befindet sich Germering. Im Südwesten liegt das Gemeindegebiet von Alling und im Westen Eichenau. 

Einwohner: Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt unter dem Schnitt des Landkreises, aber der Anteil der Bewohner über 65 nimmt deutlich zu.

Infrastruktur: Mit dem S-Bahnhof Puchheim besteht Anschluss an die Linie S4, die via München zwischen Geltendorf und Ebersberg verkehrt. Puchheim ist über die B2 an München und Bundesautobahn A 99 angebunden. Es gibt zahlreiche Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten in Puchheim-Bahnhof und Puchheim-Ort.

Immobilien: Aktuell werden kaum neue Eigentumswohnungen, aber vereinzelt neue Wohnhäuser (900.000 Euro bis 1,2 Millionen Euro) zum Kauf angeboten. Überschaubares Mietwohnungsangebot .