Wolfratshausen: Wohnen in der Flößerstadt

Die Stadt Wolfratshausen an Loisach und Isar 30 Kilometer südlich von München ist aufgrund der landschaftlichen Schönheit und der guten Verkehrsanbindung ein begehrter Wohnort. Doch die Topografie begrenzt auch das Wohnungsangebot.

 

Im Internetauftritt der Stadt wird Wolfratshausen als historische Flößerstadt zwischen Isar und Loisach bezeichnet. Tatsächlich ist die Flößerei bereits seit dem 12. Jahrhundert, dokumentiert – knapp ein Jahrhundert nachdem „Wolueradeshusun“ in einer Urkunde von König Heinrich 1003 erstmals erwähnt wurde.

Anfänge der Flößerstadt

1159 verlieh Berthold III., Graf von Andechs, den Flößern von Wolfratshausen das Zunftrecht und stiftete eine Zunftfahne mit dem Abbild des Heiligen Nepomuk, der als Brückenpatron auch für die Flößer zuständig war. Vier Jahrzehnte zuvor hatte eine Seitenlinie der Grafen von Andechs – die Grafen von Wolfratshausen – auf dem Berg westlich der Loisach eine Burg errichtet, die bis zum 16. Jahrhundert zum Schloss umbaut wurde. Am 17. April 1734 wurde es allerdings durch einen Blitzeinschlag im Pulverturm zerstört.

Rohstoff Holz als Voraussetzung für die Entstehung der Städte

Zwischen Burgberg und der Loisach prosperierte die Flößersiedlung. Bauholz, Steine, Kalk und andere Materialien, die im waldreichen gebirgigen Oberland bei Mittenwald, Lengries, Tölz, Eschenlohe und Kochel reichlich vorhanden waren, wurden von Loisach und Isar über Wolfratshausen nach München, Freising und Landshut befördert. Dabei wurden die Baumstämme zu Flößen zusammengebunden und isarabwärts getrieben. Darauf konnten dann weiteres Holz und andere Baumaterialien, aber auch Getreide, Käse und Tiere, befördert werden.

Mit dem Aufkommen der Städte im 11. Jahrhundert stieg die Nachfrage nach Holz. So benötigte für den Bau der Münchner Frauenkirche (1468 bis 1488) Zimmermeister Heinrich für den Dachstuhl 147 schwerbeladene Bauholzflöße. An der Zollstelle Wolfratshausen legten 1496 an der vorgeschriebenen Landestelle 3.639 Flöße an.

Marktplatz am Westufer der Loisach

In der Flösserstadt, die 1312 durch Herzog Rudolf von Bayern die Marktfreiheit erhalten hatte, florierte der Handel zwischen dem Oberen und Unteren Tor. Das Zentrum zwischen Obermarkt und Untermarkt (Bild unten links) bildet der Marienplatz, an dem sich das Rathaus und die 1626 durch den Münchner Hofmaurermeister Georg Graf erbaute Kirche St. Andreas befindet. Sie ist eine der wenigen erhaltenen Bauwerke vor 1632, als schwedische Truppen im 30-jährigen Krieg den Markt zerstörten.

Auch das Kreuzgewölbe des Gasthauses am Obermarkt 2, das 1619 erstmals erwähnt wurde und seit dem Erwerb durch den Brauer Hans Humpl nach diesem bezeichnet wird, zählt zu den ältesten erhaltenen Gebäudeteilen. Seit 1912 befindet sich das Gasthaus im Besitz der Familie Fagner und ist Schauplatz von Oskar Maria Grafs Erzählung „Die Firmung“.

Die Altstadt bietet heute mit ihren weitgehend aus dem 19. Jahrhundert erbauten Häusern ein malerisches Bild. Sie tragen die Namen und Berufe ehemaliger Eigentümer, wie Schustergirgl, Schönwastl, Mäuserbräu, Krautschäffler, Schilcherbäck, Floßmann Eusebi, Untersattler und Weissgerber.

Bahn verdrängt Flösser.

Die Floßfahrt in Wolfratshausen erreichte 1848 ihren Höhepunkt mit jährlich rund 5800 Flößen. Dann begann man, die Versorgung der Großstädte wie München mit Baumaterialien zunehmend auf die Schiene zu verlagern. Am 27. Juli 1891 nahm auch die Isartalbahn von München auf dem Abschnitt von Ebenhausen nach Wolfratshausen ihren Betrieb auf und beförderte im Eröffnungsjahr 292.000 Fahrgäste. 1924 wurde mit dem Loisachkanal die Hochwassergefahr gebannt.

Entstehung der Siedlungen Schießstättstraße und Waldram

Der Nationalsozialismus brachte tiefe Einschnitte in die Stadt. 1937 wurde im Staatsforst Wolfratshausen mit dem Bau einer Sprengstofffabrik und den Unterkünften für deutsche Arbeiter und ausländische Zwangsarbeiter begonnen. Für die Angestellten entstand entlang der Schießstättstraße eine – heute denkmalgeschützte –  Wohnsiedlung im alpenländischen Heimatstil (bild unten links). Nach dem Krieg wurde aus dem ehemaligen Lager Föhrenwald ein Lager für „displaced persons“ – hauptsächlich Juden, die den Holocaust überlebt hatten. Aus diesem entstand 1957 der Ortsteil Waldram.

Wolfratshausen ist aufgrund der Schönheit der Landschaft an Loisach und Isar sowie der Nähe zum Starnberger See ein beliebter Wohnort. Über die S-Bahn oder die A95 München-Garmisch ist München in 20 Minuten erreichbar. Entsprechend hoch sind Immobilienpreise und Mieten. „Wer in mittlerer bis guter Lage eine Neubau-Etagenwohnung kaufen möchte, muss sich auf Quadratmeterpreise jenseits der 5.500 Euro einstellen. Die Kaufpreise für Doppelhaushälften im Bestand liegen zwischen 650.000 Euro und 800.000 Euro“, sagt Peter Schneider, Inhaber der Schneider & Prell Immobilientreuhand und Mitglied des Gutachterausschusses des Landkreises.

Kaum freie Flächen für neue Wohnquartiere

Der angespannte Wohnungsmarkt lässt sich durch neue Wohnquartiere kaum entschärfen, da die Erschließung neuer Flächen topografisch sehr begrenzt ist: Der Bergwald sowie Isar und Loisach mit ihren Naturschutzgebieten schränken die Möglichkeiten stark ein, und die landwirtschaftlichen Nutzflächen im Süden zum Geretsrieder Ortsteil Gelting möchte die Stadtverwaltung wegen des Erholungswertes erhalten. Man setzt deshalb eher auf Nachverdichtung.

Bauvorhaben in der Altstadt und am Bahnhof

In der Alstadt, in der der Einzelhandel unter der ungünstigen Verkehrslage leidet, lassen die Unternehmensgruppe Scherbaum und Dr. Harald Mosler, Geschäftsführer der Projektgesellschaft am Untermarkt 7-11, an der Stelle des ehemaligen Isar-Kaufhauses ein Gebäude mit Ladenflächen für den Ankermieter Drogeriemarkt Müller und mit zwölf Wohnungen errichten. Für Entspannung der Parksituation soll ein neues Parkhaus am Hatzplatz sorgen. Und in der Sauerlacher Straße 20 – 24 baut L-Homes ein Wohn- und Geschäftshaus mit 15, bereits verkauften, Wohneinheiten. Und in den von Einfamilien- und Doppelhäusern geprägten Ortsteilen Farchet und Weidach / Nantwein entstehen mehrere Doppel-, Reihen- und Mehrfamilienhäuser.

Größere Entwicklungen stehen in Wolfratshausen nicht an. „Eine Ausnahme könnte in naher Zukunft das knapp 11.000 Quadratmeter große Kraft-Areal östlich des Bahnhofs bilden. Neben Gewerbeflächen sollen hier auch Wohnungen entstehen“, weiß Peter Schneider. An der Wohnungsknappheit  der Flößerstadt wird dies nur wenig ändern.

 

 

 

 

Text und Fotografien: Ulrich Lohrer; Stand 11.07.2019

 

 

 

Die Stadt in Zahlen

 

Wolfratshausen ist eine Stadt im oberbayerischen Landkreis Wolfratshausen-Bad Tölz. Die Landeshauptstadt München liegt etwa 30 Kilometer nördlich. Wolfratshausen grenzt im Norden an die Gemeinde Icking, nach Osten an die Gemeinde Egling, Nach Süden an die Stadt Geretsried und nach Westen an die Gemeinde Münsing am Starnberger See.

 

Einwohner: In Wolfratshausen leben überdurchschnittlich viele Familien mit Kindern.

Infrastruktur: Der Bahnhof Wolfratshausen ist Endstation der S-Bahn-Linie S 7 nach München, die 2028 Richtung Süden bis nach Geretsried ausgebaut werden soll. Die Bundesautobahn 95 führt nahe an der Stadt vorbei. Wolfratshausen verfügt über viele Schulen. Der Märchenwald, die Naturschutzgebiete an der Pupplinger Au, der Bergwald und die Loisach bieten Freizeit- und Sportmöglichkeiten. Einzelhandel befindet sich in der Altstadt und in der Königsdorfer Straße (Edeka, Rewe, Aldi).

Immobilien: In der Stadt werden im Vergleich zum benachbarten Gerretsried wenig Wohnimmobilien gehandelt.

Weitere Informationen:

Stadt Wolfratshausen: Internetauftritt

Immobilienmarkt: Marktberichte Schneider & Prell