Schönfeldvorstadt: Paläste zwischen Ludwigstraße und Englischer Garten

Die erste Vorstadt Münchens ist heute nur noch ein der Teil der Maxvorstadt, aber geballte Kulturgeschichte und ein teures Wohnviertel. Zwischen Englischen Garten und Ludwigstraße wohnten früher Prinzen, berühmte Maler und Literaten und –auch noch heute – Vermögende.

 

Das Schönfeld wurde bereits 1338 erwähnt. Seine Bebauung hat es aber viel später einem Amerikaner zu verdanken: Benjamin Thompson.

Der war 1784 in den Dienst des bayerischen Kurfürsten Carl Theodor gewechselt, wo er die Armee reformierte. Er ließ bei den Garnisonen von den Soldaten Gärten anlegen, um ihre Lebensmittelversorgung zu verbessern. Als Standort für die Münchner Gärten war das westliche „Hirschangergebiet“ beim Schönfeld vorgesehen. Am 13. August 1789 ordnete der Kurfürst an, das Gebiet östlich davon in einen Volkspark umzuwandeln. Die Ausführung wurde dem Schwetzinger Hofgärtner Friedrich Ludwig von Sckell übertragen, der 1792 den Englischen Garten fertigstellte.

Thompson, 1790 zum Graf von Rumford ernannt, drängte den Kurfürst auch, die Stadtmauern, die Münchens Wachstum verhinderten, abzureißen. 1791 befahl Carl Theodor die Bastion vor dem Neuhauser Tor zu schleifen und 1795 hob er die Befestigung ganz auf.

Westlich des Englischen Gartens entstand das Schönfeldviertel als erste planmäßig angelegte Vorstadt. Entlang der heutigen Königinstraße wurden kleine Familienhäuser im  klassizistischen-biedermeierlichen Stil, errichtet. Die Villenbebauung erstreckte sich bis zur Veterinärstraße, wo sich die 1790 gegründete Tierarzneischule mit dem – wohl von Sckell entworfenen – Tor befindet.

Etwas dichter war die Bebauung zwischen der 1797 angelegten Schönfeldstraße, wo sich zunächst die von Thompson für seine Experimente genutzte kurfürstliche Stückgießerei und  ab 1807 das Armee-Monturmagazin befand

Die Wohnhäuser lagen auf schmalen Parzellen, die sich nach Westen über einen langen Gartenstreifen bis zur damaligen Fürstenstraße, der Landstraße nach Schwabing, erstreckten. Zwischen Hofgarten und dem Englischen Garten entwarf der 21-jährige Carl von Fischer für den Abbé Pierre de Salabert  (1734 – 1807), ehemals Staatsminister und Erzieher Max Josephs – des ersten Königs von Bayern, ein nobles Palais. Kurz nach der seiner Fertigstellung und Salaberts Tod ging es in den Besitz des Königs über und wurde später von dessen Sohn Prinz Carl bewohnt. Heute ist das frühklassizistische Prinz-Carl-Palais Amtsitz des Bayerischen Ministerpräsidenten.

Der Klassizismus von Leo von Klenze

Die städtebaulich bedeutsamste Erweiterung erfuhr die Schönfeldvorstadt mit der auf Veranlassung des Kronprinz Ludwig erbauten und später nach ihm benannten Prachtstraße. Die Gesamtplanung übertrug Ludwig dem damals nahezu unbekannten Leo von Klenze. Zunächst wurde für die Stadterweiterung an der Altstadt 1817 das Schwabinger Tor abgerissen und 1822 am Hofgarten die Reitschule abgetragen. Dort konzipierte Klenze den Odeonsplatz mit den klassizistischen Bauten: dem 1824 fertiggestellten Palais Lerchenfeld (heute Bayerisches Staatsministerium der Finanzen) und dem 1828 erbauten Konzerthaus Odeon (heute: Bayerisches Staatsministerium des Innern). Gegenüber wurde auf Initiative des Hofbankiers Simon Eichthal durch Klenze das Bazargebäude (heute u.a. Café Tambosi) ausgeführt.

 

Auch die meisten Bauwerke der am Odeonsplatz angrenzenden südlichen Ludwigstraße  entwarf Klenze selbst, darunter der Haslauer-Block, das Kriegsministerium (siehe Bild oben links) sowie das prächtige Herzog-Max-Palais, dem Geburtsort der späteren Kaiserin Elisabeth („Sissi“) von Österreich. Für die von Ludwig erwünschten große Paläste brachte Klenze aber auch sparsame Bürger unter, indem er sich als Makler betätigte, die Baukosten drückte und hinter den Palastfassaden mehrere Bauherren unterbrachte.

Viele der Gebäude in der Ludwigstraße wurden vom Maurermeister Rudolf Röschenauer errichtet, der so zu Wohlstand gelangte und in der Schönfeldvorstadt etliche Mietshäuser (erhalten: freistehendes Haus von 1814 in der Von-der-Tann-Straße 3 – Bild links unten) neben ehem. Schulgebäude von Ulrich Himbsel;  Mietshaus von 1844: Schönfeldstraße 28) selbst entwarf,  erbaute und in seinem Besitz hielt.

Friedrich von Gärtners Monumentalbauten im Rundbogenstil

 

1827 – zwei Jahre, nachdem er König von Bayern wurde – übertrug Ludwig I. die Planung des größten Bauwerks der Ludwigstraße, die Staatsbibliothek, an Klenzes Rivalen Friedrich von Gärtner. Klenzes Vormachstellung und das Projekt Ludwigstraße wurde durch den „großen Häuserbanquerot im Jahre 1830“ gefährdet. Klenze fand nun keine private Bauherren mehr für die Paläste und verlor auch die Gesamtplanung der Prachtstraße an Friedrich von Gärtner.

Gärtners Bauwerke wurden nun durch den Staat finanziert. Er entwarf im Rundbogenstil mit der Ludwigskirche, der Bayerischen Staatsbibliothek (Bild links unten) und der Universität nicht nur die monumentalsten Bauwerke, er gab der Ludwigstraße im Süden mit der Feldherrnhalle und im Norden mit dem Siegestor ihre Abschlüsse.

Die Stadt München schenkte Gärtner ein von Röschinger um 1830 erbautes klassizistisches Mietshaus in der Ludwigstraße 18 (heute Bauamt München), der es als Wohnhaus für sich und seine Familie umbaute und von dort direkt die benachbarte Großprojekte leitete.

Weil sich für die Bauten kaum private Bauherren und Geldgeber fanden, ließ Ludwig die Universität und das Priesterseminar Georgianum von Landshut nach München verlagern, auch wurden Stiftungen wie das Blindeninstitut oder Behörden wie die Bergwerks- und Salinen-Administration an seine Prachtstraße angesiedelt. Gegen heftigen Widerstand der Staatsregierung ließ der König für die Monumentalbauten auf der grünen Wiese Bayern tief verschulden.

Die Paläste der Malerfürsten und  Unternehmer

 

Als Ende der 1840er-Jahre die Prachtstraße weitgehend fertiggestellt war, befanden dahinter noch weitgehend unbebaute Wiesen. Im Schönfeldviertel war lediglich der Bereich um die Schönfeldstraße, die Villenstreifen am Englischen Garten und der Bereich an der Veterinärstraße bebaut. Bei der Ecke Veterinärstraße 10 / Kaulbachstraße 43 besteht noch ein zweigeschossiges Gebäude, das in die Zeit vor dem Bau der Ludwigstraße zurückreicht und in der später der Dichter Julius Bierbaum im Obergeschoss zur Untermiete ein „armseliges Studentenstübchen“ hatte. Zu den ältesten Wohnhäuser zählen die zwischen 1803 und 1812 erbauten Gebäude in der Veterinärstraße 8 und zehn, die um 1828 durch Carl Deiglmayr eine klassizistische Fassade erhielten.

Später stiegen auch östlich der Universität die Bodenpreise und in der Veterinärstraße (Hausnummer 7 und 9) entstanden viergeschossige Wohnhäuser, auch wurden hier ältere Häuser aufgestockt (Veterinärstr 8).  

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Schönfeldvorstadt zunehmend dichter bebaut und entwickelte sich zum Wohnviertel für Prominenz, Maler, Literaten und Studenten. So wohnte der von Ludwig I. an die Universität berufene Publizist und Napoleon-Gegner Joseph Görres in der Schönfeldstraße 16. Später verkauften seine Nachkommen das Wohnhaus mit Garten an Guido Jochner, der 1903 auf dem Grundstück seine Privatklinik Josephinum im Jugendstil von  Heilmann und Littmann errichten ließ.  

Wilhelm von Kaulbach, der 1837 von Ludwig I. zum Hofmaler ernannt wurde, erwarb 1844 in der Gartenstraße, mittlerweile nach ihm in Kaulbachstraße umbenannt, eine herrschaftliche Villa. Der Architekt des Münchner Rathauses, Georg von Hauberrisser, plante dort im Auftrag der Witwe des Malers zudem das Kaulbach-Museum. Hauberrisser entwarf in der Nähe auch Häuser für den Maler Franz von Defregger – Königinstraße 27 (links), 31 (zerstört), 26a (umgebaut) –  ein Tiroler Bauernsohn aus einfachen Verhältnissen, als Künstler und Professor in München zu Wohlstand gelangte. Auf der Westseite seines Grundstücks, heute Kaulbachstr. 22/22a/24, erbaute der bekannte Jugendstil-Architekt Martin Dülfer um 1900 eine assymetrisch gestaltete Wohnanlage. 

Großverdiener unter den Malerfürsten war aber Friedrich August von Kaulbach, ein Verwandter von Wilhelm von Kaulbach. der Kaiser Wilhelm II, Prinzregent Luitpold und Mitglieder der Industriellenfamilie Krupp malte. „Von ihm porträtiert zu werden, kostete rund das Zehn- bis Zwanzigfache des Jahresgehalts eines gut verdienenden deutschen Universitätsprofessors. 1888 ließ er in der Kaulbachstraße 15 von Gabriel von Seidl , der etwa zur gleichen Zeit die Residenz des Malerfürsten Franz von Lenbach baute, seine Villa im Renaissance-Stil (links) errichten.

Um 1900 entstanden im Viertel weitere Palais für Vermögende. So entwarf Leonhard Romeis herrschaftliche Wohn- und Mietshäuser in der Schackstraße (1898: Hausnummer 1; 1897: Hausnummer 2 – Bild unten links; 1898: Hausnummer 3; 1896: Hausnummer 4) gegenüber dem Siegestor.

 

Auftraggeber war der vermögende Josef Fahrmbacher sowie die Baumeister Michael Drexler und Xaver Aumiller. Die prächtigen Häuser in neubarocken Formen werden heute weitgehend für Büros von Unternehmen zu repräsentativen Zwecken oder auch von Universitätseinrichtungen genutzt.

1914, als das Ende des Königreichs mit dem Ausbruchs des 1. Weltkriegs eingeläutet wurde, ließ sich der königliche Kämmerer Edwin Graf von Seyssel d´Aix neben der Kaulbach-Villa (Bild oben links, links im Hintergrund) sein Haus zu einem herrschaftlichen Adelspalais umbauen. Das von den Gebrüder Rank im französischen Rokoko-Stil gestaltete Palais in der Kaulbachstraße 13 wird heute passenderweise vom Institut Francais genutzt.

Einen aufwendigen Haushalt führte zu dieser Zeit auch der Bamberger Tabakfabrikant Karl Michel, der sich 1909 in der Königinstraße 17 (Bild links unten) von Franz Deininger ein herrschaftliches Haus errichten ließ, wo außer der Familie eine Erzieherin und acht Hausangestellte untergebracht waren. Das Haus war ein wichtiger gesellschaftlicher Mittelpunkt der Prinzregentenzeit.

Schäden durch NS-Diktatur

Das NS-Regime verbreiterte die Von-der-Tann-Straße. Klassizistische Gebäude von Klenze wie das Herzog-Max-Palais wurden abgerissen und durch das Zentralministerium von Fritz Gablonsky und dem Reichsbankgebäude ersetzt. Im Norden entstand für den zum Reichsminister ernannten Rechtsanwalt Hitlers, Hans Frank, das Haus des Deutschen Rechts durch Oswald Eduard Bieber.

Andere Nazi-Größen, wie Hitlerfreund Adolf Wagner (1890–1944) Staatsminister des Innern und Gauleiter München-Oberbayern, bezogen das Viertel. Als Wagners Residenz diente die für ihn im Innern umgebaute Kaulbach-Villa. Schwerer als diese Eingriffe waren die folgenden Schäden durch Bombenkrieg. Für den teilweisen Wiederaufbau wurden Jahrzehnte benötigt. 

Nachkriegsarchitektur mit Trümmerziegeln

Die Entscheidung für den Wiederaufbaus der Ludwigstraße geht auf Oberbürgermeister Karl Scharnagl (CSU) und den Meitinger-Plans zurück. Äußerlich wurde das Ensemble weitgehend hergestellt, wobei renommierte Architekten wie Erwin Schleich und Josef Wiedemann mit ihren Rekonstruktionen Maßstäbe setzten.

Die Ausweitung der Universitätsinstitute, die zunehmende Nutzung ehemaliger Palais und Villen durch Unternehmen und das hohe Miet- und Preisniveau schränkt das Wohnen in der Schönfeldvorstadt auch heute auf einen Kreis von finanziell privilegierten Menschen ein.

Selbst das von Harald Roth entworfene ehemalige Fritz-Beck-Studentenhaus in der Veterinärstraße 1 (siehe Bild links) wird heute nicht mehr von Studenten bewohnt. Das Nachkriegsbauwerk wurde 1953 aus Trümmerziegeln errichtet und fällt mit seinen geschlämmten Mauerwerk und der Zurücknahme der Bauflucht auf. Stattdessen haben sich in dem Gebäude Institute der Universität eingerichtet.

Schönfeldvorstadt heute

Entlang der begehrten Königinstraße wurden vereinzelt moderne Wohnhäuser für ein zahlungskräftiges Klientel errichtet. Bemerkenswert wegen der erst bei genaueren Hinsehen erkennbaren gestalterischen Überraschungen, ist das 2013 nach einem Entwurf von Sauerbruch Hutton erbautes Wohn- und Bürohaus in der Königinstraße 33 (siehe Bild links)

Das aktuell größte Bauvorhaben ist nicht für Wohnnutzung bestimmt: In der Königinstraße entsteht das Nano-Institut und anstelle des Mittelbaus der Tierklinik ein weiteres Gebäude des neuen Physik Campus.

Architektonisch bedeutende Neubauten entstanden in der Nachkriegszeit übrigens mit der Erweiterung der Staatsbibliothek und dem US-Generalkonsulat durch Sep Ruf. Benjamin Thompson hätte sich darüber gefreut.

Das Viertel in Zahlen

Die Schönfeldvorstadt ist heute der östlichste Bezirksteil der Maxvorstadt. Im Norden bildet die Schackstraße die Grenze zum Bezirksteil Schwabing des Stadtbezirks Schwabing-Freimann, die Königinstraße begrenzt die Schönfeldvorstadt nach Osten hin zum Viertel Englischen Garten (Stadtbezirk Altstadt-Lehel). Der Hofgarten, der zum Altstadtviertel Graggenau gehört, bildet entlang der Galeriestraße die südliche Begrenzung. Im Westen trennt die Ludwigstraße die Schönfeldvorstadt vom Universitätsviertel, das ebenfalls zur Maxvorstadt gehört.

Einwohner: Das Durchschnittsalter der Einwohner liegt deutlich unter dem Stadtdurchschnitt, obwohl es wenig Familien mit Kindern gibt.

Infrastruktur: Das Viertel ist über die U-Bahnhöfe Odeonsplatz und Universität mit den U-Bahnlinien U3 und U6 an das ÖPNV-Netz angebunden. Einkaufsmöglichkeiten gibt es in der Altstadt und im Universitätsviertel. Freizeitmöglichkeiten bieten der Englische Garten und das Universitätsviertel, ein reiches Kulturangebot das Museumsviertel.

Immobilien: Das Mietangebot ist sehr gering, kann aber aus großen Altbauwohnungen für Mieten zwischen 2400 und 5000 Euro bestehen. Kaum Kaufangebote, keine Neubauprojekte für Wohnnutzung.