Steinhausen: Südlich der Prinzregentenstraße

Steinhausen, ein Bezirksteil von Au-Haidhausen, weist viele Baudenkmäler und eine interessante Geschichte auf. Hier wohnten die Kaffeehausbetreiberin Anna Kurz, der Malerfürst Franz von Stuck und Adolf Hitler. Wer heute hier wohnen will, muss hohe Preise oder Mieten zahlen.

Der Münchner Bezirksteil Steinhausen, der zwischen Altbogenhausen und Haidhausen liegt, ist heute von dichter Wohnbebauung südlich der Prinzregentenstraße geprägt. Bis 1890, als  die Stadtplaner das Gebiet entdeckten, gab es hier noch große Wiesen.

Von Anna Kurz Kaffeehaus zum Klinikum

An der östlichen Isarhangkante stand das Kaffeehaus von Anna Kurz, der Witwe eines königlichen Leibgardisten. Mithilfe von Spenden wurde dort 1834 eine lokale Kranken- und Armenversorgungsanstalt eingerichtet. Mit dem Bevölkerungszuwachs der Gründerzeit und der Eingemeindung von Haidhausen und Bogenhausen nach München wurde das Spital ständig erweitert.

Als der Heidelberger Erfinder und Architekt Wilhelm Rettig, auch Mitarbeiter von Paul Wallot beim Bau des Berliner Reichstags, zum Münchner Oberbaurat ernannt wurde, ließ er 1892 das ehemalige Kaffeehaus abreißen und stattdessen ein modernes Gebäude nach seinem eigenem Entwurf, dem heutigen Verwaltungstrakt des Klinikum rechts der Isar (siehe Foto links), errichten.

Hightech-Bauten für die Gesundheitsindustrie

Mittlerweile ist das heutige Universitätsklinikum der TUM, das aus 33 Kliniken und 17 Instituten besteht, mit rund 5000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber des Bezirksteils Steinhausen. Auch stehen mit dem neuen OP-Zentrum nach einem Entwurf von KSP Jürgen Engel Architekten und dem futuristisch geschwungenen Forschungszentrum für Translationale Onkologie (TranslaTUM) von Doranth Post Architekten moderne Neubauten kurz vor der Einweihung.

Theodor Fischers Baulinien

Doch das flächenmäßig kleine Steinhausen ist mit 7168 Einwohnern auch eines der am dichtesten besiedelten Münchner Wohnviertel. Ende des 19. Jahrhunderts entstand nordöstlich des Krankenhauses auf den bis dahin unbebauten Feldern innerhalb von wenigen Jahren ein urbanes Wohngebiet.

Professionellen Schwung in die Entwicklung brachte der von Rettig an die Spitze des neuen Stadterweiterungsbüros geholte 31-jährige Theodor Fischer, Rettigs ehemaliger Kollege im Büro von Wallot. Fischers Baulinien bestimmen noch heute die Straßenverläufe großer Teile Münchens, darunter auch die von Bogenhausen und Au-Haidhausen.

Luitpolds Prachtstraße

Das größte städtebauliche Projekt um 1900 war die Anlage der Prinzregentenstraße. Im Gegensatz zu den anderen Prachtstraßen – den von seinem Vater König Ludwig I. errichteten Ludwigstraße und Brienner Straße und der von seinem Bruder König Maximilian II. erbauten Maximilianstraße, wird die von Prinzregent Luitpold ab 1890 erbaute vierte Münchner Prachtstraße nicht von öffentlichen Bauten, sondern von bürgerlichen Wohn- und Mietshäusern flankiert.

Unweit des Friedenengels errichtete der „Malerfürst“ Franz von Stuck 1898 nach eigenem Entwurf seine neoklassizistische Ateliers-Villa, in dem sich heute das Museum Villa Stuck befindet. Östlich davon entstanden ab 1900 mehrgeschossige Mietshäuser, wie von Ludwig Grothe (Prinzregentenstraße 72) und Robert Graschberger (74) gestalteten Jugendstilbauten sowie 1911 die von Franz Deininger entworfenen neoklassizistischen Großbauten (64, 66, 68). 

Versteckte Perlen

Auch in den Seitenstraßen finden sich architektonische Perlen von den Baumeistern  Carl Evora, Georg Guinin,  Georg Neubauer, Johann Mund  Franz Popp,  Julius Volk und Adolf Ziebland sowie vom Büro Stengel und Hofer. Schöne Bürgerhäuser befinden sich in der Trogerstraße, Schneckenburgerstraße, Kuglerstraße (Bild: Schneckenburgerstraße), Zumpestraße oder der Lucile-Grahn-Straße (46).

Statt Semper-Oper für Wagner Littmanns Prinzregententheater

Gestalterischer Höhepunkt der östlichen Prinzregentenstraße ist das Prinzregententheater von Max Littmann, dem damals führenden Theaterbauer, das 1901 eingeweiht wurde. Ursprünglich war an der Isarhangkante eine Art zweites Festspielhaus für Richard Wagner geplant, das Gottfried Semper errichten sollte. Die Pläne zerschlugen sich. Stattdessen entstand Littmanns Prinzregententheater weiter östlich.

Das Theater am Prinzregentenplatz wurde nicht erwartungsgemäß in der Mitte der Sichtachse als Abschluss der Prachtstraße errichtet, sondern an der Seite. Stattdessen positionierte Theodor Fischer als malerische Platzbegrenzung ein Bürgerhaus, um das die Prinzregentenstraße mit einem Knick nach Osten verläuft (siehe Bild links: rechts das Prinzregententheater, im Hintergrund die bürgerhäuser am östlichen Platzabschluss).

Weimarer Zeit zwischen Neuer Sachlichkeit und Münchner Barock

Im Süden wird Steinhausen von de Einsteinstraße begrenzt. Die Mietshäuser sind wenig prachtvoll, boten aber Wohnraum zu bezahlbaren Mieten für Arbeiter, die in dem bis 1927 betriebenen Gaswerk am Kirchstein arbeiteten. Heute befinden dort der MVG-Straßennahnbetriebshof  und die Großbaustelle, wo die von Nieto Sobejano entworfenen Bavaria Towers in die Höhe wachsen.

Weiter westlich entstand 1922 in der Versaillerstraße der markante Ziegelbau von St. Gabriel, den Otho Orlando Kurz und Eduard Herbert als moderne Interpretation einer altchristlichen Basilika im Stil der Neuen Sachlichkeit entwarfen. Gegenüber befindet sich die etwa zeitgleich erbaute Wohnanlage des Beamtenwohnungsvereins mit den Kopfbau an der Versaillerstraße, deren Gestaltung von Eugen Dreisch im Vergleich zu St. Gabriel geradezu barock anmutet (siehe Bild links, Blicj über die Prinzregentenstraße zur Versaillerstraße).

Hitlers Neun-Zimmer-Wohnung und der Versuchsbau mit Hochbunkern

Der bekannteste Bewohner des Viertels war wohl Adolf Hitler. Nachdem der Wagner-Fan seit 1920 zur Untermiete im Lehel gewohnt hatte, bezog er im Oktober 1929 eine von seinem Gönner, dem Verleger Hugo Bruckmann finanzierte Neunzimmerwohnung im zweiten Stock des Jugendstil-Wohnhaus Prinzregentenplatz 16 von  Franz Popp .

In der Wohnung brachte sich knapp zwei Jahre später seine Nichte Geli Raubal um, dort empfing er anlässlich des Münchner Abkommens den britischen Premierminister Neville Chamberlain und den französischen Ministerpräsident Édouard Daladier. Heute befindet sich dort die Polizeiinspektion 22.

Während der NS-Zeit wurden an der Prinzregentenstraße von Fritz Norkauer entworfenen viergeschossigen Blockbauten Prinzregentenstr 99 - 113, die von quadratischen Luftschutzbunkern flankiert werden, erbaut. Sie dienten als Versuchsbau für die nie realisierte „Neuen Südstadt“. Heute befindet sich dort der Kunstbunker Tumulka.

Ob Studenten- und Luxuswohnungen – die Quadratmeterpreise sind hoch 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Nähe des Vogelweideplatz noch größere Bauwerke errichtet, die nun zum Teil durch Neubauten ersetzt werden.

So entsteht in der Steinhauserstraße 1-3 eine von Kupferschmidt Architekten modern gestalte Immobilie mit Studentenwohnungen (siehe Bild links), die Anlegern zu Quadratmeterpreisen von rund 9.000 Euro offeriert wird.  Etwas nordöstlich davon, wird die Wohnanlage The Grand mit Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen gebaut, die bis 9500 Euro pro Quadratmeter kosten.

Auf der westlichen Seite Steinhausens errichtet Legat Living bei der Villa Stuck die Troger Höfe mit 44 Luxuswohnungen sowie ein Boardinghouse. Die Preise der Wohnungen liegen zwischen 12.000 und 14.000 Euro pro Quadratmeter. Direkt angrenzend baut Legat Living auch die Wohnanlage T 19.

Die Wohnanlagen sind in Steinhausen traditionell trotz hoher Mieten und Preise eng bebaut. So erstreckt sich auch die benachbarte Wohnanlage tief über den gesamten Block. Erbaut wurde die Jugendstilanlage von Robert Graschberger bereits 1911.

 

 

Das Viertel in Zahlen

Steinhausen, ein Bezirksteil des Münchner Stadtbezirk Au-Haidhausen, wird im Norden durch die Prinzregentenstraße zu Altbogenhausen und der Parkstadt, zwei Bezirksteile von Bogenhausen, getrennt. Südlich der Einsteinstraße befindet sich Haidhausen-Nord und westlich der Ismaninger Straße Maximilianeum, ebenfalls beides Bezirksteile von Au-Haidhausen.

Einwohner: Das Durchschnittsalter der Einwohner liegt etwas unter dem Stadtdurchschnitt, obwohl es relativ wenig Familien mit Kinder gibt.

Infrastruktur: Das Viertel ist über die U-Bahnhöfe Max-Weber-Platz (Linien U4, U5) und Prinzregentenplatz (Linie U4) an das ÖPNV-Netz angebunden. Einkaufsmöglichkeiten gibt es am Max-Weber-Platz und im Einkaufszentrum Das Einstein. Freizeitmöglichkeiten bieten die Maximiliansanlagen und die Isar im Westen, kulturelle Angebote das Prinzregententheater und die Villa Stuck.

Immobilien: Das Mietangebot ist sehr begrenzt, beim Angebot an Eigentumswohnungen dominieren die teuren Angebote der Neubauprojekte.

Text: Ulrich Lohrer, Stand 07.12.2016

Bildnachweis: Visualisierung TranslaTUM: TUM Presse / Doranth Post Architekten; Steinhauser Str. 1-3, Visualisierung Walser Immobilien; sonst: Ulrich Lohrer