Vaterstetten: Bauoffensive auf der grünen Wiese

Die östlich von München gelegene Gemeinde weist eine Geschichte der Friedensverhandlungen und neuerdings aufgrund der guten Infrastruktur ein hohes Bevölkerungswachstum auf. Nun entsteht mit Vaterstetten ein großes Wohnquartier.

 

Obwohl Vaterstetten mit knapp 23.000 Einwohnern zu den größeren Gemeinden im Osten Münchens zählt, trägt das heutige Gemeindegebiet erst seit 1978 diesen Namen.

Zuvor wurde die Gemeinde, zu der neben Vaterstetten auch die Ortsteile Baldham, Hergolding, Neufahrn, Parsdorf, Purfing und Weißenfeld zählen, nach dem bis dahin größten Ortsteil Parsdorf benannt. Dort befand sich die wichtige Posthalterei. Vaterstetten wird in der Zeit davor kaum erwähnt, die Namen der anderen Ortsteile dagegen schon. So wurde Purfing, der älteste Ortsteil, bereits um 600 v. C. besiedelt, und Weißenfeld unter dem Namen Wizzinfeld erwähnt. Kaiser Heinrich III. hatte 1056 auf dem Sterbebett seine Gattin beauftragt, dieses Reichsgut für ihn zu verwalten.

Sondierungen der Generäle.

Im Jahr 1800 handelte der französische Revolutionsgeneral Jean-Victor Moreau, Napoleons Rivale, mit dem österreichischen Generalmajor Franz Joseph von Dietrichstein in Parsdorf einen Waffenstillstand aus, der bereits nach einem halben Jahr wieder durch die Schlacht bei Hohenlinden gebrochen wurde und zur Niederlage der Österreicher mit ihren bayerischen Verbündeten führte.

145 Jahre danach wurde im benachbarten Ortsteil Baldham ein anderer Waffenstillstand ausgehandelt: Am 5. Mai 1945, zwei Tage nach dem Selbstmord Hitlers, trafen sich die Delegationen der deutschen Heeresgruppe G und der 7. US-Armee, um über die Kapitulation der gut 200.000 deutschen Soldaten in Süddeutschland zu verhandeln.

 

Das Atelier für Hitlers Bildhauer von Monumentalstatuen

Die Kapitulationsverhandlungen in Baldham zwischen General Jacob L. Devers, und General Hermann Foertsch fanden in dem Atelierbau des Bildhauers Josef Thorak statt. Das von Albert Speer entworfene und 1937 erbaute Gebäude mit neun Meter hohen Metalltüren und Oberlicht diente als Ort zur Herstellung von Monumentalstatuen, für die Thorak bei Führer und Volk beliebt und bekannt war. Seit Ende der 1980er-Jahre wird das denkmalgeschützte Bauwerk (siehe Bild unten links) von der Archäologischen Staatssammlung als Lager genutzt.

Außer einigen Kirchen wie St. Pankratius (siehe Foto oben links) in Vaterstetten, St. Nikolaus in Parsdorf oder St. Korbinian in Baldham, Bauernhöfen (siehe Bild links), Gasthäusern und Brennereien hat die Dörferansiedlung kulturhistorisch wenig Bedeutendes zu bieten.

Luxus und Prominenz der Villenkolonie.

Dennoch wohnten einige Prominente in der Gegend zwischen Münchner Schotterebene und dem Ebersberger Forst.

So zog der berühmte österreichische Physiker und Philosoph Ernst Mach vor dem Ersten Weltkrieg zu seinem Sohn Ludwig Mach, dem Erfinder eines Gerätes zur Lichtmessung und der Legierung Magnalium, nach Vaterstetten. Die Mozartsiedlung in der ehemaligen Kolonie Baldham, die vor der Gebietsreform von 1978 noch zu der Gemeinde Zorneding gehörte, war ein beliebter Künstlerwohnort. Dort lebten lange Jahre der österreichische Dirigent Karl Böhm und dessen Sohn, der Schauspieler Karlheinz Böhm, sowie die Sängerin Erika Köth. Der Komponist Harold Faltermeyer und die Schauspielerin Katharina Böhm, Tochter von Karlheinz Böhm, wohnen noch heute hier. Südlich an Baldham grenzt das Gut mit dem Weiler Möschenfeld, der 1895 von dem Bankier Wilhelm von Finck erworben wurde und noch heute im Besitz der Milliardärsfamilie ist. Seither hat die Villenkolonie viel vom Luxusstatus verloren. Der Münchner Baulöwe und Makler Rolf Rossius lästerte bereits 2004: „Hier schaut hinter manch prunkvoller Eingangsituation die Armut hervor.“

Starker Bevölkerungszuwachs im Westen Vaterstettens

Viel gebaut wurde allerdings im heutigen Ortsteil Vaterstetten. Ein starker Bevölkerungszuwachs setzte in der Gemeinde Ende der 1960er-Jahre aufgrund der guten Anbindung von Vaterstetten an die S-Bahn-Linie S6 und den Münchner Autobahnring A99 sowie der Autobahn A 94 (München – Passau) ein: Von 1961 bis 2016 verdreieinhalbfachte sich die Einwohnerzahl auf 22.936.

Aktuell erlebt die Gemeinde durch den Bau von Vaterstetten-West eine neue Erweiterung nordwestlich des ehemaligen Dorfkerns von Vaterstetten. 2014 fand dafür ein städteplanerischer Wettbewerb statt, den die Münchner Steidle Architekten zusammen mit Grabner Huber Lipp Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, Freising gewonnen hatten. Der Plan sieht ein kompakt bebautes Quartier für Wohnen und Gewerbe mit einem Seniorenheim vor, der durch drei großzügig und gut geschnittene öffentliche Grünzüge aufgelockert wird. Verschiedene Projektentwickler und Bauträger errichten mehrgeschossige Wohnhäuser und Doppelhäuser. Kurz vor der Fertigstellung ist die Wohnanlage Freiraum Vaterstetten der Münchner Demos. Die Wohnungen, die noch nicht verkauft sind, bietet Demos für etwa 6500 Euro pro Quadratmeter an.

HI Wohnbau, die Wohnanlagen in zwei Bauabschnitten errichtet, hat nun mit dem Verkauf des zweiten Bauabschnitts „Dahoam“ bei der Dorfstraße begonnen. Die Angebotspreise liegen bei dem Preisniveau von Demos. Das gleiche gilt für die von Walser Immobilien offerierten Neubauwohnungen im Birkenweg 17.

Weiter südöstlich Richtung Ortsteil Baldham errichtet die RS Wohnbau in der Johann-Strauß-Straße 4 insgesamt vier Doppelhaushälften. Ein Reiheneckhaus mit rund 140 Quadratmeter Wohnfläche wird für knapp eine Million Euro, ein Reihenmittelhaus für 130.000 Euro weniger, offeriert.

Am 26. Juni 2018 wurde im Rathaus neben der Kirche Zum Kostbaren Blut (Bild links) der 200-jährige Geburtstag der Gemeindegründung gefeiert. Nur wenige der neuen Bürger wissen, dass bis 1978 der Gemeindename Parsdorf lautete.

 

Die Gemeinde in Zahlen

Vaterstetten ist die bevölkerungsreichste Gemeinde des Landkreis Ebersberg. Nördlich von Vaterstetten befindet sich die Gemeinde Poing, nordöstlich Anzing und südöstlich Zorneding, ebenfalls zum Landkreis Ebersberg zugehörig. Westlich von Vaterstetten liegen von Norden nach Süden Kirchheim, Feldkirchen, Haar und Grasbrunn, die zum Landkreis München zählen.

Einwohner: Vaterstetten ist durch ein niedriges Durchschnittsalter, geringen Ausländeranteil und einen hohen Anteil an Familien mit Kindern gekennzeichnet. 

Infrastruktur: Die Gemeinde verfügt über zwei Haltestellen (Vaterstetten, Baldham) der S-Bahn-Linien S6 und S4. In der Nähe verlaufen die Autobahnen A99 (Münchner Ringautobahn) und A94 (München-Passau). In Vaterstetten gibt es vier Grundschulen, eine Mittelschule und eine Realschule sowie ein Gymnasium. Einkaufsmärkte gibt es u.a. am Bahnhof Baldham und in der Johann-Sebastian-Bach-Straße.

Immobilien: Ein großes Angebot an neuen Eigentumswohnungen gibt es aktuell im Neubaugebiet Vaterstetten-West.

Text: Ulrich Lohrer, 10.07.2018

Bildnachweis: Fotos von Ulrich Lohrer